Im Jahr 2001 ist Natascha Altensen für den Landesligisten FC Großen-Buseck im Derby gegen den TSV Hungen im Einsatz. ALLE FOTOS: ARCHIV
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Im Jahr 2001 ist Natascha Altensen für den Landesligisten FC Großen-Buseck im Derby gegen den TSV Hungen im Einsatz. ALLE FOTOS: ARCHIV

Frauenfußball im Fußballkreis Gießen

Eine schwierige Geburt vor 50 Jahren

  • Ronny Herteux
    vonRonny Herteux
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Frauen und Fußball, das war lange Zeit verpönt, hat dennoch spätestens vor 50 Jahren seinen Siegeszug angetreten. Auch im Fußballkreis Gießen. Ute Maaß war dabei.

Viele Dinge waren lange Zeit unumstößlich, festgebrannt auf der "Festplatte" unserer Vorfahren. Die Erde ist eine Scheibe, ist so eine veraltete Botschaft. Auch galten einst Verbote, die im Hier und Heute Stirnrunzeln hervorrufen. Frauen durften nach einer Eheschließung ihren Namen nicht behalten, oder einen Bikini tragen, oder Fußball spielen.

Damit, mit dem Nicht-Fußball-Spielen-dürfen, ist erst seit 50 Jahren Schluss in Deutschland. Am 31. Oktober 1970 wurde der Deutsche Fußball-Bund aktiv und verabschiedete sich vom 1955 beschlossenen Frauenfußball-Verbot.

Natürlich hatte dies auch Auswirkungen bis in die Verbände und Kreise. Laut der Dokumentation "75 Jahre Fußball im Kreis Gießen" gilt die Begegnung zwischen dem TSV Utphe und dem SV Nonnenroth am 20. September 1970 als erstes Spiel zweier Damen-Mannschaften - und damit noch Wochen vor dem DFB-Beschluss, wobei der Fußballkreis Gießen eine Art "Rebellfunktion" einnahm.

Der erste große Auftritt von zwei heimischen Frauenteams datierte vom November 1970, als der VfB 1900 Gießen und der TSV Hungen im Vorfeld des Freundschaftsspiels zwischen den Männerteams des VfB 1900 und Eintracht Frankfurt vor Tausenden Zuschauern ihren großen Auftritt im Waldstadion hatten.

Quasi von Anfang an dabei war Ute Maaß aus Gießen. Die heute 65-Jährige hat erstmals 1976 für Blau-Weiß Gießen aktiv gegen den Ball getreten und sich auch parallel und danach für den Mädchen- und Frauenfußball auf Verbands- und Kreisebene eingesetzt. "Ich bin durch meinen Mann zum Fußball gekommen und habe bei Blau-Weiß Gießen als Torwartin gespielt", schaut Maaß zurück, die sich gern daran erinnert, vom damaligen Torhüter der ersten Männermannschaft trainiert worden zu sein: "Nein, da gab es keine Berührungsängste. Wir wurden respektiert und nicht belächelt." Über viele Jahre ist die Gießenerin aktiv geblieben, bis sie eines Tages "gegen eine Spielerin antrat, die sie als HFV-Auswahlmädchen betreute". Die Zeit für den Abschied vom aktiven Fußball war gekommen.

Apropos Nachwuchs: Das war, ist und bleibt eine Herzensangelegenheit für Maaß. "Der damalige Kreisjugendwart Horst Hilgardt hat uns in jeder Richtung unterstützt", erinnert sie sich an eine Zeit, als die 14-jährigen Mädchen bei den Frauen mitspielen mussten. Der Fußballkreis Gießen reagierte und installierte eigene Runden für den Nachwuchs.

Überhaupt war die Erfolgsgeschichte des Frauenfußballs nicht mehr aufzuhalten. Über Kreis- und Bezirks- wurden alsbald Spiele auf Verbandsebene organisiert, inzwischen gehört auch die Frauen-Bundesliga zum festen Bestandteil der Fußball-Kultur in Deutschland.

Hier hofft Maaß, dass durch das Engagement der Frankfurter Eintracht wieder etwas mehr Bewegung in die Szene kommt. Denn die Zuschauerzahlen lassen inzwischen doch zu wünschen übrig. "Die Bundesliga wird von denen angenommen, die sich tatsächlich für Frauenfußball interessieren", und das sind in der Regel sogar die Männer. Die Zeiten hoher Einschaltquoten wie bei der Frauen-WM 2003, als die DFB-Auswahl durch Nia Künzers Golden Goal den Titel durch ein 2:1 über Schweden feierte, sind vorbei. Für Maaß gelang dem Frauenfußball in Deutschland allerdings schon 1989 mit dem Gewinn der Europameisterschaft der Durchbruch, als nach einem Final-4:1 über Norwegen das legendäre Kaffeeservice als Belohnung den Spielerinnen um Silvia Neid und Doris Fitschen ausgehändigt wurde.

Nach 35 Jahren hat Maaß auch eine Würdigung erfahren und wurde zum Ehrenmitglied im Jugendausschuss des Hessischen Fußball-Verbandes ernannt, "mit 65 Jahren darf man auch in die zweite Reihe treten", möchte die Gießenerin Platz machen, dennoch als stellvertretende Vorsitzende weiterhin an der Zukunft des Frauen- und Mädchenfußballs basteln. "Wir müssen die jungen Frauen dazu bewegen, dass sie sich, wenn sie ihre aktive Laufbahn beenden, weiterhin in den Frauenfußball einbringen", ist ein großer Wunsch von Maaß, die sich beispielsweise darüber freut, dass Jana Leib als Mädchenreferentin im Kreisjugendfußballausschuss Gießen aktiv mitarbeitet. So wie einst Hildegard Dima, Erika Bötz oder Irmtraut Seibert, deren Namen Maaß sofort in den Sinn kommen, wenn die Rede von den Anfängen des Frauenfußballs im Kreis ist.

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