So kam ich zu diesem Körper

Um eine Figur wie Tim Häuser zu haben, braucht es jahrelange Arbeit. Der Pohlheimer erklärt nach seinem Erfolg bei der Deutschen Meisterschaft, welcher Aufwand hinter all den Muskeln steckt.

Solange Tim Häuser T-Shirt oder Anzug trägt, ist er ein ganz gewöhnlicher Informatik-Master-Student an der THM Mittelhessen. Sobald der 27-Jährige aber Fotos von sich in Posing-Manier zeigt, erntet er verwunderte Gesichter. – bei Freunden, Kommillitonen und Arbeitskollegen. »Wenn Bekannte mich in der Bühnenfigur sehen, sagen sie: Das steckt darunter, das kann man sich ja kaum vorstellen!«

Der Pohlheimer betreibt Fitnesstraining, seit er 18 Jahre alt ist, seit rund drei Jahren geht er ins »Clox-Fitness« in Gießen. Dort schuftete er, um letztlich deutscher Vizemeister im Bodybuilding zu werden. Der Weg zu diesem Körper ist lang. Und hat Tim Häuser an der Arbeit, in der Universität und in den eigenen vier Wänden viel Überwindung gekostet. In den letzten vier intensiven Monaten der Vorbereitung auf den Wettkampf aß Tim Häuser vom Zeitpunkt des Aufstehens um 5.15 Uhr bis abends um 20 Uhr nichts weiter als einen Salat mit Schinken. Abends gab es dann ein Kilogramm Gemüse, 800 Gramm Hähnchen und ein Kilogramm Magerquark. Viereinhalb Monate, über 130 Tage lang. Nur ein Beispiel für den extremen, medizinisch aber vertretbaren Aufwand von Tim Häuser. Hier erklärt der Bodybuilder, wie er zu dieser Figur gekommen ist. Das Krafttraining – die lange Grundlagenarbeit Vor rund drei Jahren näherte sich Tim Häuser dem Thema Bodybuilding an. Im »Clox« intensivierte er sein Training: Viermal in der Woche werden Gewichte gestemmt. Die Muskelgruppen (Brust, Rücken, Schultern, Beine, Waden, Bizeps und Trizeps) werden auf die Woche verteilt. Eine Einheit dauert zwischen einer und zwei Stunden. »Beine und Rücken sind große Muskelgruppen, da dauert’s etwas länger, bei Bizeps und Trizeps geht’s zum Beispiel schneller. In dieser Zeit bin ich hauptsächlich an den Freihanteln, nur ab und zu an den Maschinen, um mich auszupowern. Zum Training gehören auch klassische Dinge wie Bankdrücken oder Kniebeugen.« Was ihm daran Spaß macht? »Der Pump an den Muskeln. Das Aufblasen der Muskeln und den Reiz, der gesetzt wird, das spürt man.« Ist ihm das ständige Gewichtestemmen nicht zu eintönig? »Klar, das Gefühl hat man mal. Dann ändert man die Übungen. Es gibt ja ca. 30 verschiedene Übungen pro Muskelgruppe. Im Clox ist es auch deshalb angenehm, weil eine familiäre Atmosphäre herrscht. Da trainiert man nicht nur, sondern tauscht sich auch aus. Für mich ist das immer eine Art Entspannung nach der Arbeit.« In diesem Sommer war klar: Tim Häuser will auf die Bühne. Erst Hessische Meisterschaften, dann idealerweise Deutsche Meisterschaften Ende November. Das heißt: Die Diätphase muss beginnen. Die Diätphase – der kraftraubende Feinschliff Die Zeit des kontrollierten Essens beginnt bei Tim Häuser rund viereinhalb Monate vor dem Wettkampf. In dieser Zeit hat er 22 Kilogramm abgenommen. »Das macht man, damit die Muskeln, die man sich vorher antrainiert hat, besser zum Vorschein kommen.« Wegen seiner Arbeit steht der 27-Jährige jeden Morgen um 5.15 Uhr auf – und isst bis um 14 Uhr, also neun Stunden lang, nichts. Dann er nimmt einen Salat mit Schinken zu sich. Gegen 20 Uhr isst er dann ein Kilogramm Gemüse, 800 g Hähnchen und ein Kilogramm Magerquark. »Das war für mich die einfachste Ernährungsweise, weil ich so immer wusste, wieviel Kalorien ich zu mir nehme.« Zum Schluss sind es nur noch 2000 Kalorien am Tag. Zusätzlich nimmt er Vitamintabletten, um die einseitige Ernährung auszugleichen. »Obst wäre wegen des Fruchtzuckers und der vielen Kalorien nicht gut.« Das Entwässern – der abrupte Trinkstopp Rund eine Woche vor dem Wettkampf beginnt Tim Häuser täglich bis zu zwölf Liter Wasser zu trinken, um am entscheidenden Tag die optimale Hautstraffung zu haben. »Dadurch muss man spätestens jede halbe Stunde auf Toilette.« Am Abend vor dem Wettkampf »hört man dann abrupt auf zu trinken und muss nachts gefühlt acht mal auf Toilette. Dadurch verliert der Körper aber das viele Wasser und die Haut legt sich an die Muskeln. Dann trinke ich erst wieder nach der Bühne etwas, das heißt oft knapp 20 Stunden lang nichts.« So ist Tim Häuser nun ideal vorbereitet für die Bühne. Wie läuft ein Wettkampf ab? Der Tag beginnt mit dem Gang auf die Waage – dort entscheidet sich, in welcher Klasse man antritt (70 kg, 80 kg, 90 kg usw.). Dann kommt der Athlet in einen Aufenthaltsraum. »Da heißt es warten« – bis zu sechs Stunden. Die Athleten einer Klasse treten gleichzeitig auf die Bühne und zeigen vor der Jury ihre sieben Pflichtposen. Bei der Deutschen Meisterschaft, für die er sich über die Hessische qualifizierte, hatte Tim Häuser zehn Konkurrenten. Die Entscheidungskriterien: »Körper, Muskelmasse, Ästhetik, Gesamtbild«. Preisgelder gibt es im Grunde nicht. Es birgt schon eine gewisse Ironie, wenn Muskelpakete, die Jahre lang im Studio schuften, als Belohnung für die Deutsche Meisterschaft neben dem Pokal nur noch einen Shaker und einen Eiweißriegel bekommen. Wofür macht Tim Häuser das alles? »Der Moment auf der Bühne ist schon sehr toll. Einmal im Leben wollte ich auch so aussehen. Ich werde den Sport auf jeden Fall weiter betreiben, ob auch auf der Bühne, das steht noch nicht fest. Denn sich dafür in Form zu bringen, ist sehr aufwendig.« Und wie ist dieses Verhalten medizinisch zu betrachten? Die für Normalbürger überraschende Antwort kommt von Dr. Karsten Krüger, Sportmediziner an der Justus-Liebig Unversität in Gießen: »Wenn der Bodybuilder damit zurecht kommt, keine Kopfschmerzen oder Übelkeit bekommt, ist diese extreme Ernährungsweise relativ unbedenklich. Es ist kein Gesundheitssport, das ist klar. Aber Bodybuilder sind Leute, die häufig ein gutes Gefühl für ihren Körper haben. Das Problem ist ein anderes: Es ist eine Sportart, in der es eine Nähe zum Doping gibt und in der das auch sehr effektiv ist. Einige Sportler in Deutschland überschreiten da die Grenze. Häufig entsteht ein Wahn, sich in diesem Bereich zu optimieren und dann wird zu Nahrungsergänzungsmitteln gegriffen, die Risiken bergen können. Creatin, legal, lässt Masse wachsen, irgendwann reicht das nicht mehr, dann wird zu anabolen Steroiden gegriffen, die das Risiko für verschiedene Krankheiten bergen. Aber es gibt natürlich auch viele Bodybuilder, die sauber bleiben und gut informiert sind.« Zum Thema Doping sagt Tim Häuser abschließend: »Das, was man am Körper sieht, gibt Anlass, vom Doping auszugehen. Natürlich ist dieser Sport nicht unbelastet. Es bestehen Angebote, wie in anderen Sportarten auch. Für einen Bodybuilder ist es nicht einfach sich von solchen Vorwürfen frei zu machen. Durch einen strickten Ernährungsplan, effektives Muskeltraining und qualifizierte Ansprechpartner lässt sich eine Deutsche Meisterschaft auch so bestreiten.« HäuserTim

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