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Powerfrau Sarah Le Rouxel Goltze gönnt sich auch mal eine Ruhepause.

Basketball

Der außergewöhnliche Weg der Basketballerin Sarah

  • Wolfgang Gärtner
    VonWolfgang Gärtner
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Sie stieg im Jahr 2000 mit dem TSV Grünberg in die 2. Basketball-Bundesliga auf, später mit der BG Göttingen in Liga eins. 2006 ließ die damals 25-Jährige alles hinter sich und wurde Profi in Frankreich.

Sarah Goltze (später Le Rouxel Goltze) wuchs mit ihren drei Brüdern in Ettingshausen auf. In früheren Zeiten spielte ihre Mutter in Heuchelheim Handball. Sarah fand den Zugang zum Basketball in ihrer damaligen Gesamtschule über eine AG, die zu diesen Zeiten Birte Schaake leitete. Sie lud Goltze dann zum Training beim TSV Grünberg ein. Von da an war der Weg von Sarah Goltze vorgezeichnet.

Wenn die Sprache auf ihre Zeit in Grünberg kommt, leuchten die Augen. Sie spielte erst in der Regionalliga unter Alex Mäder, später dann unter Eberhard Spissinger. Mit ihm als Trainer feierte sie mit dem Team in der Saison 1999/2000 den Aufstieg in die 2. Bundesliga. Mitspieler waren damals Anke Nau, Maren Weber, Tumika Rinderknecht, Sabine Schmadel, Ann-Katrin Grimm, Alexandra Keil, Birte Schaake, Christina Kunold, Renate Mäder und Jessica Bogenhard. Nur eine Spielzeit später wechselte sie zur BG Göttingen, mit der sie direkt in die Basketball-Bundesliga aufstieg.

Tolle Zeit beim TSV Grünberg

Das war noch lange nicht alles für die stets zielorientiert arbeitende Goltze. 2006 entschied sie sich, als 25-Jährige Profi-Basketballerin in Frankreich zu werden. Sie trug das Trikot von US La Glacerie und Club Basket d’Ifs. Ende 2006 lernte sie ihren Mann Aurélien Le Rouxel kennen, der natürlich auch auf Korbjagd ging. 2015 heirateten sie und leben nun in Caen.

Vom Basketball kann Sarah Le Rouxel Goltze nicht lassen. Seit vier Jahren ist sie als Trainerin beim Douvres Basket Cœur de Nacre (Regionalliga) tätig, zudem seit zwölf Monaten als »Co« beim Frauen-Zweitligisten Union Sportive Ouvrière Mondeville Basket (leistungsmäßig vergleichbar mit deutschem Bundesliganiveau). Zudem fungiert sie als Trainerin im dort ansässigen Basketballinternat. Die in diesem Sommer 40 Jahre jung werdende Sarah Le Rouxel Goltze hat wahrlich viel erlebt.

Was war für Sie der Grund, Ihre Heimat zu verlassen?

Es gab sicherlich einige Gründe. Ich war 25 - und ich stand vor der Entscheidung: jetzt oder nie. Als ich im Jahr 2006 nach Frankreich bin, war es einfach Zeit, erwachsen zu werden und sich etwas Neues aufzubauen. Ein Vorteil lag darin, dass man in Frankreich im Gegensatz zu Deutschland seinen Lebensunterhalt auch schon damals als Basketballerin bestreiten konnte. In Deutschland war das zu jener Zeit nicht leicht, auch wenn die BG Göttingen versucht hat, uns das Leben so leicht wie möglich zu machen. Außerdem bin ich schon immer gern gereist und wollte etwas Neues sehen.

Konnten Sie in der Fremde gleich Fuß fassen?

In Frankreich war ich erst einmal vier Jahre Vollprofi. Ich habe mir Mühe gegeben, die Sprache so schnell wie möglich zu lernen. Als nach etwa einem Jahr klar wurde, dass ich längere Zeit in Frankreich leben würde, habe ich etwas Unterricht genommen. Ich habe dann 2011 angefangen, neben dem Basketball zu arbeiten, um mein »Leben nach dem Sport« vorzubereiten. Bis 2017 habe ich in der Geschäftsführung von Decathlon und Elektro Depot gearbeitet. Der Übergang war nicht einfach, vor allem die Zeit, in der ich versucht habe, 2. Liga und Arbeit zu verbinden. Zweimal Training am Tag und eine gute 45 Stunden Woche gingen dann doch auf die nicht mehr ganz so jungen Knochen.

Ich habe hier in Frankreich neun Jahre in der 2. Liga und später auch 3. Liga gespielt.

Sarah Le Rouxel Goltze

Hatten Sie anfänglich Schwierigkeiten mit der Sprache?

Sagen wir mal so - die Franzosen sprechen sehr ungern Englisch. Und mein Französischlehrer in der 5. Klasse hatte mir geraten, Französisch wieder abzuwählen - manchmal würde ich den allerdings gerne wieder treffen, um ein Schwätzchen mit ihm zu halten.

Wie sah es damals mit Ihrer sportlichen Aktivitäten in der neuen Heimat aus?

Ich habe hier in Frankreich neun Jahre in der 2. Liga und später auch 3. Liga gespielt. Wie das so ist, gab es Aufstiege und Abstiege, Höhen und Tiefen. Ich bin unglaublich dankbar, die Chance gehabt zu haben, von meiner Passion leben zu können. Das tolle hier ist, dass Frauen-Basketball eben nicht nur eine Randsportart ist. Das Niveau ist höher, die Hallen sind voll, mehr staatliche Programme, mehr Sponsoren, mehr Spielerinnen, bessere Ausbildung - einfach professionellere Bedingungen. Aber auch hier - wie in Deutschland - hinkt der Frauen-Basketball dem Männer-Basketball hinterher. Doch einiges ist auf dem richtigen Weg.

Sind Sie aktuell noch sportlich aktiv?

Ich musste leider vor einigen Jahren die Basketballschuhe an den Nagel hängen. Etwas früher als geplant - aber nach mehreren großen Verletzungen in kurzer Zeit (Kreuzbandriss, zwei Bandscheibenvorfälle) war es Zeit dafür. Oder besser: Ich hatte keine Wahl. Die Rückenverletzung legte mich sechs Monate lahm. Danach war von Basketball nicht mehr zu reden. Ich habe zwei Jahre gebraucht, um wieder joggen gehen zu können. Und die, die mich noch von früher kennen, wissen, dass ich das Joggen noch nie gemocht habe. Danach brauchte ich erst einmal etwas Abstand. Ich habe mich voll auf meine Arbeit konzentriert, bevor der Zufall mich wieder in Richtung Basketball getrieben hat.

Welche Kontakte pflegen Sie mit Ihrer alten Heimat?

Gott sei Dank gibt es Social Media. Ich bin nicht jemand, der Stunden am Telefon verbringen kann. Es gibt da noch einige Kontakte zu Hause, die beste Freundin der jungen Jahre, in Göttingen und natürlich die Familie. Wir hatten im letzten Jahr unser 20. Jubiläum zum Zweitliga-Aufstieg in Grünberg geplant, leider hat uns da Corona einen Strich durch die Rechnung gemacht. Wäre schön gewesen, die ganze Truppe mal wieder zu sehen.

Schauen Sie noch auf die Basketballerinnen von Grünberg - oder auf die Gießen 46ers?

Ich verfolge gewisse Dinge im Internet, ganz besonders das Grünberger Basketball-Internat. Da regt sich was, da geht etwas in die richtige Richtung. Ich selbst arbeite für einen Profiverein mit Vollzeitinternat (Union Sportive Ouvrière Mondeville Basket). In Frankreich ist diese Art der Ausbildung Standard.

Denken Sie an die Grünberger Zeit zurück?

Ja, schon, auch wenn ich häufig das Gefühl habe, dass das ein anderes Leben war. Aber gerade letztes Jahr habe ich viel an die Grünberger Zeit gedacht, das Jubiläumsjahr, der Aufstieg nach drei Verlängerungen war einfach einmalig und unvergesslich. Von der Feier sprechen wir erst gar nicht. Ich glaube, wir haben tagelang gefeiert, und die Gießen 46ers hatten uns zum Spiel in die Osthalle eingeladen. Das war ein tolles Jahr.

Welche sportlichen Ereignisse aus dieser Zeit sind bei Ihnen im Gedächtnis besonders hängen geblieben?

Einige. Jugendmeisterschaften, natürlich der Aufstieg in Liga zwei, aber auch der Aufstieg unserer Herrenmannschaft. Zudem der Klassenerhalt im Jahr darauf mit einer um einiges jüngeren Mannschaft. Später der Aufstieg mit Göttingen in die erste Liga.

Was vermissen Sie?

Ganz ehrlich: nicht viel. Natürlich waren das tolle Jahre, man ist jung und hatte das Glück, hochklassig Basketball in der Heimat spielen zu können. Manchmal ist die Familie etwas weit weg, meine Brüder drehen mich nur noch ein- bis zweimal im Jahr durch die Schraubzwinge. Wenn ich zu Besuch zu Hause bin, profitiere ich davon - und wenn es dann wieder zurückgeht, bin ich auch froh.

Lange war das Spielfeld mein Zuhause, der Ort, um Dampf abzulassen und Adrenalin zu tanken. Jahrelang war mein Tag auf Basketball abgestimmt - und plötzlich ist das nicht mehr so. Es hat eine Weile gedauert, zu akzeptieren, dass es jetzt wirklich vorbei ist.

Sarah Le Rouxel Goltze

Und wie ist das mit dem Basketball spielen?

Das vermisse ich. Das ist für viele Sportler schwer, vor allem, wenn man von einem auf den anderen Tag nicht mehr auf dem Spielfeld stehen kann. Lange war das Spielfeld mein Zuhause, der Ort, um Dampf abzulassen und Adrenalin zu tanken. Jahrelang war mein Tag auf Basketball abgestimmt - und plötzlich ist das nicht mehr so. Es hat eine Weile gedauert, zu akzeptieren, dass es jetzt wirklich vorbei ist.

Was gefällt Ihnen an Ihrer neuen Heimat?

Mir geht es sehr gut in meiner Normandie. Ich hab mir hier mein Leben aufgebaut, auch wenn uns manchmal Auswanderungsgedanken durch den Kopf gehen. Die Franzosen leben etwas leichter, das Leben ist weniger geordnet, sie motzen mehr, profitieren aber vom Leben. Manchmal ist das beflügelnd - und manchmal treibt es einen in den Wahnsinn.

Wie gehen Sie mit Corona um?

Wie für die ganze Welt hat Corona natürlich einiges geändert. Beruflich ist einiges komplizierter geworden. Unsere Profi-Mannschaften spielen ohne Zuschauer, und durch die ständigen Corona-Fälle ist der Spielrhythmus völlig durcheinander. Wir selbst hatten sieben Corona-Fälle - mich eingeschlossen. Und jetzt spielen wir seit Anfang des Jahres zweimal pro Woche, um die verpassten Spiele nachzuholen. Der Amateur- und Halbprofi-Bereich liegt vollkommen still, die Mädels trainieren draußen. Reisen geht nicht mehr - und vor allem wollen wir für unsere Eltern kein Risiko eingehen. Wenn ich richtig rechne, habe ich seit sechs Monaten niemanden aus meiner Familie persönlich gesehen. Wollen wir hoffen, dass das alles bald ein Ende findet.

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