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Statistik-Auffälligkeiten

Ein besorgniserregendes Bild

  • Markus Konle
    VonMarkus Konle
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Die Corona-Pandemie hinterlässt bei den Vereinen im Sportkreis Gießen Spuren - fast alle haben im Jahr 2020 Mitglieder verloren. Das geht aus den nun veröffentlichen Zahlen hervor. Vor allem der Rückgang bei den Kindern und im Reha-Sport bereiten den Verantwortlichen Sorgen. Der Blick in die Zukunft lässt Schlimmes befürchten.

Es ist ein eher düsteres Bild, das Prof. Heinz Zielinski (Linden) an diesem Frühlinstag malt. Der Vorsitzende des Sportkreises Gießen blickt mit Sorgen auf die Statistik für das Jahr 2020. Im Schnitt haben die Sportvereine in Stadt und Kreis 2,44 Prozent ihrer Mitglieder verloren, sie liegen damit aber noch unter dem hessenweiten Schnitt (-3,3). »Das ist noch erträglich«, sagt Zielinski. »Aber wenn man mal genauer in die Vereine hineinschaut, sind einige dramatische Fälle dabei.« Bei diesen Vereinen sind die Verluste aber meist nur bedingt mit der Corona-Pandemie zu begründen (siehe Artikel rechts).

Aber klar ist für den Sportkreisvorsitzenden auch: Der Trend wird sich durch das wegen Corona zwangsläufig auf ein Minimum geschrumpfte Angebot auch 2021 fortsetzen, schlimmstenfalls sogar verstärken. Vor allem zwei Bereiche machen Zielinski Sorgen: Der Kinder- und Jugendsport sowie der Reha-Sport. »Bei den Kindern und Jugendlichen haben wir hessenweit einen Rückgang von rund zehn Prozent«, berichtet er.

Im Sportkreis Gießen ist statistisch gesehen der Rückgang bei den bis Sechsjährigen mit 15,6 Prozent am größten. Hier dürfte der Hauptgrund sein, dass viele Kinder erst gar nicht im Sportverein angemeldet wurden - mangels Angeboten. Der Rückgang bei den älteren Kindern und Jugendlichen liegt bei 3,12 (bis 14 Jahre) und 3,58 (bis 18 Jahre) Prozent.

Noch dramatischer ist die Entwicklung im Behinderten- und Reha-Sport. Dieser Fachverband hat auf Kreisebene einen Rückgang von 23,5 Prozent zu verzeichnen - von 1787 auf 1375 Mitglieder. »Dabei sind das die Menschen, die den Sport dringend brauchen. Und durch die Pandemie gibt es praktisch keine Angebote. Das ist schon elend«, sagt Zielinksi.

Während bei vielen großen Sportvereinen mit über 1500 Mitgliedern sich der Schwund überwiegend nahe dem kreisweiten Schnitt von 2,44 Prozent bewegt, gibt es Ausnahmen. Zum Beispiel die TSG Blau-Gold Gießen, die im vergangenen Jahr zehn Prozent ihrer Mitglieder verloren hat (von 1827 auf 1643). Mitgliederstärkster Verein im Sportkreis ist die Sektion Gießen-Oberhessen des Deutschen Alpenvereins, die gegen den Trend 185 neue Mitglieder (+ 2,9 Prozent) auf nun 2581 gewonnen hat. Von den klassischen Mehrspartenverein bleibt der TSV Krofdorf-Gleiberg (2367, -2,3 Prozent) auf Platz eins vor den TSF Heuchelheim (2316), die ihren Stand aus dem Vorjahr praktisch gehalten haben (minus zwei Mitglieder). Der Sportkreis insgesamt ist durch ein Minus von 2501 unter die 100 000-Mitglieder-Marke auf 99 973 gefallen.

Die Verluste bei den größten Fachverbänden Turnen (32 862 Mitglieder/-2,3 Prozent), Fußball (19 197/-3,5) und Handball (6982/-2,4) sind moderat. Dramatischer ist die Entwicklung im Tanzen (2064/-9,7) und Schwimmen (891/-9,1). Aber es gibt auch Gewinner: Bergsteigen/Skiwandern (2615/+2,1) Motorsport (2164/+4,3), Tennis (3365/+1,3) und Pferdesport (4068/+0,3) haben zugelegt.

Kampagne geplant

Insgesamt sind die Zahlen für Zielinski aber besorgniserregend. »Die Bindung an den Verein lässt immer mehr nach. Das macht sich in der Pandemie deutlich bemerkbar«, sagt er. »Es wird kein Selbstläufer, die Mitglieder zurückzugewinnen. Die kommen nicht automatisch wieder zurück in einem halben Jahr. Ein Teil wird kommen, aber wirklich nur ein Teil.« Längst laufen im Sportkreis Überlegungen, die Vereine zu unterstützen, um den von der Pandemie ausgelösten Trend zu stoppen und im besten Fall umzukehren. »Ich würde gerne eine Kampagne starten mit dem Arbeitstitel: ›Bleib drin, komm rein, in den Sportverein‹. Das muss man begleiten und bewerben auf allen Kanälen«, sagt der Sportkreisvorsitzende.

Für die Zukunft sieht er einige Herausforderungen auf die Vereine und Verbände zukommen und mahnt Veränderungen an. »Wir müssen uns als organisierten Sport öffnen für Menschen, die auch woanders Sport treiben, zum Beispiel in Sportparks im öffentlichen Raum. Warum sollten wir nicht einen qualifizierten Übungsleiter dorthin schicken?«, schlägt Zielinksi vor. Auch eine Zusammenarbeit von Vereinen im Verwaltungsbereich könne für Entlastung sorgen. »Wir müssen uns organisatorisch verändern, um die Vereine am Leben zu halten.«

Und dann sieht er noch die »Riesenbaustelle« Schulsport. »Wir müssen in den Schulen mehr Sport anbieten. Nicht nur drei Stunden, sondern vier oder besser sogar fünf Stunden pro Woche«, fordert er. Der organisierte Sport stelle zur Unterstützung seine Kompetenz mit Übungsleitern gerne zur Verfügung, erklärt der Sportkreisvorsitzende, für den feststeht: »Die Nichtsporttreibenden erreichen wir nur in der Schule.« FOTO: FRIEDRICH

(kus). Vor allem die Vereine aus dem Gießener Stadtgebiet haben im Jahr 2020 Mitglieder verloren. Viele Studenten waren und sind nicht in der Stadt und haben deshalb ihre Mitgliedschaft gekündigt. »Uns fehlen die Neuanmeldungen«, sagt Bernhard Zirkler, der Vorsitzende der TSG Blau-Gold Gießen, die 184 Mitglieder (-10 Prozent) verloren hat. »Normal haben wir 400 Ab- und 500 Zugänge pro Jahr«, sagt er. Immerhin könne der Verein, dessen Mitglieder im Schnitt 21,3 Jahre alt sind, mit seinen rund 100 Online-Kursen pro Woche einiges auffangen. Zwar geht Zirkler davon aus, dass die TSG zum 30. Juni weitere 200 Mitglieder verlieren werde, aber auch davon, dass die »Zahlen im Herbst wieder nach oben gehen«.

Einen herben Mitgliederverlust - von 403 auf 245 (-39 Prozent) - beklagen auch die Tänzer vom Rot-Weiß-Club Gießen. »Hauptgrund ist die Corona-Krise«, meint Sportwart Kai Maaß. »Wir haben viele Kinder und Jugendliche verloren«, ergänzt er. Was auch daran liege, dass der Club viele Kurse in Kindergärten abgehalten habe. Die derzeit schwierige Situation mit den Vereinsräumlichkeiten am Waldstadion sowie Trainerwechsel, die Austritte zur Folge hatten, taten laut Maaß ihr Übriges.

Zu den größten Verlierern gehört in der Statistik die FSG Lollar/Staufenberg mit einem Minus von 178 auf 181 Mitglieder (-50 Prozent). Nach den Worten von FSG-Jugendleiter Sükrü Firat liege der Grund darin, dass die FSG die Zahlen aus den vergangenen Jahren bereinigt habe: »Die 181 Mitglieder sind die Aktiven, die auch regelmäßig da sind.« Die Zahl der Vereinsaustritte 2020 bezifferte er zwischen zehn und 30. Der benachbarte SV Odenhausen/Lahn hat prozentual gesehen (-67 Prozent/-175 Mitglieder) die größten Verluste (von 262 auf 87 Mitglieder). »Wir haben uns komplett aus dem Fußballbereich zurückgezogen«, erklärt der 1. Vorsitzende Andreas Reich. Viele Kicker hätten sich nun dem SV Salzböden angeschlossen, der ein Plus von 47 Mitgliedern (+16,3 Prozent auf 289 insgesamt) verbucht.

Den mit Abstand größten Zuwachs im Sportkreis hat der Tennisclub Laubach, dessen Mitgliederzahl von 115 auf 185 in die Höhe schoss (+60,9 Prozent) - das ist das Ergebnis einer engagierten Werbeaktion. »Die ist hervorragend gelaufen«, erzählt der 1. Vorsitzende Martin Schmier. Neue Mitglieder sind in der ersten Saison beitragsfrei und bekommen Trainerstunden gesponsert. Zudem hat der Club, der in der Pandemie weitgehend ein Angebot aufrechterhalten durfte, ein Konzept entwickelt, wie er die Neuankömmlinge betreut.

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