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Der Gießener Assistenzarzt Daniel Mauser will über den kompletten heutigen Freitag bis in den Samstagmorgen hinein seinen Traum vom Doppel-Everesting am Wettenberger Falkenberg verwirklichen - also 17 696 Höhenmeter absolvieren.

Ein Träumer und ein Macher

  • Ronny Herteux
    VonRonny Herteux
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Extremsport auf dem Wettenberger Falkenberg. Daniel Mauser will am Freitag bis in den Samstag hinein mit dem Fahrrad zweimal den Mount Everest erklimmen. Zweimal - am Stück!

Vor Jahresfrist saß Daniel Mauser 12:52 Stunden auf dem Rennrad und verbrachte 15:31 Stunden am Falkenberg in Wettenberg. Damit lieferte der Assistenzarzt am »EV« in Gießen das steilste 10 000- Höhenmeter-Everesting in Deutschland und sechststeilste weltweit ab. 214 Auffahrten auf der schnurgeraden und 300 Meter langen Geraden mit bis zu 15 Prozent Neigung bei jeweils 50 Höhenmetern. Doch das ist dem Extremsportler nicht genug, jetzt soll es ein doppeltes »Everesting« (17 696 Hm) sein. Der 36-jährige Gießener will am heutigen Freitag zwischen 4.30 und 5.00 Uhr gestartet sein, dürfte sich also bereits, wenn Sie, liebe Leser, diese Zeilen lesen, auf der Strecke befinden. Die 24-Stunden-Frist ist diesmal kein Kriterium, für das doppelte Everesting dürfte Mauser bis in den Samstagmorgen hinein brauchen. Dabei wird er wieder mit seinem Cannondale CAAD 13 inklusive bergtauglicher Übersetzung von 50/30:11/34 am Start stehen.

Seine 17 696 Höhenmeter möchte Mauser in den Dienst einer guten Sache stellen: »Kurzfristig habe ich mich dazu entschlossen, meine Quälerei einer kleinen Familie mit drei Kindern zu widmen, die vor ein paar Tagen ihren lieben Papa und Ehemann verloren hat«, sagt Mauser und ruft zu einer Spende auf. Man könne sich beispielsweise entschließen, für jeden Höhenmeter 0,1 Cent zu spenden. Auch dieser vergleichsweise kleine Betrag (17,69 Euro) helfe. Den Betrag kann man per Paypal direkt an Daniel Mauser (mauser.daniel@web.de) senden.

Nachfolgend haben wir uns mit dem Extrem-Ausdauersportler über seine Empfindungen, Erwartungen und Ängste unterhalten.

Herr Mauser, ist das doppelte Everesting, also die Bewältigung von 17 696 Höhenmetern am Stück, auch eine Art Grenzüberschreitung? Ein Vorstoßen in neue Dimensionen?

Das ist richtig. Während der Corona-Zeit hatte das Everesting geboomt und es sind viele Everestings weltweit dazu gekommen. Mittlerweile wurden weltweit zwischen bis zu 12 000 Everestings auf dem Rad eingetragen. Das ist jedoch nicht das Wichtigste, was mich dazu bringt, die Latte ein Stück höher zu hängen. Aus meiner Sicht ist das doppelte Everesting der nächste Schritt, der durch den eigenen Ehrgeiz nun an der Reihe ist.

Freuen Sie sich schon auf das Neue oder ist da auch so etwas wie Angst, gar Versagensangst im Spiel?

Natürlich ist hierbei auch ein ganzes Stück Angst oder Un- sicherheit dabei - es fängt schon dabei an, dass man vom Wetter abhängig ist und darauf hoffen muss, dass es einem keinen Strich durch die Rechnung macht. Aber unabhängig vom Wetter ist es etwas, was man noch nie gemacht hat. Man weiß nicht, ob der Körper das mitmacht oder wie er reagiert. Ich will es schaffen, der Weg ist hart - man hat ganz sicher Angst davor es nicht zu schaffen und dann sagen zu müssen, dass die Herausforderung zu groß war.

Das Everesting ist im klassischen Sinne kein Kampf gegen einen fassbaren oder imaginären Gegner, eher ein Kampf gegen sich selbst. Oder darf man gar nicht gegen sich kämpfen, sondern nur mit sich? Aber wer ist dann der Feind?

Das Everesting muss eine »Wellnessfahrt« sein, sie dauert nur etwas länger. Also die Verausgabung kommt aufgrund der Dauer, nicht aufgrund der hohen Wattwerte, die man tritt. Der Feind ist der Motivationsverlust, und der Kampf besteht darin, immer weiter zu machen auch bei Nacht und Müdigkeit.

Von der Psychologin Gabriele Oettingen stammt der Satz: »Träumer sind keine Macher.« Denn nur wer sich aktiv bewusst mache, welche Hürden und Schwierigkeiten auf dem Weg liegen, habe bessere Chancen zur Zielerreichung.

Warum sollte ich mich so oft den Falkenberg hoch schuften, wenn da nicht der Traum wäre, das doppelte Everesting als geschafft abzuhaken? Man muss also ein Träumer und ein Macher sein - das Träumen sorgt für die nötige Motivation, um über lange Zeit zu »machen«.

Sie trainieren seit Wochen auf dieses Event hin, nichtsdestotrotz werden auch Sie wohl an Schmerzgrenzen stoßen. Wie wollen Sie da verfahren, bei diesen Neigungsprozenten erscheint mir der Spielraum zur zwischenzeitlichen Leistungsreduzierung sehr gering.

Ich trainiere lange darauf hin, dennoch gibt es viele, die deutlich mehr Trainingszeit aufwenden können als ich - in meinen Möglichkeiten versuche ich so viel zu trainieren, wie es die Familie und der Beruf zulassen. Schon beim Training ist mein Ziel, es mir nicht leicht zu machen. Ich nutze meist das schwerste Rad (Tourenrad elf kg), das auch einen Nabendynamo hat und trainiere mit diesem. Der Grund ist nicht unbedingt, dass ich mir hierdurch viel mehr Power in den Schenkeln erhoffe. Nein, es ist auch die psychische Komponente - ich weiß, dass ich es beim Everesting schon aufgrund des Materials einfacher und entspannter haben werden als das ganze Jahr hindurch. Ich versuche also niemals die Schmerzgrenze weder für den Kopf noch für den Körper zu überschreiten, sonst wird es hart.

Auf der anderen Seite, Schmerz erzeugt Aggression. Wobei zu unterscheiden ist zwischen konstruktiver und destruktiver Aggression. Die konstruktive könnte auch zusätzliche Energien freisetzen.

Konstruktive Aggression ist sicher gut, aber eigentlich versuche ich so zu fahren, dass ich keine Schmerzen erleiden muss - außer am Hintern, der schmerzt irgendwann, da kann man nichts machen. Mein Ziel ist es, nicht mit Aggression zu fahren, sondern eintönig und immer entspannt.

Sie werden während des Doppel-Everestings natürlich auch viel Zeit zum Grübeln haben. Schauen Sie dabei auf die Strecke, die schon hinter ihnen liegt? Oder fokussieren Sie sich eher auf den Restweg? Angeblich sollen jene im Vorteil sein, die die Konzentration auf das noch Kommende lenken.

Ich sehe immer beides. Das was hinter mir liegt, sehe ich zu jeder Zeit auf meinem GPS-Gerät. Wenn da eine beträchtliche Anzahl an Höhenmetern steht, ist das schon eine Motivation. Ich weiß aber auch, was ich erreichen möchte, somit habe ich auch immer im Kopf, was noch vor mir liegt. Je mehr man seinen Gedanken freien Lauf gibt und man über irgendetwas nachdenken kann, desto besser, dann wird das Radeln und Treten zur Nebensache. Vor einiger Zeit habe ich eine Einheit mit dem geplanten Everesting-Rad absolviert, hierbei habe ich telefoniert, immer bei der Bergauffahrt konnte ich sprechen, bergab war der Wind zu laut. Hierbei zogen die Runden nur so an mir vorbei, da ich mir keine Gedanken über mein aktuelles Tun machen musste. Wenn man das schafft, dann wird es beim Everesting einfacher.

Ein Trick könnte dabei auch sein, sich regelmäßig für erreichte Ziele zu belohnen. Zum Beispiel alle 2000 Höhenmeter einen Energieriegel oder ein paar Minuten runter vom Sattel. Wie schauen ihre Pläne aus?

Einen strikten Belohnungsplan gibt es bisher nicht. Zu viele Pausen in kurzen Abständen machen unzufrieden, da man dann nicht vorwärts kommt. Deshalb ist es tatsächlich so, dass längere Sequenzen gefahren werden, bis man sich wieder eine Pause erlaubt. Die Sequenzen werden vermutlich zwischen 500 und 1000 Höhenmeter sein.

Etwas, was beflügeln könnte, wären auch Interaktionserlebnisse, indem die Familie, Freunde und allgemein Interessierte beim Everesting vorbeischauen, Beifall spenden, Mut zusprechen und für Ablenkungen sorgen - als Prophylaxe für den emotionalen Schmerz.

Das Radio, was ich bei meinen Repeats immer in der Tasche habe, ist eine Sache, die für Ablenkung sorgt und es kurzweiliger macht. Auch ist es mir möglich bei den Aufstiegen etwas zu quatschen, somit sorgt das ab und an auch für Abwechslung. Ansonsten ist die Interaktion am Falkenberg nicht ganz einfach, da die Strecke sehr kurz und steil ist. Man muss also mit einem Co-Radler achtsam an der Wende und der Abfahrt sein. Beim letzten Falkenberg-Everesting habe ich gemerkt, dass es eine Motivation und Stütze ist, wenn man sieht, wie viele Leute einen an der Strecke be- suchen.

Sie haben bestimmt so etwas wie eine Marschtabelle. Wie ist das dabei mit dem Zeitempfinden, »vergeht« sie gefühlt schneller in der Nacht oder bei Tag? »Tickt die Uhr schneller«, wenn Sie alleine sind oder sich Personen an der Strecke befinden?

Wenn ich mir aussuchen dürfte, ob ich nur bei Tageslicht oder nur bei Nacht fahren müsste, würde ich mich ganz klar für den Tag entscheiden. In der Nacht sehnt man die ersten Sonnenstrahlen herbei, die die Müdigkeit vertreiben. Am Tag hat man mehr Überblick über die Umgebung und lässt das Radeln kurzweiliger werden. In der Nacht liegt der Focus für Stunden auf den Metern, die vor einem von den Lampen ausgeleuchtet werden. Es gibt keine Abwechslung, dazu kommt die Müdigkeit. Aus diesem Grund versuche ich, den Tag zu nutzen und die Pausen in Grenzen zu halten. Die Leute, die einen an der Strecke besuchen und ebenfalls für Abwechslung sorgen, dürfen also nicht erwarten, dass man Pausen macht, um sich zu unterhalten. Beim Everesting 2020 am Falkenberg war dies anders, da ich bald wusste, dass ich nicht in die Nacht fahren werde. Aus diesem Grund war in den Pausen auch Zeit zum Quatschen. Für das doppelte Everesting ist mein Plan, den Tag bestmöglich zu nutzen.

Schnell sind Begriffe im Umlauf wie Wahnsinn, unglaublich, verrückt. Aber ist es nicht auch schön, sich von der Masse ein wenig ver-rückt zu sehen?

Ja sicher ist das Ziel auch, etwas zu machen, was nur wenige tun. Jedoch ist das eigentliche Ziel, die eigene Grenze nach oben zu verschieben. Wenn ich mir vor Augen führe, wie oft ich den Falkenberg nun schon befahren habe, muss auch ich über mich sagen: das ist verrückt. Jedoch muss ich auch pragmatisch sagen, ich fahre den Falkenberg, da ich keine Zeit habe, stundenlange Einheiten zu absolvieren - am Falkenberg kann man die Zeit begrenzen und viele Höhenmeter sammeln.

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