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Dr. Jürgen Gerlach als deutcher Meister mit Anja Unger (Groschopp) auf den Schultern.

Der Handball verneigt sich

  • Ralf Waldschmidt
    VonRalf Waldschmidt
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Die Kondolenzliste geht weit über ein normales Maß hinaus. Der Tod von Dr. Jürgen Gerlach, eine der herausragenden Persönlichkeiten des regionalen Sports im vergangenen halben Jahrhundert, hat nicht nur in der Handball-Welt Bestürzung ausgelöst.

Nach seiner tödlichen Herzattacke vor zwei Wochen ist Dr. Jürgen Gerlach am Donnerstag in Bieber im Kreise der Familie und engsten Bekannten mit einer pandemiebedingt kleinen, dennoch eindrucksvollen und berührenden Trauerfeier beigesetzt worden.

Von Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier über seinen langjährigen Trainer-Assistenten Eckhard Weber bis hin zu Renate Wolf, die 1991 mit dem »Doc« im Europapokal der Landesmeister als Spielführerin triumphierte, konnten zumindest einige wenige Persönlichkeiten, die den Lebensweg des Biebertalers lange oder zeitweise begleitet haben, persönlich Abschied nehmen. Beileidsbekundungen aus ganz Europa belegen die Strahlkraft des erfolgreichen Handball-Trainers, anerkannten Mediziniers und begnadeten Musikers weit über die regionalen Grenzen hinaus.

Eine ganz besondere Anteilnahme aber haben die zuweilen über ganz Europa verstreuten ehemaligen Spielerinnen des Erfolgstrainers bewiesen. Initiiert von Sandra Polchow (Berlin) und Jaroslava Ivancikova (Biebertal) findet sich im Anzeigenteil unsere heutigen Ausgabe eine überdimensierte Beleidsbekundung von über 90 (!) namentlich benannten Spielerinnen aller TVL-Epochen, die beim Lesen - etwa seiner »Lieblinge« Liliana Topea oder Milica Danilovic - bei Handball-Kennern dutzendfach Erinnerungen wachrufen dürften. Eine einmalige, eine in dieser Dimension noch nie da gewesene Würdigung eines/des Verstorbenen, die durch die zusätzliche Traueranzeige seiner ehemaligen Jugend- und Mainzlarer Spielerinnen ergänzt wird.

Und als am Freitagnachmittag in der Redaktion der 81-jährige Gunnar Prokop, einst der größte europäische Gegenspieler des »Doc«, nach einer Radl-Tour aus Annaberg/Österreich der Rückrufbitte entsprach, stand endgültig fest: Der Handball verneigt sich posthum noch einmal vor Dr. Jürgen Gerlach!

Stimmen und Stimmungen

Anja Groschopp (Deutsche Meisterin): »Wir und der Handball haben Jürgen viel zu verdanken. Die Nachricht von seinem Tod hat mich richtig geschockt - auch wenn Jürgen mehr als ein Gesicht hatte.«

Jonna Jensen (Bundesliga-Spielerin ab 2002): »Man muss ja jetzt nicht alles schönreden oder Legenden stricken. Aber Jürgen war einmalig - in vielerlei Hinsicht. Ich erinnere mich an eine Europapokal-Tour auf Gran Canaria, da haben wir so schlecht gespielt, dass wir sowohl noch auf der Insel als auch nach der Rückkehr vom Flughafen aus direkt ins Straftraining mussten. Ich war, glaube ich, die einzige Spielerin unter seiner Regie, die in sieben Jahren Lützellinden mit dem ›Doc‹ keinen Titel geholt hat.«

Renate Wolf (Europapokalsiegerin 1991): »Jürgen war ein unfassbar gespaltener Mensch. Er hat die Kuh gemolken - und wenn der Eimer voll war mit Milch, hat er sie weggeschüttet. Ich hatte manchen Kampf mit ihm. Aber er war da für mich, als es galt, mir zu helfen.«

Olivia Reeh (Deutscher A-Jugend-Meister 2006): Ich habe sechs, sieben Jahre bei ihm trainiert und er hat mich überragend ausgebildet. Wir hatten gute und schlechte Zeiten, aber unsere Generation hat schon den anderen, den umgänglichen, den verständnisvolleren, den väterlichen Trainer kennengelernt. Ich habe ihm sehr viel zu verdanken, auch wenn er von denen, die er gefördert hat, sehr viel gefordert hat. Unsere A-Jugend und er, das war eine ganz besondere, eine enge Beziehung.«

Gunnar Prokop (Hypobank Wien): »Aus unserer einstigen Rivalität, die durch die Presse befeuert wurde, hat sich schnell bis heute eine tolle Freundschaft entwickelt. Denn Jürgen und ich verband ja das gleiche Ziel, den Frauenhandball nach vorne zu bringen. Wir haben beide geglaubt, wir könnten etwas verbessern. Uns ging es ja nie um einen einzigen Groschen für uns selbst. Zu meinem 70. ist Jürgen sogar nach Wien gekommen, das hat mich unendlich gefreut. Und wenn ich ihn wegen eines medizinischen Problems konsultiert habe, hat er mir immer geholfen.«

Volker Bouffier (Ministerpräsident): »Dr. Jürgen Gerlach war ein außergewöhnlicher Mensch mit unglaublicher Schaffenskraft. Er hat Spuren hinterlassen, die bleiben.«

Prof. Dr. Heinz Zielinski (Vizepräsident Landessportbund): »Dr. Jürgen Gerlach war ein Mann der Widersprüche, genial und exzellent. Sowie gnadenlos im Umgang mit seinen Spielerinnen. In jedem Fall ein Erfolgsmensch, der vor allem sein eigenes Wohlbefinden komplett den selbst gesteckten Zielen unterordnete - mit allen Konsequenzen. Nicht so sehr viele wissen allerdings: Jürgen Gerlach war auch hochsensibel, verletzlich und nachdenklich. Jürgen Gerlach hat zum Widerspruch gereizt, daher liegt es auf der Hand, dass über ihn unterschiedlich gedacht und geschrieben wird. Was bleibt, ist eine ungewöhnliche Persönlichkeit des Sports - und ein großartiger Arzt, der so vielen Menschen geholfen hat.«

Ernst Woldi (Bundesliga-Obmann und Konditionstrainer): »Die Zeit mit dem ›Doc‹ und dem TV Lützellinden war einzigartig. Für uns beide war Stress ein Fremdwort - alles war eine Selbstverständlichkeit und geschah aus Überzeugung.«

In Gedenken an Dr. Jürgen Gerlach, den Mediziner, den Handballtrainer, den Pianisten.

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