Von Extra-Portionen, Professoren-Stolz und Integration

Der Gießener Schwimmer Tjard Neumann berichtet in der Gießener/Alsfelder Allgemeinen Zeitung von seinem zehnmonatigen Aufenthalt in den USA als Sportstipendiat und gibt Tipps für interessierte Sportler.

(phk) Völlig locker sitzt Tjard Neumann am Tisch. Sein lässiger Look kann nur schwer die Muskeln verbergen, die riesigen Hände liegen gefaltet vor ihm. Der 20-jährige Schwimmer vom Gießener SV hat in seiner noch jungen Laufbahn schon einiges erlebt. Regelmäßig ging er bei den Hessischen Meisterschaften an den Start, nahm 2011 bei den Süddeutschen Meisterschaften teil und sammelte Erfahrungen auf nationaler Ebene. Als Akteur der DLRG-Ortsgruppe Pohlheim war er ebenfalls 2010 im Aufgebot für die Weltmeisterschaften in Ägypten. Es folgte 2011/12 ein zehnmonatiger Aufenthalt des Gießeners auf der anderen Seite des "großen Teichs". Als Inhaber eines Sportstipendiums an der University of Tenneessee, USA, wo er studierte und schwamm. Jetzt ist er wieder zurück und berichtet von seinen außergewöhnlichen Erlebnissen im und um den Schwimmsport und gibt hilfreiche Tipps für interessierte Sportler, die sich ebenfalls ein Jahr fernab der Heimat und für den Sport vorstellen können.

Bereits mit sieben Jahren kam Neumann zum Schwimmsport und wurde wegen seines Talents und seines Trainingsfleißes nach eigenen Angaben schnell zu gut für die DLRG. Auf Rat seines Übungsleiters Marc Heimann, der derzeit Landestrainer ist, kam er zum Gießener Schwimmverein, wo er seitdem trainiert und Wettkämpfe schwimmt. Über 50 Meter Freistil hält Neumann trotz seiner einjährigen Abstinenz mit 24,77 Sekunden noch den Vereinsrekord der SG Mittelhessen, in der auch der GSV integriert ist.

In seinem Abiturjahr 2011 auf der Herderschule hatte Neumann sich Gedanken über seine sportliche und berufliche Zukunft gemacht – mit ernüchterndem Ergebnis. "Ich hatte im Prinzip keine Ahnung", erinnert er sich und lacht. Dann habe er sich mit einem Freund unterhalten, der Tennis spielt und der von seinem Trainer angesprochen wurde, ob er sich nicht ein Jahr in den USA vorstellen könne, doch der lehnte ab.

"Ich war bereits vorher ein Jahr mit einem Austausch dort, mag das Land und die Leute und hatte sowieso nach dem Abitur einen längeren Aufenthalt außerhalb Deutschlands geplant", war Neumanns Interesse durch das Gespräch geweckt und so begann er sich im Internet zu erkundigen.

"Es gibt Organisationen, die Stipendiaten für bestimmte Sportarten suchen, darunter Schwimmen, Tennis, Fußball und mehr", erklärt er. Die Bedingungen seien sehr unterschiedlich, aber letztlich laufe es darauf hinaus, dass man diesen Agenturen etwa 100 Euro sowie seine Leistungen und alle persönlichen Daten mitteilt und die dann Stipendien für den Sportler suchen. Auf einem Portal würden die Trainer der amerikanischen Colleges die "Angebote" sehen, um ihrerseits bei Interesse den Sportler direkt anzuschreiben, um diesem daraufhin das konkrete Angebot der Uni zu unterbreiten.

"Die University of Tenneessee war eines der besten Angebote, auch wenn es nicht ganz ein ›fullbright" war", erklärt Neumann seine Entscheidung. ›Fullbright" bedeutet, dass die Kosten für Universität, Unterkunft und Verpflegung komplett übernommen werden, darüber hinaus gibt es unterschiedlich große Teil-Stipendien.

Der junge GSVler entschied sich für ein BWL-Studium, weil das das einzige Studienfach ist, dessen Abschlüsse in Deutschland anerkannt werden. "Ich habe von Anfang an gesagt, dass es dann sein muss", so Neumann, der kein Jahr "verschwenden" wollte. Zwar seien die Noten ein Thema, doch hätte im Zweifelsfall der Trainer eine gewichtige Stimme. "Das ist der ganz große Unterschied zu Deutschland", schaltet sich der Sportliche Leiter vom GSV, Thomas Mulitze, ins Gespräch ein, "der Sport ist der Treiber, und das andere kommt mit dazu."

So hätten die Schwimmer laut Neumann diverse Möglichkeiten zur Unterstützung mit dem Lernstoff und würden schon mal eher einen Aufschub für die Abgabe einer Arbeit bekommen. "Die Professoren und die Umgebung kennen dich da einfach, und die kommen montags auch zu dir und klopfen dir für eine gute Leistung auf die Schulter", beschreibt der Gießener die Gepflogenheiten an der US-Uni. Die Vorteile am College seien "deutlich fördernd für die sportliche Leistung", da der Stress nicht so groß sei. Gleichzeitig würden die Athleten auch in vielerlei Form mehr von den Unis unterstützt: Trainings- und Wettkampfausrüstung würden gestellt, Akzeptanz und Stolz seien die vorherrschenden Gefühle, die den Sportlern entgegengebracht würden. "In der Uni wirst du einfach anders angesprochen und in der Mensa gibt es vor Wettkämpfen eine Extra-Portion", erzählt er von seinen Erlebnissen und fügt mit einem Zwinkern hinzu, "auch bei den Mädchen ist es natürlich nicht hinderlich, Teil eines Teams zu sein".

Der normale Tagesablauf unterscheide sich allerdings nicht so sehr von dem in Deutschland: Von sechs bis halb acht ist morgens Früh-Training angesagt, danach Frühstück und von acht bis 13 Uhr Uni, dann Mittagessen, eine Pause und von halb vier bis 18 Uhr wieder Training, schließlich Abendessen und den Rest des Tages Hausaufgaben und soziale Kontakte. Dennoch habe er aufgrund der geringen Anfahrtswege im Vergleich zu Deutschland einiges an Zeit gespart, die man sinnvoller nutzten konnte. Auch die Wettkämpfe liefen anders ab, da eben nur ein College gegen ein anderes schwimme und man sich nur auf eine kleine Auswahl an Strecken beschränke. So hat jeder Schwimmer nur drei bis vier Einsätze, und der Trainer plant ein, welche Strecken von wem geschwommen werden, um möglichst viele Punkte im prestigeträchtigen Kampf gegen das andere College zu sammeln.

Ein weiterer Unterschied: "Das Zuschaueraufkommen ist definitiv größer, denn das Motto ist ›Take pride in your College" (Sei stolz auf dein College) und deshalb kommen da alle vorbei und feuern ihr Team an", begeistert Neumann noch heute die Atmosphäre im Schwimmstadion, die in Deutschland nur sehr selten aufkommt. Gleichzeitig sei auch die Verbindung innerhalb der Mannschaft enger, weil Teambuildingmaßnahmen und gemeinsame Events zur Tagesordnung gehörten. "Das verbindet natürlich, wenn man so viel gemeinsame Zeit verbringt, und es entstehen tolle Freundschaften", schwärmt der USA-Fan, der auch jetzt noch intensiven Kontakt in die Staaten hat.

Deshalb lauten seinen Tipps für Sportler und Sportlerinnen, die sich ebenfalls einen Auslandsaufenthalten vorstellen können neben sehr guten Englischkenntnissen und Wort und Schrift (vor der Abreise ist ein Test zu absolvieren) auch Kontaktfreudigkeit.

"Integration ist wichtig, wenn man sich beim Essen alleine hinsetzt, während das Team zwei Tische weiter isst, wird das nicht gerne gesehen", betont er den Zusammenhalt an, der – so Mulitze – auch zum Erfolg der amerikanischen Athleten bei Olympia beigetragen hat. Gleichzeitig müssten sich die jungen deutschen Sportler aber auch über die Kosten bewusst sein. Etwa 10 000 Dollar (umgerechnet 8000 Euro) musste Neumann für Uni-Kosten und Lebensunterhalt aus eigener Tasche drauflegen, man habe ja neben Sport und Lernen "nicht allzu viel Zeit zum Geldausgeben" sagt der 20-Jährige mit einem Grinsen. Die Kosten können je nach Leistung und College sehr variieren, daher lohnt es sich im Vorfeld, Vergleiche anzustellen und das Budget durchzurechnen.

Sein Fazit nach zehn Monaten und zwei Semestern im "Land der unbegrenzten Möglichkeiten" ist trotz seiner guten Erfahrungen im Sport und privat ein zwiespältiges.

"Das Schwimmen und die sozialen Dinge haben mir sehr gut gefallen, das BWL-Studium eher weniger, weshalb ich jetzt auch nach einem Jahr sagen musste, dass mir meine Zukunft wichtiger ist und ich trotz guter Angebote zurückgekommen bin", hat der Schwimmer für die Zukunft andere Pläne.

Er will zum kommenden Wintersemester an der Universität Bayreuth das Studium der Sportökonomie aufnehmen und gleichzeitig so lange intensiv schwimmen, bis er seine Bestzeit über 100 Meter Freistil (derzeit 53,0 Sekunden) unter 53 Sekunden gedrückt hat. "Wenn ich das geschafft habe, dann investiere ich nicht mehr so viel Zeit in den Sport", möchte er sich auf seine berufliche Zukunft konzentrieren, wobei er das Schwimmen sicher nie ganz aus den Augen verlieren wird.

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