Lebensfroh: Dennis Owusu im alten Mainzer Bruchwegstadion.
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Lebensfroh: Dennis Owusu im alten Mainzer Bruchwegstadion.

Vom Dorfverein ins Internat

Im letzten Teil unserer Fußball-Serie beleuchten wir die Abwerbeversuche der Profivereine, das Leben in einem Nachwuchsleistungszentrum und die Arbeit eines ganz bestimmten kleinen heimischen Vereins.

Dennis Owusu steht am alten Mainzer Bruchwegstadion und sagt: »Bei meinen früheren Vereinen hatte ich mehr Spaß am Fußball. Aber hier werde ich besser.« Der 15-jährige Gießener hat das Profigeschäft im Blick – und den Sprung in das Nachwuchsleistungszentrum der 05er geschafft. Gelernt hat Dennis Owusu das Fußballspielen beim MTV 1846 Gießen. »Da war es für mich nur ein Hobby.« Mit zwölf Jahren wechselt er zur TSG Wieseck. »Das ist die ideale Zwischenstation. Da wurde es schon professioneller.« In diesem Sommer nun folgte der Schritt nach Mainz ins Internat. »Hier wurde es ernst.«

Das Training sei härter, »man kann nicht mehr so viel rumalbern«, gibt Owusu zu. »Die Gegenspieler sind besser, die Trainer wollen mehr sehen. Wenn du in Wieseck mal einen Fehlpass gespielt hast, war das nicht so schlimm. Hier wird sofort gesagt: Das kannst du doch besser, konzentrier dich. Daran muss man sich erst mal gewöhnen. Aber man wächst daran.« In der B-Jugend-Regionalliga Süd hat er für Mainz bislang fünf Spiele absolviert. Wie ist er dahingekommen?

In seiner letzten Saison in Wieseck drehte Owusu, dribbelstark, schnell, auf und zog das Interesse vieler Scouts und Berater auf sich. »In der Rückrunde habe ich das schon gemerkt«, gesteht der Jugendliche. Geht es nach dem Wunsch der Wiesecker, schreiben interessierte Vereine die TSG an und erklären, dass sie diesen oder jenen Spieler gerne verpflichten würden. »Wenn es richtig abläuft, spricht erst mal keiner mit den Eltern«, sagt sein letztjähriger Trainer Fabian Durst. »Wir bekommen die Info, stellen den Spieler für das Probetraining frei. Dann wird der Kontakt zu den Eltern hergestellt und es ist Aufgabe des Vereins, sich mit den Eltern zu einigen.«

Die Praxis sieht mittlerweile allerdings oft ganz anders aus. Im hektischer werdenden Geschäft Fußball wird auf Formalitäten kaum noch Rücksicht genommen. Der FC Ingolstadt etwa rief direkt beim Vater von Owusu an – er kommt aus Ghana, spricht nicht fließend Deutsch. Rot Weiß Erfurt meldete sich per E-Mail, Carl-Zeiss Jena sogar über Facebook. Im Fall des 15-Jährigen muss man sagen: Es war hilfreich, dass er seit einem Jahr auf die Beratertätigkeiten von Stefan Neumann vertraut – dieser brachte Ordnung in die unübersichtliche Situation.

»Es gibt Berater, die haben dich als Spieler noch nie gesehen, aber schicken dir Verträge zu. Da muss man richtig aufpassen«, sagt Neumann. Es gab auch Angebote von Werder Bremen und der TSG Hoffenheim. Neumann sah das Gesamtpaket. »Die Familie von Dennis wohnt in Gießen und ist ihm sehr wichtig. Mainz liegt in der Nähe, so kann der Vater auch mal vorbeischauen.« So arrangierte der Spielerberater ein Treffen mit den Verantwortlichen des FSV, Owusu wechselte in diesem Sommer an den Rhein.

Dort lebt er im Kolpinghaus, einer Wohneinrichtung für Jugendliche und Auszubildende. Der FSV hat die Unterbringung der Talente bewusst weg vom Trainingszentrum in die Innenstadt verlegt – 16 Internatsplätze gibt es. Zum Vergleich: Im Frankfurter NLZ gibt es acht Internatsplätze direkt am Trainingsgelände am Riederwald.

Im Mainzer Kolpinghaus gibt es für die Jugendfußballer mittags und abends warmes Essen – selbstständig sein muss der Jugendliche beim Thema Wäsche und Küchendienst. »Es kontrolliert niemand, ob und wann man abends im Zimmer ist. Man vertraut uns«, sagt Owusu. An einem normalen Tag steht er um 6.30 Uhr auf. Owusu geht in Bretzenheim zur Schule, in die neunte Klasse. Vormittags wird für die Fußballer des FSV immer eine Stunde freigehalten, dann geht es ins Kraft- und Athletiktraining. Danach geht es mit der Schule bis zum Nachmittag weiter. Um 18 Uhr steht jeweils das Training auf dem Platz an, die Spiele finden am Sonntag statt.

Owusu ist nicht der einzige heimische Akteur im Mainzer Jugendbereich. Auch Paul Sapper, ehemals Wieseck, wechselte an den Rhein, genauso wie Tom Woiwod. Er kam vom VfB 1900 Gießen, lernte das Fußballspielen aber beim FC Cleeberg. Immer wieder bildet Mittelhessen talentierte Jugendfußballer für die NLZs der Profivereine aus. Auffällig wurde in dieser Hinsicht zuletzt vor allem jener FC Cleeberg.

Drei Jugend-Nationalspieler stellte der verhältnismäßig kleine Verein in den letzten Jahren, insgesamt fünf Akteure, die nun in Internaten untergebracht sind: John-Patrick Strauß (RB Leipzig), Lena Schmidt (Carl-Zeiss Jena), Tom Woiwod (Mainz 05) und die Itter-Zwillinge Gian-Luca und Davide (VfL Wolfsburg). Zufall? »Nein, das kann kein Zufall sein«, sagt Wolfgang Schmidt, der all diese fünf Spieler in Cleeberg jahrelang trainierte. »Es gibt andere Vereine in diesem Raum, die sind dreimal so groß und haben keinen einzigen Fall.«

Der 56-Jährige führt mehrere Gründe auf. »Zunächst einmal hat der Verein die Jugendarbeit zeitweise extrem forciert. Er stand finanziell stark dahinter.« Teilweise wurden Spiele der ersten Mannschaft für die Jugend verschoben. »Dann musst du als Talent zum richtigen Zeitpunkt den richtigen Trainer haben. Mit mir und Dirk John gab es zwei Idealisten. Wir haben das mit Herzblut gemacht, ohne einen Cent zu bekommen. Wir haben Tausende Stunden gearbeitet, um das zu ermöglichen.

« Der dritte Punkt: »Wir hatten nicht nur diese außergewöhnlichen Talente, sondern auch bis zu zehn andere gute Spieler, die im Stützpunkt waren. Dadurch war das Niveau hoch. Es waren also glückliche Umstände, so was kann man nicht planen.« Heute gebe es wieder einige Talente, »aber es fehlt in der Breite. Du musst aus deinem Talent auch was machen können«.

Die Itter-Brüder konnten etwas aus ihrem Potenzial machen. Gian-Luca wurde mit der Fritz-Walter-Medaille als bester Jugendspieler des Jahres ausgezeichnet – Cleeberg bekam dafür 11 000 Euro Prämie. »Darauf bin ich unglaublich stolz. So etwas wiegt alles auf«, sagt Schmidt. Schon 2006, vor exakt zehn Jahren also, sagte der Jugendtrainer einer Zeitung: »Die beiden können ganz nach oben kommen.« Kann man das tatsächlich schon in so jungen Jahren sagen? »Ein gewisses Talent sieht man schnell, ob sich jemand gut bewegen kann. Aber ob jemand Profi wird oder nicht, das kann niemand vorhersagen.«

Nur wer ruhig bleibt, trotzdem bereit ist, alles für den Traum Fußballprofi zu investieren und zudem körperlich Schritt hält, hat Chancen. »Talent und Schnelligkeit«, sagt Schmidt, »vieles vom Rest kann man sich erarbeiten«. Talent und Schnelligkeit – das bringt Dennis Owusu mit. Disziplin auch – wenn er an seinem freien Dienstag nach Gießen kommt, kickt er nicht zum Spaß mit seinen Freunden, sondern geht Übungen durch, um sich zu verbessern. »Ich wollte schon immer Fußballprofi werden«, sagt er. »Wenn man in einem NLZ ist, ist man dem schon einen Schritt näher. Aber es heißt natürlich nicht, dass man auch Profi wird.«

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