Handball

Extrem langen Atem bewiesen

  • Ralf Waldschmidt
    VonRalf Waldschmidt
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Der Handball-Drittliga-Aufsteiger HSG Wetzlar U23 weist kurz vor dem Hinrunden-Ende 18:8 Punkte auf. Nachwuchskoordinator Andreas Klimpke erklärt, warum es läuft.

Als Bundesligaspieler bis zur Saison 2005/2006 hat Andreas Klimpke neben seinem großen Bruder Wolfgang Dutenhofener Handball-Geschichte geschrieben, als Trainer setzte er ein Jahrzehnt lang bei der Jugend und in der Oberliga sein Engagement fort, bevor ihn vor etwa einem Jahr eine Erkrankung dazu zwang, als Jugendsportkoordinator stärker im administrativen Bereich als täglich in der Halle tätig zu sein. Der heute 46-Jährige hat – egal in welcher Funktion – enormen Anteil daran, dass das Konzept der Wetzlarer Verantwortlichen in Bezug auf eine durchgängige Nachwuchs- und Aufbauarbeit von der C-Jugend bis zur Bundesliga immer stärker Früchte trägt. Mit der Verpflichtung von Thomas Weber als Trainer 2014 sowie dem gezielt geförderten Jahrgang 1997/98 ist man den gesteckten Zielen – zwischenzeitlich gekrönt durch die deutsche A-Jugend-Meisterschaft 2017 – näher gekommen.

Andreas Klimpke, nach mehr als eineinhalb Jahrzehnten ist im Sommer endlich der Sprung in die Drittklassigkeit mit der U 23 gelungen. Sie selbst haben einige gescheiterte Versuche miterlebt. Worin sehen Sie den Grund, dass es endlich geklappt hat?

Klimpke: »Das Ganze endlich auf den Weg gebracht hat die günstige Konstellation mit dem starken Jahrgang 1997/98. Die jungen, gut ausgebildeten Spieler haben neben den etablierten Kräften wie Tim Weber, Timo Ludwig, Fabian Kraft oder Julian Wallwaey für frischen Wind gesorgt. Wichtig war vor allem, dass wir nie den Glauben an unser Konzept verloren und dabei nichts mehr – wie früher vielleicht – übers Knie gebrochen haben.«

Der Bundesliga-Unterbau ist oft als Mitfavorit in einer Saison gestartet, auch als es die Regionalliga noch gab, gereicht hat es aber nie. Zwischenzeitlich wurde deshalb vieles infrage gestellt.

Klimpke: »Das ist Vergangenheit. Es hat sich ausgezahlt, dass wir einen langen Atem bewiesen haben. Wir können zufrieden sein, denn wir haben für unsere Bundesliga-A-Jugend und die nachfolgenden Nachwuchsteams mit der 3. Liga eine Tür aufgemacht.«

Welche Rolle spielt Trainer Thomas Weber?

Klimpke: »Seine Verpflichtung vor vier Jahren war eine richtige und wie man heute sieht sehr wertvolle Entscheidung für den Verein. Ich arbeite mit Thomas seitdem sehr vertrauensvoll und intensiv zusammen, mit ihm ist es uns gelungen, unsere Konzepte erfolgreich umzusetzen. Es war somit eigentlich ein logischer Schritt, dass er neben der A-Jugend- auch das Drittligateam als Trainer verantwortet. Die gesamte sportliche Ausrichtung ist eng mit seiner Person verbunden.«

Das Ziel 3. Liga gab es schon, als Rainer Dotzauer noch die Führungskraft bei den Grün-Weißen war. Mittlerweile hat man lückenlose Strukturen von der U 15 bis zur U 23 geschaffen. Das Fernziel ist, so oft wie möglich Spieler aus der eigenen Talentschmiede in die Bundesliga-Mannschaft zu bringen. Wem trauen Sie das aktuell neben Till Klimpke zu?

Klimpke: »Das Grundkonzept sagt genau das aus. Durchlässigkeit von der C-Jugend bis zur Bundesliga gewährleisten. Ich denke, ein Torben Waldgenbach, der nach seiner Rückkehr mittlerweile förmlich explodiert, ein Hendrik Schreiber und auch ein Ian Weber, der ja erst Jahrgang 2000 ist, haben allesamt die handballerischen Anlagen, diesen Weg zu gehen.«

Zurück zur aktuellen Situation in der 3. Liga. An den ersten zwei, drei Spieltagen hat sich der aktuelle Höhenflug noch nicht abgezeichnet.

Klimpke: »Das stimmt. Da hat es noch an vielem gehapert, da ist unsere junge Mannschaft noch mit zu viel Respekt vor den Gegnern in die Partien gegangen. In Nieder-Roden, gegen Baunatal und in Gelnhausen haben wir richtig Lehrgeld gezahlt. Wenn die gleichen Spiele in der Rückrunde anstehen, bin ich echt gespannt, wie es dann aussieht.«

Dann aber ist der Knoten mit dem Heimsieg über die SG Bruchköbel geplatzt.

Klimpke: »Eigentlich erst mit dem Auswärtssieg in Groß-Bieberau, seitdem hat es acht Sieg in Folge gegeben. Unglaublich. Vor allem zuletzt gegen Hanau, die uns körperlich eigentlich hoch überlegen sind, dennoch hat das die Truppe super gelöst. Wir haben einen Lauf. An diesem haben Trainer, Umfeld und Mannschaft den gleichen Anteil.«

Trotz der fortwährenden personellen Unsicherheit, dass mit Hendrik Schreiber oder Torben Waldgenbach immer mal wieder Spieler an das Bundesliga-Team abgetreten werden müssen oder sich Tim Rüdiger schwer verletzt hat. Sie haben sensationelle 18:8 Punkte auf dem Konto und liegen nur einen Zähler hinter Rang zwei.

Klimpke: "Das macht es ja gerade so unfassbar. Die Spieler sind super ausgebildet, technisch stark und taktisch gewieft. Herausragend ist die mannschaftliche Geschlossenheit. Dazu ist unsere offensive Abwehr ein großer Trumpf und Torhüter Jane Cvetkovski wird trotz der späten Verpflichtung ein immer bedeutsamerer Faktor. Außerdem kann das Team wie kaum ein anderes über 60 Minuten volles Tempo gehen.«

Am Samstag kommt mit dem ThSV Eisenach der ungeschlagene Topfavorit und 24:2-Punkte-Spitzenreiter, der – am Personal gemessen – eigentlich eher als Zweitligist zu betrachten ist.

Klimpke: »Das wird interessant, denn wir haben ja nichts zu verlieren. Ich hoffe auf eine ordentliche Kulisse, denn die hat sich die Mannschaft mit ihren acht Erfolgen in Serie verdient.«

Das alles ändert aber weder an der Saison-Zielsetzung noch am Gesamtkonzept etwas.

Klimpke: »Natürlich sind wir selbst überrascht, mit so einer jungen Truppe nach 13 Spieltagen so gut dazustehen. Unser Ziel ist aber nach wie vor der vorzeitige Klassenerhalt. Konzeptionell sind wir von der U 15 bis zur Bundesliga-Mannschaft sehr gut aufgestellt. Wir haben ein ausgezeichnetes Trainerteam, weshalb wir bei allen Höhen und Tiefen der Vergangenheit immer unsere Ziele weiterverfolgen konnten und auch weiterhin verfolgen werden.«

Sie mussten aus gesundheitlichen Gründen schweren Herzens aus der Halle raus und hinter den Schreibtisch. Wie haben Sie persönlich die letzten zwölf Monate erlebt?

Klimpke: »Momentan ist alles gut, ich fühle mich gut. Nur bei den Kontrollterminen bin ich immer etwas nervös. Aber das dürfte verständlich sein. Als Spieler, Trainer und nunmehr Jugendkoordinator bin ich natürlich froh und dankbar, dass ich mein Hobby zum Beruf machen durfte. Von Haus aus habe ich dafür seit jeher Rückendeckung, weshalb ich mich auch heute wieder so einbringen kann, denn die Tätigkeit ist nicht mit einem geregelten Acht-Stunden-Tag zu handeln. Die Aufgabenvielfalt ist ebenso interessant wie umfangreich. Ich denke, wer so einen Job machen darf wie ich, kann sich nicht beklagen. Ganz im Gegenteil.«

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