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Walter Kühn Ruder-Legende

Rudern

Eine Epoche geprägt

Gießener Ausnahme-Schlagmann Walter Kühn feiert 85. Geburtstag

(rb). Am heutigen Samstag feiert Walter Kühn, Gießener Spitzensportler der 50er-Jahre, seinen 85. Geburtstag. Kühn trat 1950 in die Gießener Rudergesellschaft 1877 ein und wurde mit dem Rudersport vertraut gemacht.

Durch Vermittlung von Hännes Rübsamen und dem Franfurter Ruderjournalisten Paul Elschner kam die Trainerlegende Otto Genz nach Gießen. Er entdeckte Kühns Talent für rhythmisches Rudern und setzte ihn auf den Schlagplatz eines Jugend-Vierers, der 1952 die deutsche Jugendbestenermittlung, wie damals die deutschen Rudermeisterschaften U 19 hießen, im Gig-Doppelvierer mit Steuermann gewann. Mit an Bord des schweren, noch geklinkerten Bootes waren "Pimpf" Wolfgang Steinmetz, "Baby" Rolf Beck, "Daggo" Hans Wilhelm Loh und Steuermann "Icke" Werner von Scheven. Fortan wurde Walter Kühn den Schlagplatz in Zweier-, Vierer- und Achterrennen nicht mehr los.

1953 gewann das von ihm angeführte Team gegen die Konkurrenz von 20 Achtermannschaften im Mannheimer Mühlauhafen die deutsche Jugendbestenermittlung im Achter. Ein Jahr später behauptete sich dieses Team ebenso ungeschlagen auf erstklassigen Regatten in der damaligen Jungmann- und in der Junior-Klasse. Da Kühns junge Achtermannschaft auch schon in der obersten Männer-Klasse Rennen gewann, startete sie beim deutschen Meisterschaftsrudern 1953 in Hannover. Aus dieser Mannschaft ging ein Vierer hervor, der in wechselnder Besetzung in den Jahren 1955 bis 1958 jeweils den zweiten Platz bei den gesamtdeutschen Rudermeisterschaften, also mit der Teilnahme von starken Booten aus der DDR, errang. Lediglich die Backbord-Seite blieb in diesem Boot mit Rolf Beck und Walter Kühn konstant.

Überraschend kam für das Ausnahmetalent die Teilnahme an den Ruder-Europameisterschaften 1955 in Gent, als in der hierfür nominierten Meistermannschaft vom Mannheimer RV Amicitia 1876 der Schlagmann Eckert erkrankte. Kühn, der damals eine Lehre zum Maurer absolvierte, wurde von dem Mannheimer Trainer Fritz Gwinner und angehörigen des dortigen Vorstandes, der mit einem Adenauer-Mercedes 300 anreiste, ohne Vorinformation von der Baustelle weg "in Beschlag" genommen. Nachdem auch der damalige GRG-Vorsitzende und Kanzler der Gießener Universität, Wilhelm Köhler, seine Zustimmung gegeben hatte, saß Walter Kühn noch am gleichen Abend zum Training auf dem Neckar im Boot. Doch die Zeit der Vorbereitung und des Zueinanderfindens war zu kurz. Der deutsche Vierer mit Steuermann unterlag knapp im Halbfinale dem späteren Europameister aus Argentinien. Wieso Argentinien? Die EM war damals interkontinental, europäische Ruderer konnten z. B. ebenso Amerikameister werden.

Hervorragende Rennen um traditionsreiche Wanderpreise des In- und Auslandes wurden von dem Gießener "Kühn-Vierer" teilweise mehrmals in den Jahren ab 1955 gewonnen, z. B. die Kaiser-Preise von Bad Ems und Frankfurt, der Hindenburg-Preis von Essen, die Wanderpreise der Städte Zürich, Mainz und Gießen.

Als Ergänzung zu diesem Vierer starteten Walter Kühn und seine Kameraden ebenso in Senior-Achterrenen, wo man 1960 nur die späteren Olympiasieger Ratzeburg/Kiel zu fürchten brauchte. Siege wie im Germania-Achter von Frankfurt oder im Kaiser-Achter von Mannheim gegen bezeugen die damalige Stärke der von Otto Genz trainierten Mannschaften und Skuller.

Zum Höhepunkt wurde die Endlauf-Teilnahme bei der Ruder-EM im Vierer mit Steuermann 1956 in Bled, heute Slowenien, damals Jugoslawien. Nach überlegen gewonnenem Halbfinale sahen die Verantwortlichen des Deutschen Ruderverbandes den Gießener Vierer im Finale bereits auf einem der ersetn drei Plätze, der zur Qualifikation an den Olympischen Spielen 1956 in Melbourne/Australien gereicht hätte. Doch es rächte sich ein hohes Anfangstempo, die Gießener Ruderer Gernot Obermann, Rolf Beck, Jürgen Klein und Walter Kühn wurden somit "nur" Sechste unter insgesamt 14 Nationen.

Aber auch Niederlagen wurden für Walter Kühn zu sportlichen Höhepunkten. Denn Kühn und seine Mitstreiterwurden 1957 knapp hinter der Werksmannschaft der Motorradfabrik Moto Guzzi auf dem Rotsee in Luzern Zweiter, wobei es sich bei den Italienern um die Olympiasieger des Vorjahres handelte. In diesem Rennen blieb der Gießener Vierer unter dem bis dahin bestehenden Rotsee-Rekord. Im Finale des Rennens der Vierer ohne Steuermann, welches am gleichen Tag gerudert wurde, erzielten die Ruderer von der Lahn noch zusätzlich einen vielbeachteten zweiten Platz hinter den Europameistern von Etuf Essen.

Walter Kühn und der GRG-Skuller Thomas Schneider, der mit dem Konstanzer Gerhard Häge 1954 im Doppelzweier Europameister wurde, gelten als die herausragenden Ruderer der glanzvollen Epoche des Gießener Rudersports nach dem Zweiten Weltkrieg.

Nach seiner Aktivenzeit bei der Gießener RG 1877 siegte Walter Kühn noch in Alt-Herrenrennen zunächst für die Farben der RG Wetzlar 1880 und anschließend für den Gießener RC Hassia 1906, wo er nach Vereinswechsel seit fast 50 Jahre Mitglied ist.

Kühns berufliche Tätigkeit als Diplomingenieur und Berufspädagoge fand ihren Abschluss in der Übernahme des Bürgermeisteramtes der Großgemeinde Buseck bei Gießen, welches er als Freier Wähler zehn Jahre lang von 1987 bis 1997 ausübte.

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