Mit Nordic Walking hält sich die Hombergerin Ute Dietz unter anderem fit. FOTO: PRIVAT
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Mit Nordic Walking hält sich die Hombergerin Ute Dietz unter anderem fit. FOTO: PRIVAT

Einsame Zeiten

  • Markus Konle
    vonMarkus Konle
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Ute Dietz geht es wie vielen Übungsleitern in den Sportvereinen der Region: Ihr fehlt in der Corona-Zwangspause das Training mit ihren Gruppen, mit denen sie sonst viel Zeit verbringt. "Die sozialen und körper-lichen Auswirkungen des Lockdowns werden extrem sein", sagt die Homber- gerin. Sie sorgt sich vor allem um die Älteren.

Einen kleinen Moment bitte. Ich muss erst schnell die Plätzchen aus dem Ofen holen." Ute Dietz legt den Telefonhörer kurz zur Seite. Sie kommt in diesen Vorweihnachtstagen öfter zum Backen, als es ihr lieb ist. Seit 40 Jahren ist sie Übungsleiterin beim TV Homberg, leitet verschiedene Gruppen - und kann ihrer großen Leidenschaft derzeit wie so viele Sportbegeisterte nicht nachgehen. "Das ist alles wirklich schade. Mir fehlt die Aufgabe, Leute in Bewegung zu bringen. Man bereitet sich ja auch auf die Übungsstunden vor."

Ute Dietz ist eine von jenen Übungsleiterinnen, ohne die viele Sportvereine in der Region nicht existieren könnten. Die 67-Jährige gibt zwei- bis dreimal pro Woche Übungsstunden bei ihrem TV Homberg, arbeitet dort viel auch mit älteren Menschen zusammen - und macht sich in diesen Wochen und Monaten der Corona-Pandemie vor allem Sorgen um "ihre" Seniorinnen.

In der Funktionsgymnastik, die sie im Normalfall einmal pro Woche anbietet, leitet sie regelmäßig zwölf bis 18 Frauen im Alter zwischen 40 und 80 Jahren an. "Ich habe 80-Jährige in der Gruppe, die sind fitter als manche 20-Jährige, weil sie seit vielen Jahren sehr regelmäßig in Bewegung sind." Ob das immer noch so ist, kann sie derzeit aber nicht mehr so recht beurteilen. Seit dem zweiten (Teil-)Lockdown hat sie ihre Gruppe nicht mehr gesehen. "Dass der Sport eingestellt werden musste, könnte fatale Folgen haben", sagt Dietz. "Die Muskulatur bildet sich nach zwei Wochen ohne Sport zurück. Gerade für ältere Menschen könnte das sehr schwierig werden."

Der Mangel an Bewegung ist ein Aspekt ihrer Sorge, die fehlenden sozialen Kontakte der zweite. Dabei denkt sie zum Beispiel auch an die Demenzgruppe, die sie gemeinsam mit einigen Frauen im Familienzentrum der Ohmstadt gegründet hat, oder an die Teilnehmer der Stuhlgymnastik, die sie im nächsten Jahr von Lina Beyer übernehmen wird. "Die sozialen und körperlichen Auswirkungen des Lockdowns werden extrem sein. Am meisten fehlen die Gespräche und Feiern innerhalb der Gruppendynamik. Sehr ausgeprägt wird das bei unserer Demenzgruppe sein", sagt Dietz, die zudem befürchtet: "Viele werden sich ganz von der Gruppe oder dem Verein abwenden." Je länger das Sportverbot in der Gemeinschaft gilt, desto höher schätzt sie das Risiko ein, dass Menschen das grundsätzliche Interesse an Bewegung verlieren.

Nur zu gerne, würde sie sich wieder mit ihren Gruppen treffen, zumal die Konzepte vor der erneuten Zwangspause aus ihrer Sicht gut funktioniert haben. "Im Sommer haben wir einen Teil im Freien absolviert und auch in der Halle ging es danach auch ganz gut, da haben wir mit genügend Abstand und mit Maske trainiert", erzählt Dietz, die vor 40 Jahren einen Handball-Trainerschein erworben hat und vor über 20 Jahren ihre erste Gymnastikgruppe übernommen hat. Abwechslung und Vielfalt sind ihr wichtig, deshalb hat sie die Ausbildung in der Sparte "Pro Gesundheit" absolviert und besucht jedes Jahr zwei Fortbildungen, "um immer auf dem Laufenden zu bleiben und um mich selber und die Gruppe neu zu motivieren".

Tipps für den Alltag

Derzeit hält sie per Telefon und über Whats App Kontakt zu ihren Sportlerinnen, denen sie Gymnastikübungen schickt, die sie dann zu Hause absolvieren können. Allen Sportinteressierten empfiehlt sie in diesen tristen Zeiten: "Zu zweit sich immer wieder mal verabreden und zusammen spazieren gehen. Oder öfter telefonieren. Man kann auch kleine Gymnastikübungen in den Alltag einbauen. Zum Beispiel beim Zähneputzen auf einem Bein stehen oder beim Kochen den Bauchnabel zur Wirbelsäule ziehen."

Auch ein positiver Aspekt

Der Sport hat im Leben der Hombergerinnen schon immer eine große Rolle gespielt. "Für mich war er schon als Kind, Jugendliche und als Erwachsener sehr wichtig. Man kann sich austoben und Aggressionen abbauen. Man lebt gesund und hält das Gewicht. Sport ist also auch aus gesundheitlichen und gesellschaftlichen Motiven für mich sehr wichtig. Es ist immer wieder schön, mit Leuten ins Gespräch zu kommen. Viele haben auch das Bedürfnis, sich einem anzuvertrauen. Dadurch sind schon viele Freundschaften entstanden", sagt Ute Dietz, die neben ihren regelmäßigen Trainingsangeboten zusätzlich rund vier Stunden Sport pro Woche treibt. Das macht sie auch im Lockdown. Die lizenzierte Nordic-Walking-Trainerin ist bei Wind und Wetter an der frischen Luft unterwegs und macht Gymnastik in ihrem eigenen Fitnessraum.

Aber der Rentnerin fehlen die Kontakte zu den Menschen, die gemeinsame Zeit in der Halle. "Mir ist schon langweilig", sagt die passionierte Sportlerin. Mit Lesen, Spazieren gehen, Kochen und in der Adventszeit eben Backen überbrückt sie die ungewollte Freizeit.

Aber es gibt auch jemanden, der ist gar nicht so böse darum, dass Ute Dietz derzeit öfter als gewöhnlich in ihrer Küche werkelt, verrät sie mit einem Schmunzeln: "Vor allem mein Enkel freut sich über die süßen Leckereien."

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