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Ob es der Beistand von oben war, der Olle Forsell Schefvert und der HSG Wetzlar noch das 27:27 bei den Eulen Ludwigshafen bescherte.

Die Unerklärlichen

  • Ralf Waldschmidt
    VonRalf Waldschmidt
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(ra). Als Kristian Björnsen, der Norweger, der ebenso wie viele andere Wetzlarer Bundesliga-Handballer in diesen Corona-Zeiten extrem in seiner Form schwankt, 13 Sekunden vor Schluss den Assist von Olle Forsell Schefvert aufnahm und von der Rechtsaußenposition skandinavisch kühl zum 27:27-Endstand verwandelte, blieb nach dem ersten Jubel nur die Verwunderung über sich selbst.

Tabellenneunter mit 21:17 Punkten in der Handball-Bundesliga nach 19 Spieltagen. Wow! Ein Team ohne einen Weltstar wie Ivano Balic. Ein Team ohne Charakterköpfe wie Philipp und Michael Müller. Ein Team ohne Europameister Andreas Wolff, Steffen Fäth, Jannik Kohlbacher. Eigentlich unvorstellbar! Und dann noch vor der Partie bei den stark abstiegsgefährdeten Eulen Ludwigshafen, trainiert vom künftigen Trainer Benjamin Matschke, die Ausfälle - vielleicht sogar längerfristig - von Torjäger Stefan Cavor und jung-Nationaltorhüter Till Klimpke. Unerklärlich!

Der Restart nach WM- und Coronazwangspause ist gelungen. Sieg gegen TSV Hannover-Burgdorf, jeweils Unentschieden gegen HC Erlangen und Eulen Ludwigshafen. Aber was für Teilerfolge !? In der Rittal-Arena vor acht Tagen waren die Franken über zwei Drittel der Distanz die klar bessere Mannschaft, führten 20:13 (38.). Diesmal, in Ludwigshafen, führten die vom Hüttenberger Dominik Mappes herausragend angetriebenen Eulen zum gleichen Zeitpunkt 18:12.

In beiden Fällen hatte wohl kaum noch jemand einen Pfifferling auf das Team von Trainer Kai Wandschneider gesetzt. Als »rumgewurschelt« bezeichnete der Coach den struktur- und tempoarmen Auftritt seines Teams bis - ja bis zum Schlussdrittel. In diesem packten sich die Unerklärlichen, bei denen am Donnerstag allein Tibor Ivanisevic, Alexander Feld und Anton Lindskog Konstanz verrieten, an die eigene Handball-Ehre und das Kämpferherz aus. Über das Wetzlarer Erstliga-Abschneiden in der Ära Wandschneider/Camdzic wundert sich seit mittlerweile einem ganzen Jahrzehnt das komplette Oberhaus, über die jüngsten Husarenritte die Spieler in ihren Statements - von Olle Forsell Schefvert bis Anton Lindskog - selbst. Ivan Srsen kann und wird Stefan Cavor nicht ersetzen können, Philipp Henningsson ist im Angriff kein Faktor, bei Olle Forsell Schefvert und Lenny Rubin wechseln Licht und Schatten extrem, auf der Mitte hat Magnus Fredriksen sein Gesellenjahr noch nicht abgeschlossen. Eigentlich, ja eigentlich hätten sowohl Erlangen als auch Ludwigshafen bei all diesen Wetzlarer Indisponiertheiten als Sieger vom Platz gehen müssen. Taten sie aber nicht.

Die HSG Wetzlar stolperte, lief ideen und bewegungslos gegen die 6:0-Abwehrwand der Eulen an, ließ sich einen Rückraumwurf nach dem anderen wegblocken und von den Außen sträflicherweise drei, vier dicke Chancen liegen.

Die HSG Wetzlar fiel aber nicht. Wann und woher der Impuls kam? Zum wiederholten Male. Aber plötzlich kämpfte die Abwehr wieder Rücken an Rücken, tauschte Olle Forsell Schefvert Cleverness gegen Fahrigkeit ein (16:19, 44.), brachte Anton Lindskog endlich (!) eine zweite Welle erfolgreich zum Abschluss (21:23, 52.), wurde aus der 3:3-Abwehrbedrohung für die Ludwigshafener ein enormer, nicht mehr zu bewältigender Druck.

Kopf und Nerven verloren in der Crunchtime könnte man aus Erlanger und Ludwigshafener Sicht nun sagen und die Unentschieden als Punktverluste bezeichnen. Das aber wiederum würde der Unerklärlichkeit der Unerklärlichen nicht gerecht. Schließlich ist das Bayern-Dusel auch nicht mehr als eine Mär. Alles hart erarbeitet in der Woche im Training und am Spieltag auf dem Parkett.

Bis zum Heimspiel am 17. März gegen Frisch Auf Göppingen haben Kai Wandschneider und seine Unerklärlichen nun Zeit, sich neu zu sortieren und auf die Rückkehr von Linkshänder Stefan Cavor und Till Klimpke zu hoffen.

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