Denise Boller Kunstfahr-Weltmeisterin

Die Mitglieder des RSV Langgöns hatten einen passenden Gag parat. "Eigentlich müsste Langgöns ja jetzt ›Bollershausen‹ heißen", bemerkte eine ältere Dame lächelnd. Denn nachdem Heppenheim mit der Begrüßung von Formel-1-Weltmeister Sebastian Vettel in der vergangenen Woche kurzerhand für ein paar Stunden in "Vettelheim" umbenannt worden war, kann sich auch die mittelhessische Gemeinde über sportliche Höchstleistungen auf internationaler Bühne freuen. Am Sonntag sicherte sich Denise Boller in Stuttgart den Weltmeistertitel im Einer-Kunstradfahren.

Die Mitglieder des RSV Langgöns hatten einen passenden Gag parat. "Eigentlich müsste Langgöns ja jetzt ›Bollershausen‹ heißen", bemerkte eine ältere Dame lächelnd. Denn nachdem Heppenheim mit der Begrüßung von Formel-1-Weltmeister Sebastian Vettel in der vergangenen Woche kurzerhand für ein paar Stunden in "Vettelheim" umbenannt worden war, kann sich auch die mittelhessische Gemeinde über sportliche Höchstleistungen auf internationaler Bühne freuen. Am Sonntag sicherte sich Denise Boller in Stuttgart den Weltmeistertitel im Einer-Kunstradfahren. Und auch wenn der Empfang im Foyer der Karl-Zeiss-Sporthalle in Langgöns gemütlich und familiär und nicht ganz so öffentlichkeitswirksam wie der Vettel-Auftritt in Heppenheim war - sportlich steht die 28-Jährige als Weltmeisterin ganz oben in ihrer Sportart. "Das war ein ganz spannender Wettkampf. Ich war vor der Mitfavoritin dran. Als diese aufs Rad stieg, war noch alles offen. Das war unglaublich spannend", erklärt Boller die entscheisdenden Momente eines rundum gelungenen Wettkampfes. "Als ich gehört habe, dass es für mich reicht, bin ich eine Stunde nur herumgesprungen. Das war ein ganz toller Augenblick, den ich nie vergessen werde."

Dabei waren die Vorzeichen in diesem Jahr alles andere als gut. Denise Boller hatte bis zum vergangenen Sonntag eine eher mittelmäßige Saison hinter sich gebracht. "Bis zum WM-Titel lief es nicht mal so gut. Die Weltmeisterschaft hat meine Saison gerettet." Dabei ist die Langgönserin, deren Vater Wolfgang im Motorsport einst die Deutsche Tourenwagen-Meisterschaft gewann, das beste Beispiel dafür, dass mit beharrlichem Training und Geduld das große Ziel erreicht werden kann - denn bislang stand dem großen Titel immer etwas im Wege. "Bei der Weltmeisterschaft 2007 wurden mir gute Chancen nachgesagt. Doch kurz vorher zog ich mir einen Bänderriss zu, sodass ich gehandicapt in den Wettkampf gehen musste. Am Ende landete ich auf dem fünften Rang. Im letzten Jahr brach bei den österreichischen Staatsmeisterschaften der Rahmen. Ich musste kurz vor der Weltmeisterschaft mein Rad wechseln. Das war eine große Umstellung", erzählt Boller, die einen Bachelor in Sportmanagement und einen abgeschlossenen Magisterstudiengang in Sportwissenschaften in der Tasche hat.

Dass die Langgönserin für Österreich startet, hat zwei Gründe: "Meine Mutter ist Österreicherin und ich habe seit meiner Geburt die doppelte Staatsbürgerschaft. Außerdem ist der deutsche Kader sehr stark, und es mit einem sehr hohen Aufwand verbunden, dort reinzukommen." Bei einem Wettkampf wurde Denise Boller, die in der Steiermark geboren ist, von einer österreichischen Kunstradfahrerin überredet, für die Alpenrepublik zu starten. "Wenn es um den internationalen Sport geht, bin ich zu 100 Prozent Österreicherin. Und natürlich bin ich Langgönserin und mit dem RSV verwurzelt. Man kann mich auch gerne als Hessin bezeichnen", sagt die 2. Vorsitzende des Langgönser Radsportvereins.

Als Deutsche fühlt sie sich im Kunstradfahren nicht. Im Alter von sechs Jahren startete Boller mit ihrem Lieblingssport und hatte nach dem schnellen Gewinn der Hessenmeisterschaft gleich ein paar Rückschläge zu verdauen. "Ich wollte schon aufhören oder nur noch nebenbei ein bisschen fahren. Doch mein Vater meinte, dass er mich nur unterstützt, wenn ich ganz dran bleibe. Er hatte damals Recht. Ich habe mich für den Sport entschieden und meine Eltern haben mich sehr stark dabei unterstützt."

Auch in der Schule war die talentierte Radfahrerin, die an ihrem Sport vor allem die Bewegungsformen und Beweglichkeit liebt, talentiert. Nach dem Abitur an der Butzbacher Weidigschule 2001 startete Denise Boller mit dem Sportstudium in Gießen, ehe sie es nach Innsbruck zog. "Es war eine schöne Zeit dort. Ich konnte zusätzlich gut im Vorarlberg bei RC Gisingen trainieren. Am Anfang war ich von den Bergen überwältigt und fand das toll. Doch irgendwann hatte ich wieder ein bisschen Heimweh nach Langgöns. Jetzt bin zurück und ich fühle mich sehr wohl."

Gut möglich, dass der Weltmeisterschaftstitel zugleich das Karriereende bedeutet. "Viele Kunstradfahrerinnen hören mit 24 oder 25 auf. Ich bin jetzt 28 Jahre alt und am überlegen, ob ich es sein lasse." Dem RSV Langgöns bleibt sie aber auf jeden Fall erhalten. Denise Boller trainiert den Nachwuchs und ist im Vorstand aktiv. Und irgendwie ist Langgöns im Radsport dann doch "Bollershausen". (jms)

Denise Boller Weltmeisterin

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