ERINNERUNGEN

Die Oberprima 1 der Herderschule

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Gebannt und fasziniert hängen wir an den Lippen des Berichterstatters und lauschen seinen Ausführungen über die Machenschaften der Stasi und sein Leben als Handballtrainer im Focus fremder Mächte. Das Leben eines besessenen Missionars in der zum Ausgang des vorigen Jahrhunderts durch die von Doping getränkten Erfolge und deren Dominanz geprägte Handballszene der Staaten des Ostblocks.

Es ist der erste Freitag im November, wie in den Jahren zuvor ein fester Termin im Kalender der ehemaligen Oberprima 1 der Herderschule Gießen, die just an diesem Tag im Jahr 1966 ihr Abitur ablegte. Und es ist in diesem Jahr 2016 der 50. Jahrestag, den zwölf von ehemals vierzehn Absolventen an einem seit dem ersten Jahrestag immer gleichen Lokal in der Licher Straße in Gießen zusammen feiern. Wie immer: Anekdoten aus der gemeinsamen Schulzeit mit der Postanalyse des damaligen Lehrkörpers, die jedes Jahr kritischer ausfällt, aber immer mit wohlwollenden Worten endet. Austausch persönlicher Befindlichkeiten, wobei in den letzten Jahren dem individuellen gesundheitlichen Status immer mehr Raum eingeräumt wird. Und wie immer in den Jahren zuvor: das Warten auf den ›Doc‹.

Er ist eigentlich nie der Erste bei diesen Klassentreffen, mal ist es die Praxis, mal kommt er noch in Trainingskleidung aus der Sporthalle, manchmal war auch der Anruf einer Persönlichkeit aus dem Osten Grund für sein Zuspätkommen.

Nein, er betritt nicht einfach das »Jägerstübchen«, er erscheint! Es knistert im Raum, die Tür zur großen Welt scheint aufgestoßen. Wir müssen nicht an ihm zerren, er ist bereit zur ausschweifenden Unterhaltung seiner nach Neuigkeiten aus der Szene lechzenden Klassenkameraden. Und er lässt sich nicht lange bitten, liebt er doch diese Selbstinszenierung und die stille, oft auch emotionale Begeisterung seiner Zuhörer. Das Thema ist natürlich sein geliebter Handballsport, seine Erfolge, seine Begegnung mit der Prominenz aus Sport und Politik und seine Hassliebe zu allem, was jenseits der ehemaligen Mauer liegt. Es sind Geschichten, deren Wahrheitsgehalt wir Klassenkameraden doch mehr und mehr anzweifeln, aber es klingt aus dem Mund des Protagonisten so herrlich spannend und überzeugend. Er ist beileibe kein sanfter Missionar, nicht nur in Sachen Handball.

Seine Erfolge auf seinem beruflichen Sektor haben natürlich auch einen Stellenwert in seinen Ausführungen. Wir staunen, welche Persönlichkeiten schon seine Praxisräume betreten haben, ihm unzählige Dankesbriefe zukommen ließen und ihm zuweilen den Ruf eines Wunderheilers eingebracht haben. Ein Besessener ohne kritischen Blick zur Uhr. Provokation und Erfolg erreichten bei seinen eigenwilligen Therapien oftmals das gleiche Niveau.

Auch ich habe von seinem Können profitiert. Ein Meister in der Behandlung von Rückenleiden und Sportverletzungen, dem ich als Kollege blind vertrauen konnte. Ich war nicht der Einzige, den er nachts um 23 Uhr in seine Wohnung zur helfenden Injektion bestellt hat. Dass er dann erst um Mitternacht - vom Mannschaftstraining aus Lützellinden kommend - erschien, habe ich ihm verziehen, zumal seine Energie und sein Focus auf die neue Herausforderung einer Krankheit ungebrochen war. Kurz nach 5 Uhr morgens stand er dann wieder in seiner Praxis, vier Stunden Schlaf waren bei ihm keine Seltenheit.

Schonung und leider auch Verantwortung für die eigene Gesundheit waren ihm fremd. Erst die Sorge um das Wohl der anderen: Patienten, Freunde, Sportler, Vereine - dann erst er selbst. Altruismus war sein Credo. So war er und wird uns Klassenkameraden, die am ersten Freitag im kommenden November im »Jägerstübchen« unseres Italieners den 55. Jahrestag unseres Abiturs im Gedenken an unseren liebenswerten Klassenkameraden, begeisternden Erzähler und immer hilfreichen Arzt und Freund Hans-Jürgen Gerlach begehen werden, in Erinnerung bleiben.

Dr. Ulrich Hentschel

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