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Auch in Jordanien vor der Felsenstadt Petra turnerisch aktiv: Der Großen-Lindener Tim Pfeiffer (r.) mit seinem Teamkollegen Adham Al Squor.

Kunstturnen

"Eine wunderbare Freundschaft"

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Dass das Zweitligaturnen in Linden junge Menschen auf der ganzen Welt verbindet, hat einen einfachen wie besonderen Grund: Eine Pension in Leihgestern.

Alles beginnt mit einer E-Mail vom Jordanier Adham Al Squor vom 27. Januar 2018 an den Lindener Tim Pfeiffer. "Mein Name ist Adham Al Sqour und ich bin Turner. Der Grund meiner E-Mail ist, mein Interesse an eurem Turnteam auszudrücken. Es wäre eine Ehre für mich, in eurem Team zu turnen."

Diese Nachricht kommt dem 23-jährigen Pfeiffer im Frühjahr 2018 gerade recht. Beide internationalen Turner des Zweitligisten haben sich verletzt, normalerweise sind sie die stärksten Turner im Team. Pfeiffer, Mannschaftskapitän, braucht also Ersatz. Er unterhält sich mit dem 25-jährigen Jordanier über WhatsApp und einigt sich nach aufwendiger Klärung von Flug und Unterkunft darauf, dass Al Sqour im Zweitliga-Team der Lindener mitturnt. Ein Jahr später steht Tim Pfeiffer in Jordanien in der Wüste und blickt mit seinem Teamkollegen in den Sternenhimmel. Er erklimmt die Tempel der Felsenstadt Petra, eines der sieben neuen Weltwunder, und besucht mit Al Sqour als privatem Reiseführer das Tote Meer. Möglich macht’s der Sport, der die Basis einer Freundschaft zwischen dem Mittelhessen und dem Araber ist.

"Solche E-Mails bekommen wir häufig, in denen meistens Ostblock-Turner ihre Chance sehen, von Turnteams engagiert zu werden und Geld zu verdienen", erklärt der Teamführer. "Sie schicken ihre Werte, Videos, Links und hoffen, dass sie genommen werden." So wurde auch der inzwischen abgewanderte Harry Owen, der heimischen Turn-Fans jahrelang bekannt war, verpflichtet. Mit Al Sqour, der für die Lindener in der abgelaufenen Zweitliga-Saison alle sechs Geräte turnte, war Tim Pfeiffer sofort "auf einem Nenner". Gefördert wird die Freundschaft aber vor allem durch einen anderen Umstand.

Die Wochenenden während der rund zweimonatigen Wettkampfsaison ab August verbringt das Team in einer Pension in Leihgestern. "Das ist eine Wohnung mit vier Doppelzimmern. Wir treffen uns dort am Freitag vor dem Wettkampf, bauen die Geräte in der Stadthalle auf, essen gemeinsam, schlafen, turnen den Wettkampf und gehen am Samstagabend feiern. Ich kenne das von keinem anderen Verein, dass man eine WG während des Wettkampfes hat", sagt der Großen-Lindener.

Durch diese menschliche Komponente sind in den letzten Jahren viele Freundschaften entstanden. Der Brite Harry Owen und der Niederländer Axel Quist turnten in Linden und besuchten sich danach bereits gegenseitig in Kanada und Schweden. Quist lädt Pfeiffer Jahr für Jahr zu seinem Geburtstag nach Rotterdam ein. "Es ist beeindruckend, zu sehen, was man geschaffen hat", sagt der Student der Sporthochschule Köln.

Im Frühjahr 2019 machte er seinen Bachelor, verspürte Lust auf eine andere Kultur. "Da ist mir eingefallen, dass ich ja Adham habe." Der Jordanier freute sich über den Vorschlag, Flüge wurden gebucht. Nach viereinhalb Stunden Flugzeit Ende Juni war Pfeiffer in einer anderen Welt angekommen.

"Es war schon ein kleiner Kulturschock. Die Kontrollen in Jordanien sind sehr streng." Gleich am zweiten Tag ging es mit Al Squors Auto, "einem Kleinwagen mit 50 PS" über mit Schlaglöchern versehene Straßen in die 300 Kilometer entfernte Wüste. "Die Durchschnittsgeschwindigkeit lag vielleicht bei 70 km/h." Es folgte eine Wüstentour mit Pick-up zu einem Zeltcamp. Am Lagerfeuer blickten die beiden Turner schließlich hinauf zum Sternenhimmel.

Tim Pfeiffer besuchte mit Adham Al Squor die Felsenstadt Petra genauso wie das Tote Meer. Zwischendrin bekam der heimische Sportler Einblicke in den Alltag des 25-jährigen Jordaniers, der zu den besten Turnern seines Landes zählt. Entsprechend gibt er Turn- und Taekwondo-Training in der Fünf-Millionen-Einwohner-Stadt Amman - verdient zudem als Grafikdesigner Geld. "Der Unterschied zwischen Arm und Reich ist in diesem Land ziemlich groß. Adham zählt wohl zur Mittelschicht und führt ein ganz passables Leben. Wenn er die Chance hätte, in Europa zu leben, würde er das aber wahrscheinlich machen." Al Sqour liebt den Sport über alles, sagt zu Tim Pfeiffer: "Es ist für mich jetzt schon eine wunderbare Freundschaft."

Einer der einprägendsten Situationen: "Adham ist ein Freund, mit dem du vor zwei Stunden noch auf der Turnmatte gestanden hast, und der dann am Flughafen aufgrund seiner Herkunft gesondert rausgenommen und kontrolliert wird." Pfeiffers Resümee: "Wenn man in Deutschland ist, vergisst man schnell wieder, wie gut es einem hier geht."

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