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Eine geballte Ladung Basketball-Kompetenz

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Von: Wolfgang Gärtner

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Showtime: Kurz vor dem 46ers-Basketballspiel das obligatorische Interview mit Cheftrainer »Frenki« Ignjatovic, das Moderator Simon Schornstein führt und live über Sportdeutschland.TV gesendet wird. © Harald Friedrich

Glücksgriff für die Gießen 46ers. Der Pro-A-Ligist kann stolz auf seinen Mann hinter dem Mikrofon Simon Schornstein sein.

Glücksgriff für die Gießen 46ers. Der Pro-A-Ligist kann stolz auf seinen Mann hinter dem Mikrofon sein. Wenn Simon Schornstein bei den Heimspielen vor der Kamera steht und die Moderation für den Sportdeutschland.TV-Livestream übernimmt, ist für Professionalität gesorgt. Und die Co- Kommentatoren sorgen für die zusätzliche Basketball-Kompetenz.

Einmal in der Saison wurde es schon so richtig laut. »Da haben wir gestestet, was die Headsets so aushalten«, sagt Simon Schornstein und lacht. Er moderiert den Livestream der Jobstairs Gießen 46ers, den die 2. Basketball-Bundesliga auf der Plattform Sportdeutschland. TV für alle ProA-Ligisten verpflichtend vorgibt - wie so viele andere Bedingungen (siehe Kasten rechts),

Insider wissen natürlich, bei welchem Spiel die Zuschauer und die Kommentatoren - eigentlich alle 46ers-Sympathisanten - ausflippten. Genau: Als Stefan Fundic beim ersten Heimspiel gegen die Artland Dragons 0,9 Sekunden vor dem Schlusspfiff einen Dreier aus neun Metern Entfernung zum 82:81-Sieg in die Reuse schmiss. Hammer!

Die Gießen 46ers betraten nach dem Bundesliga-Abstieg Neuland in Sachen Livestream, vorher lag das - natürlich auch mit Abstimmung des Clubs - in der Hand von MagentaSport, die die Fernsehrechte der BBL noch haben. Es gab seitens der 2. Liga konkrete Anforderung an die Vereine. Unter anderem musste ein Livestream-Beauftragter her, der sich mit der Liga und der Plattform in der gesamten Thematik bewegt. Daniel Rohm (Leiter Medien und Kommunikation, Leiter Marketing, PR-Manager, Pressesprecher) übernahm den Posten und hatte fortan, ein weiteres interessantes Terrain zu beackern. Er stimmt mit der Liga und Sportdeutschland.TV die Einzeleinheiten ab. Und auch Jonathan Kollmar, eigentlich Leiter Sales und Events, nach der Krankheit von Geschäftsführer Sebastian Schmidt auch sein Stellvertreter und mit Prokura ausgestattet, ist vor allem bei Vermarktungsstrategien mit im Boot.

»Wir haben uns mit unserem Format an dem von MagentaSport orientiert - zum Beispiel mit den Halbzeitinterviews«, sagt Rohm. Trotz der Mehrarbeit habe er Spaß an der ganzen Sache, da man von außerhalb aufgrund der professionellen Darbietung sehr viel Lob erhalte. »Unsere Jungs machen wirklich einen tollen Job!«

Rohm steht bei der Streamvorbereitung in enger Verbindung mit dem 46ers-Partner Flashlight Veranstaltungstechnik mit den Anchor-Männern Arwed Fischer und Manuel Greim sowie Schornstein, die sich in Meetings abstimmen. Vor dem Heimspiel geht es zusammen mit Schornstein montags los. Dann werden die minutiösen Sequenzen, die Timeline und die Interviewpartnergeplant. Wenn Flashlight dazukommt, geht es um die Setups.

»Das Gespräch mit 46ers-Coach Ignjatovic ist ein fester Bestandteil vor dem Spiel«, erläutert Schornstein. Als Hagen vor kurzer Zeit in der Osthalle gastierte, war klar, dass Auftritte der nun bei Phoenix unter Vertrag stehenden beiden Gießener Eigengewächse Bjarne Kraushaar und Tim Uhlemann ganz oben auf der Agenda stehen. In der Halbzeit kommt dann meistens Gießens »Sponsor of the Day« auf die Platte. Gegen Hagen war es Geschäftsführer Holger Pfeiffer von der Licher Privatbrauerei, der einerseits die 25-jährige gemeinsame Partnerschaft anpries, aber auch klipp und klar sagte, dass die 46ers so schnell wie möglich wieder in Liga eins aufsteigen sollten.

Eine Viertelstunde vor Spielbeginn meldet sich Schornstein aus der Osthalle. Es kribbelt immer noch. Daraus macht er keinen Hehl - obwohl er schon Routine hat. »Wenn ich dann das Mikrofon in der Hand halte und die Kamera auf mich gerichtet ist, steigt der Adrenalinspiegel«, so Schornstein. Knapp drei Stunden vor der Heimpartie ist der 29-Jährige schon in der Osthalle, davor hat er sich aber während der Woche speziell auf den Gegner und das Spiel mehrere Stunden vorbereitet. »Ich bin happy, dass ich das in Gießen machen darf. Das ist mein Herzensverein«, ist eine klare Aussage. die keines Kommentars bedarf. Aber: Das kommt im Stream nicht durch. »Wir hypen Gießen nicht nach oben«, sagt er - und da spricht er für alle 46ers-Kommentatoren. Emotionen bei außergewöhnlichen Aktionen ja - aber das gelte auch für den Gegner.

Sein Faible für die Moderation kommt nicht von ungefähr. Schon im zarten Alter von 13 Jahren zimmerte er sich ein Studio in seine Bude und sendete per Internetradio in die weite Welt hinaus. Während seiner Oberstufenzeit arbeitete er in Mainz bei einem UKW-Sender. Praktika schlossen sich an. Schornstein versuchte, überall einen Fuß in die Tür zu bekommen - was klappte (Radio Bob, HNA). »Ich habe aber dann gemerkt, das beruflich zu machen, erfüllt mich nicht so, wie es mich erfüllt hat, das nebenbei zu machen.« Sechs Stunden im Radio zu moderieren, das mache etwas mit einem. So entschied er sich für ein BWL-Marketing-Studium, das er abschloss und in dem Bereich arbeitet - die Moderation betreibt er nun nur noch hobbymäßig.

Schornstein ist seit 2004 in Gießen, ursprünglich kommt er aus Hadamar. Seine damalige Freundin und jetzige Ehefrau Anne habe ihn 2015 »zum Basketball mitgeschleppt«. »Ich habe sofort Feuer gefangen«, gibt er ganz offen - mit leuchtenden Augen - zu. 2018 fungierte er beim damaligen Farmteam Rackelos in Liga drei als Hallensprecher - ein halbes Jahr später vernahm man seine Stimme schon bei den Bundesligaspielen. Der alteingessene »Einpeitscher« Oliver Reul hörte auf, so musste ein Neuer ans Mikrofon. Und Schornstein übernahm bei seinem ersten Einsatz gleich eine Doppelfunktion, da der langjährige Moderator Carsten Schäfer (für Kampfgerichts-Durchsagen und der Durchsage von Fouls zuständig) an diesem Tag verhindert war. »Das war gegen den MBC«, erinnert sich Schornstein noch ganz genau an den besonderen Tag. »Das war schon eine Herausforderung.« Aber alles lief gut - das kann der damals vor Ort gewesene Verfasser bestätigen.

Wegen Corona wurde 2020 dann der Rackelo-Livestream ins Leben gerufen - schon damals Flashlight mit an Bord. Dort kamen als fachkompetente Co-Kommentatoren Thorsten Dlugosch und Lukas Becker dazu, später dann Sebastian Kilsbach und Jonathan Schmidt, allesamt ehemalige oder aktuelle Basketball-Fachmitarbeiter dieser Zeitung. Bislang saßen in der ProA Schmidt und Becker an der Seite von Schornstein, die ihr Basketball-Fachwissen in eloquenter Weise an Mann und Frau bringen. »Ich habe von Anfang an gesagt, ich mache das nicht alleine. Ich kann was erzählen, aber ich habe nicht die Expertise, die diese vier Jungs haben«, weiß Schornstein, wie wichtig jeder von ihnen ist.

Monetär kommt indes für die Gießen 46ers bei dem immensen Aufwand seitens der Liga nichts herum. Die Kosten für das Streaming bleiben bei den Clubs hängen - nicht wie für die 46ers in der Bundesliga, als ein kolportierer Betrag zwischen 200 000 und 300 000 Euro floss.

Und wie viele Kiebitze gibt es beim Livestream? Darüber wird das Mäntelchen des Schweigens gehüllt. Über Klickzahlen erfährt man wenig. Das ist üblich in der Branche - außer, sie sind so hoch, dass man damit hausieren kann. Doch wie man vernimmt, sind die von den 46ers gar nicht so schlecht, sodass Vermarktungsexperten daraus durchaus Kapital schlagen können. Aber eines sei gesagt: Aktuell die Spiele der kämpfenden Mannschaft live in der Osthalle zu erleben, sollte man sich - trotz des gelungenen Livestreams - nicht entgehen lassen.

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Auf Sendung - Moderator Simon Schornstein (Brille) und sein »Experte« Lukas Becker. © Harald Friedrich

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