Die Damen der Gießen Golden Dragons unterstützen sich auf dem Platz - und abseits des grünen Rasens, sei es bei Wohnungs- oder Jobsuche. FOTOS: ELENA UND SEBASTIAN HERRLICH
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Die Damen der Gießen Golden Dragons unterstützen sich auf dem Platz - und abseits des grünen Rasens, sei es bei Wohnungs- oder Jobsuche. FOTOS: ELENA UND SEBASTIAN HERRLICH

American Football

Die etwas andere Familie

  • vonred Redaktion
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Nur zwei Damenteams in Hessen spielen offiziell Football. Die Frauen der Gießen Golden Dragons sind also etwas Außergewöhnliches.

Die Mannschaft als Familie - wenige verkörpern dieses Ideal so wie die Damen der Gießen Golden Dragons. Die Rückkehr auf den Trainingsplatz seit vergangenem Monat wurde beim über 30 Frauen starken Football-Team vom MTV 1846 Gießen herbeigesehnt.

"Es war viel, viel eher ein Sichwiedersehen, bei dem viel gelacht wurde, als dass das Training unter diesen Bedingungen einen sportlichen Mehrwert hat", sagt Spielerin Elena Herrlich.

Die 31-jährige Heilpädagogin aus Reiskirchen erklärt im Interview, wie sich die Dragons gegenseitig unterstützen, mit welchen Vorurteilen sie als Spielerin in der Offense Line konfrontiert wird und weshalb es keine typische Footballspielerin gibt.

Frau Herrlich, wann wurde das Bild, auf dem das Team die Helme zusammenhält, aufgenommen und was verbinden Sie damit?

Das war unser letztes Saisonspiel Anfang August 2019. Es war außergewöhnlich, weil wir im Wiesecker Stadion spielen durften, alle waren aufgeregt. Wir haben das Spiel verloren, das Bild ist nach dem Spiel entstanden - und verkörpert gerade deshalb für mich Emotionen pur.

Die Damenabteilung der Footballer beim MTV 1846 Gießen existiert erst seit Oktober 2018, das war also zugleich Ihre bisher einzige Spielzeit.

Richtig. Wir haben in dieser ersten Saison ein Spiel gewonnen, den Rest verloren. Für uns zählt vor allem das Zusammensein. Ich bin im Januar 2019 bei einem Probetraining dazugestoßen. Ich habe immer den Super Bowl geschaut, eine Faszination für die Sportart gehabt, sie aber nie ganz begriffen. Im Probetraining hatte ich direkt das Gefühl, Teil einer Familie zu sein.

Woran lag das?

Das liegt an den Spielerinnen, weil jeder gebraucht wird. Die Flinke muss rennen, die Kräftige den Quarterback beschützen. Ich habe, seit ich neun Jahre alt bin, bis zur U 16 Fußball gespielt - da habe ich das nie so empfunden.

Wie äußert sich der Zusammenhalt?

Das konnte ich vor allem während meiner Schwangerschaft Ende 2019 beobachten: Ich habe ständig Anrufe von meinen Mitspielerinnen bekommen, ob sie mir helfen können. Egal ob Wohnungssuche, Nachhilfe oder Jobsuche - bei uns wird sich gegenseitig geholfen.

Das klingt fast nach einer Interessensgemeinschaft.

Es ist weit mehr als das. Du hast die Ausrüstung an und denkst dir: Wie geil ist das denn! Nach einem normalen Training, das derzeit ja leider nicht stattfinden kann, bist du fix und fertig und gehst mit Glücksgefühlen nach Hause. Ich arbeite in der Jugendhilfe, versuche dort zu deeskalieren. Auf dem Platz kann ich eskalieren.

Wie ist die Zusammensetzung im Team?

Komplett bunt. Wir haben eine Floristin, Lehrerin, Psychologin, Anwältin, aber auch ein Instagram-Model und eine Medizin-Studentin. Man kann nicht sagen, wie die typische Footballspielerin aussieht.

Neben Gießen stellt in Hessen derzeit nur noch Darmstadt eine Damenfootballmannschaft im Ligenbetrieb, die Sportart ist noch nicht etabliert. Mit welchen Vorurteilen werden Sie als Footballspielerin konfrontiert?

Vor allem mit dem, dass das für verschiedene Körperbereiche gefährlich ist. Aber wir bekommen genug Techniken gezeigt, bei dem man Schäden verhindern kann. Verletzen kann man sich darüber hinaus in jeder Sportart. Ja, ich werde deswegen teilweise blöd angeguckt - es ist eben eine Nische in einer Nischensportart. Wir sind sportlich sozusagen eine Randgruppe.

Seit Ende Mai können Sie zumindest wieder unter kontrollierten Bedingungen auf den Trainingsplatz. Wie sah das aus?

Es war viel, viel eher ein Sichwiedersehen, bei dem viel gelacht wurde, als dass das Training unter diesen Bedingungen einen sportlichen Mehrwert hat. Es haben sich alle gefreut, da hat etwas gefehlt.

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Im Oktober 2018 lud der MTV 1846 Gießen zum Try-out für Damenfootball ein. "Wir haben mit vielleicht zehn Besucherinnen gerechnet", erklärt Abteilungsleiter Rolf Thielmann. "Als dann weit über 20 Mädels kamen, haben wir uns gesagt: Okay, das müssen wir angehen."

Im Jahr 2019 nahm das Team erstmals am Ligenbetrieb teil. Zehn Mannschaften starten in der ersten Liga, die zweite Liga ist unterteilt in vier Gruppen mit insgesamt 20 Teams. Die Gießen Golden Dragons gehören der sechs Teams starken Südwest-Staffel an (Gießen, Darmstadt, Mainz, Saarland, Trier, Mannheim). Im Vorjahr wurden die Dragons Letzter, "damit haben wir angesichts der Neugründung aber gerechnet", sagt Thielmann, Defense Coordinator der Damen.

Zweimal die Woche wird trainiert - derzeit unter besonderen Umständen. In Kleingruppen, ein Coach für fünf Spielerinnen, geht es nach einem Warm-up vor allem um Laufübungen. "Inzwischen hat uns eine Vorgabe des Gesundheitsamts erreicht, nach der Bälle und anderes Trainingsequipment eingesetzt werden können, wenn sie nach der Verwendung entsprechend gereinigt werden", erklärt Thielmann. "Wir testen gerade, wie wir das umsetzen können."

Der American-Football-Verband plant, die Season im September anlaufen zu lassen und diese bis in den November zu strecken - angesichts des engen Körperkontaks aktuell noch schwer vorstellbar. Thielmann ist vorsichtig optimistisch: "Es kann sein, dass es im Herbst in Gießen Football zu sehen gibt."

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