Dritter Wetzlarer Heimsieg

Den TBV Lemgo mit 31:28 (17:15) geschlagen und ihre Bundesliga-Startbilanz auf bemerkenswerte 8:4 Punkte ausgebaut. Die Handballer der HSG Wetzlar boten 4000 Zuschauern eine Samstagabend-Unterhaltung, die Abwechslung bot und durchaus auch Spannungsmomente, besonders anspruchsvoll war diese aber nicht.

Den stark ersatzgeschwächt ohne Weltmeister Florian Kehrmann, der grippegeschwächt 60 Minuten auf der Bank "fröstelte", Patrik Johannson und Gunnar Dietrich (beide verletzt) angetretenen Ostwestfalen standen die Müller und Co. zwar keine einzige Führung zu und ab der 13. Minute (7:6) auch keinen Anschlusstreffer mehr, dennoch war bei diesem Heimsieg nicht alles im Fluss.

Bezeichnend dafür der Wechselfehler in der elften Minute, der die Wetzlarer nicht nur für 1:32 Minuten in die 4:6-Unterzahl beförderte, sondern ihnen nach Spielschluss auch noch einen Protest des TBV Lemgo einbrockte, der einen Regelverstoß – zu dem sich beide Seiten keinen Kommentar entlocken ließen - ausgemacht haben will, über den nun die HBL zu befinden hat.

Gerade in diesen 90 Sekunden in doppelter Unterzahl beförderten Michael Müller mit dem 6:5 und Tobias Reichmann mit dem 7:5 (13.) die Wandschneider-Truppe in das Handball-Tagesgeschäft, nachdem die 6:0-Abwehr bis dahin ähnlich wie vor zwei Wochen in Mannheim viel zu passiv agierte und ihr Zögern erst aufgab, als vor allem Timm Schneider dreimal (!) seine Aktion bereits abgeschlossen hatte. Wetzlars Jens Tiedtke bestätigte: "Wir standen in der Deckung zu passiv."

Im Grunde genommen war es überwiegend ein reiner Arbeitseinsatz der HSG Wetzlar, dem über weite Strecken die Leichtigkeit fehlte, weil man entweder nicht in den Gegenstoß kam oder nicht in diesen kommen wollte. "Wir haben heute das Tempo aus der Abwehr heraus besser gesteuert und sind kein volles Risiko gegangen", erklärte Trainer Kai Wandschneider, "wenn wir aber ein Tor brauchten, dann haben wir es auch gemacht."

Dabei machten es sich die Mittelhessen auch im Positionsangriff unnötig schwer, da Spielzuganweisungen des immer besser Regie führenden Adnan Harmandic ("Ich spüre das Vertrauen des Trainers und bekomme dadurch natürlich selbst mehr Selbstbewusstsein") nicht immer durchgängig umgesetzt wurden und u.a. gerade die Phase kurz vor der Pause vom 14:11 (25., Kristjansson) bis zum 17:15 durch eine Eins-gegen-eins-Aktion des sechsfachen Lemgoer Torschützen Martin Strobel stil- und konturenlos verlief.

Das herausragende Stellungsspiel von Torsteher Nikola Marinovic, der mit 20 gehaltenen Würfen den größten Anteil am Erfolg hatte, die 100-Prozent-Trefferquote von Tobias Reichmann (6 von 6) aus dem Spiel heraus sowie die individuelle Klasse des erst in der Endphase eingewechselten, dafür aber dreimal erfolgreichen Halbrechten Daniel Valo (26:22, 50./27:23, 52./31:25,59.) verliehen den Wetzlarern aber genug innere Stärke, um die personell und durch die Negativ-Schlagzeilen der letzten Wochen gebeutelten Lipperländer sicher in Schach zu halten. Perfekt war der dritte Heimerfolg im dritten Heimspiel der Saison aber schon in der 55. Minute gewesen, als der Isländer Kari Kristjan Kristjansson mit seinem kunstvollen Drehwurf zum 29:23 einwarf und damit erstmals in der Partie die Fünf-Tore-Hürde genommen hatte.

Für HSG-Kreisläufer Jens Tiedtke waren die aggressivere Deckung und Torhüter Nikola Marinovic ausschlaggebend für das vierte Punktepaar der Saison: "›Bobby" hat super gehalten. Nur 13 Gegentore im zweiten Abschnitt sagen alles, wobei wir in den letzten Minuten sogar noch zwei, drei leichtfertig zugelassen haben."

Timm Schneider, der im Rückraum des TBV aufgrund dessen Verletztenmisere viel Kraft gelassen hatte, suchte die Ursachen in den eigenen Reihen: "Blöd gelaufen. Wir waren einfach schlecht, haben zuviele Bälle verworfen und uns in der Abwehr zuviel gefallen lassen." Das sah auch dessen Trainer Dirk Beuchler so: "Wetzlar war heute schlagbar. Wir haben zuviele freie Bälle weggeworfen und in 6:4-Überzahl ein 0:2 bekommen. Wir haben zuviele Fehler im Kollektiv und auch individuell gemacht."

In der bislang äußerst facettenreich verlaufenen Saison haben die Wetzlarer erneut eine Stabilität bewiesen, deren Statik trotz der immer noch vorhandenen Überzahl-Probleme sowie der kassierten Tore, "bei denen sich der Magen umdrehte" (Trainer Wandschneider), nicht ins Wanken geriet. Aus den meisten Situationen haben sich die Müller, Fäth und Co. bislang stets selbst befreit - und das ist auch eine Art von Qualität, die zu Siegen führt, selbst wenn einmal nicht alles im Fluss sein sollte.

In erster Linie waren es aber wohl die größeren und besseren Wechselmöglichkeiten gegenüber dem TBV Lemgo, die der HSG Wetzlar den Sieg bescherten. Und natürlich ein Nikola Marinovic im Tor, der auf der Gegenseite gleich zwei Keeper verschliss. Mal sehen, was der Mittwoch gegen die SG Flensburg/Handewitt für neue Facetten bringt!

HSG Wetzlar: Marinovic, Weber; Schmidt (3/2), Fridgeirsson, Tiedtke (3), Rompf (n.e.), Valo (3), Mraz, Philipp Müller (2), Reichmann (6), Fäth (4), Michael Müller (4), Hamarndic (4/2), Kristjansson (2).

TBV Lemgo: Lichtlein, Desrüsse; Preiß (2), Bechtloff (1), Kehrmann (n.e.), Strobel (6), Hermann (5), Pekeler (2), Schneider (5/2), Lemke (2), Haenen (5), Zieker.

Stenogramm / SR.: Moles/Pittner (Karlsruhe). - Zeitstrafen: Mraz (11.), Philipp Müller (40.), Michael Müller (48.), Harmandic (59.), Bank (alle Wetzlar); Preiß (37., 45.), Strobel (46.), Pekeler (17., 26., alle Lemgo). - Torfilm: 5:5 810.), 11:7 (18.), 15:12 827.), 17:15 (Halbzeit); 22:17 (43.), 25:20 (48.), 30:24 (58.), 31:28 (Endstand). Ralf Waldschmidt

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