Das Ende einer Epoche

Als zu Beginn der 80er Jahre Dr. Jürgen Gerlach als Trainer zum TV Lützellinden wechselte und mit dem Klub gleich heftig an die Bundesliga-Tür klopfte, ahnte noch niemand, dass der Frauenhandball im Mittelhessischen einen unvergleichlichen Siegeszug antreten würde.

Als zu Beginn der 80er Jahre Dr. Jürgen Gerlach als Trainer zum TV Lützellinden wechselte und mit dem Klub gleich heftig an die Bundesliga-Tür klopfte, ahnte noch niemand, dass der Frauenhandball im Mittelhessischen einen unvergleichlichen Siegeszug antreten würde. Deutscher Meister, DHB-Pokal-Gewinner, Europapokal-Triumphator. Mehrfach gleich. Den letzten nationalen Titel holte der "Doc" exakt vor zehn Jahren 2001. Drei Jahre später wurde der Verein aufgrund immenser wirtschaftlicher Probleme aus der Bundesliga ausgeschlossen und zurück in die Regionalliga zwangsversetzt, 2006 sogar ganz aufgelöst. Die Verbindlichkeiten, die nicht mehr abzutragen waren, sollen sich am Ende auf 775 000 Euro belaufen haben.

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In dieser Woche, exakt 30 Jahre nach Beginn des mittelhessischen Frauenhandball-Märchens, welches später auch den TV 05 Mainzlar einschloss, ist diese Epoche endgültig zu Ende gegangen. Das Präsidium des Gesamtvereins TV 05 Mainzlar hat sich seiner Verantwortung gestellt und nach den Turbulenzen der vergangenen Monate die Lizenz zurückgegeben. Eine sicher schmerzhafte, wenn auch späte Entscheidung, die einiges an Mut und Entschlossenheit bedurfte und die deshalb höchste Anerkennung verdient und (wohl) größeren Schaden abwendete.

Jene Verantwortlichen im Gesamtverein um Präsident Erich-Peter Höpfner, die immer um Bodenständigkeit bemüht waren, können auch somit weiterhin morgens in den Spiegel schauen.

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Trainer seit Januar 2006 beim TV 05 Mainzlar war Dr. Jürgen Gerlach, der zunächst zweimal den Zweitliga-Abstieg verhinderte und nunmehr schlussendlich an seinen irrealen Rückkehr-Plänen in die Beletage des deutschen Frauenhandballs gescheitert ist. Ein schwerer Schlag für den 64-Jährigen, der dem Rückzug ebenso wie GmbH-Geschäftsführer Horst Münch ohnmächtig gegenüberstand und erstmals in seiner 30-jährigen Laufbahn nicht das Gesetz des Handelns in eigenen Händen hielt. Mittelfristig hatte der Biebertaler, an dem sich vom ersten Tag seines TVM-Engagements an die Geister schieden, darauf spekuliert, mithilfe der Bundesliga-Lizenz eine Fusion mit einem Gießener Stadtverein eingehen und einen neuerlichen Erstliga-Anlauf nehmen zu können. Die Lizenz ist Weg, die Mannschaft auch – und auf lange Sicht vor allem die Möglichkeit, an anderer Stelle noch einmal Leistungshandball betreiben zu können. Das schmerzt. Dr. Gerlach und auch Frauenhandball-Mittelhessen, welches ab sofort nur noch drittklassig ist.

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Aufstieg und Niedergang des Spitzenhandballs in der Region ist also eng mit dem Namen Dr. Gerlach verbunden. Welche Rolle er im Mainzlarer Zweitliga-Management spielte und welchen Anteil er am sich abzeichenden Finanz-Desaster der Zweitliga-GmbH tatsächlich hat, wird bei deren Abwicklung noch zu klären sein. Dr. Gerlach, der polarisiert und spaltet wie kaum ein Zweiter, der über Jahrzehnte Manager und Geschäftsführer (u. a. Steckenborn, Steiner, Kettler beim TVL; Mackenroth, Schrödel beim TVM) zum Verzweifeln brachte, sieht sich als Trainer nicht in der Verantwortung. Für die Finanzen. Anlasten lassen muss er sich aber schon, wenn von "ausgerissenen" Spielerinnen – was die Menschenführung betrifft – von Verhältnissen wie auf der "Gorch Fock" erzählt wird. Jedenfalls soll sogar im "Dschungel Camp" mehr Harmonie herrschen als dies zuletzt in seinem Team der Falle gewesen sei.

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Auch die Rolle von GmbH-Geschäftsführer Horst Münch wird zu hinterfragen sein, seines Zeichens ja auch noch amtierender Bürgermeister der Stadt Staufenberg. Sein hartnäckiges Schweigen zur finanziellen Schieflage kann oder muss sogar als Selbstschutz verstanden werden. Was aber hat eine Person der Öffentlichkeit auf der einen und die eines Geschäftsführers einer Handball-GmbH zu verschweigen? Auch hier besteht Klärungsbedarf. Zumal Horst Münch bis heute nicht öffentlich seiner am 11. Februar 2008 getätigten Aussage "Dr. Gerlach hat absolut nichts mit unseren Finanzen zu tun. Er hat gar keinen Einblick" widersprochen hat. Zur Erinnerung: Vor drei Jahren hatte es schon einmal einen "Spielerinnen-Aufstand" gegen den Trainer gegeben, in dessen Folge die Kräfte Nina Hess, Dominika Dolny und Gina Duketis freigestellt wurden und Anna Lisowska einen Auflösungsvertrag erhielt.

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Ob sich in der Handball-GmbH Unwissenheit zur Strategie verselbstständigt oder schlichtweg nur das Kontrolling versagt hat, darüber lässt sich allenfalls spekulieren. Die handelnden Personen geben derzeit weder Einblicke noch sind sie bereit, sich Interviewfragen zu stellen. Gleiches gilt für die Spielerinnen, die mit ihren Rette-sich-wer-kann-Vertragsauflösungen die Eskalation beschleunigt haben. Unter dem Siegel der Verschwiegenheit we(u)rden Horror-Geschichten erzählt und -szenarieren aufgezeichnet; geht es dann aber ans Eingemachte, ans Enthüllen, will niemand seinen Namen dafür hergeben. Warum?

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So wiederholt sich die Geschichte. Auch im besagten Februar 2008 gab es Mainzlarer Spielerinnen, die ein "Klima der Angst" skizzierten, sich dann aber doch dazu durchringen konnten, gegenüber dieser Zeitung ihre Sicht der Dinge darzustellen. Exakt bis zu jenem Moment, als der Autor gezielt hinterfragte, ob es außerhalb der getroffenen vertraglichen Vereinbarungen auch Nebenabsprachen sprich außerordentliche Zuwendungen gegeben habe – die Geschichten wurden nie erzählt, somit auch nie öffentlich und die Vorwürfe nicht mehr aufrechterhalten!

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Was bleibt? Der TV 05 Mainzlar als vorerst letztes Glied einer Kette an Vereinen, die im letzten Vierteljahrhundert im deutschen Frauenhandball eine bedeutsame Rolle gespielt haben und nunmehr von der großen Bühne verschwunden sind: VfL Engelskirchen, TuS Walle Bremen, TV Lützellinden, TV 05 Mainzlar. (ra)

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