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Stehaufmännchen Aykut Öztürk - nach drei Muskelfaserrissen wieder im Einsatz.

FC Gießen

Das Stehaufmännchen

  • Oliver Vogler
    VonOliver Vogler
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Drei Muskelfaserrisse hat Aykut Öztürk während seiner Zeit beim FC Gießen bereits durchlebt - nun ist er wieder da. Der verheiratete Mittelhesse besitzt ein Fitnessstudio und spricht vor dem Derby.

FOTO: VOGLER

So viele Zuschauer wie an jenem verregneten 19. Dezember 2019, als Aykut Öztürk alleine aufs Tor zulief und den FC Gießen gegen Kickers Offenbach mit 1:0 ins Hessenpokal-Halbfinale schoss, hat das Gießener Waldstadion seither nicht mehr gesehen: 1412 zahlende Zuschauer sahen den bisher einzigen Sieg in der Vereinsgeschichte des FC Gießen gegen Kickers Offenbach wenige Monate vor Ausbruch der Pandemie.

Matchwinner Aykut Öztürk erinnert sich: »Das war eine Schlammschlacht damals. Der Rasen im Waldstadion ist jetzt in einem viel besseren Zustand.«

Der 33-jährige Stürmer, ein Mann offener Worte, sagt vor dem heutigen Duell mit dem OFC in der Regionalliga Südwest angesichts der Anpfiffzeit um 16 Uhr: »Hoffen wir, dass zeitlich nichts dazwischen kommt, sonst könnte es mit der Dunkelheit eng werden. Flutlicht haben wir ja keines, für eine mobile Anlage fehlt das Geld.«

Angesichts der Turbulenzen in den letzten Jahren, die Öztürk, seit 2019 im Verein, miterlebt hat, sagt der Aßlarer: »Ich bin froh, dass es aktuell in diesem Rahmen weitergehen kann. Wir bekommen unsere Gehälter.«

Öztürk präsentiert sich als reflektierter Fußballer, der den Sprung vom Profidasein in Richtung Alltagsleben bereits absolviert hat: In Aßlar besitzt der Deutsch-Türke ein Fitnessstudio der Kette »easyfitness«, ist dort ganztägig zugegen, bis er für den FC Gießen in Training und Regionalliga die Fußballschuhe schnürt. Oft konnte er das in letzter Zeit nicht tun: Drei Muskelfaserrisse haben den Angreifer seit seiner Rückkehr in die Heimat 2019 zurückgeworfen.

Öztürks Karriere: Über den VfB 1900 Gießen durch ganz Deutschland

»Ich habe vieles durchmachen müssen und nehme mir jetzt auch mal zwei, drei Wochen länger Zeit, um wieder fit zu werden. Jetzt bin ich wieder bereit«, sagt der 1,82-Meter-Mann, der am letzten Wochenende in der 65. Minute eingewechselt wurde.

»Ich würde gerne wieder von Anfang an spielen und bin da ehrlich zu mir und dem Team: Wenn es nicht mehr gehen würde, gebe ich ein Zeichen. Ansonsten fiebere ich von der Bank mit. Mit Dennis Owusu und Takero Itoi haben wir zwei schnelle Flügelspieler, die zuletzt gut drauf waren.«

Über die aktuelle sportliche Situation, seine Verletzungsgeschichte, die Anfänge beim VfB 1900 Gießen, die bewegte Karriere in Wiesbaden, Zwickau, Erfurt und Co. sowie seine veränderte Sicht auf den Fußball spricht Mittelhesse Aykut Öztürk vor dem Hessenderby gegen Kickers Offenbach.

Herr Öztürk, Sie mussten von April bis September 2021 aufgrund zwei aufeinanderfolgender Muskelfaserrisse fünf Monate aussetzen. Wie haben Sie die Zeit erlebt?

Ich bin jetzt ja zum Glück wieder fit. Bei einem Kreuzbandriss oder einem Mittelfußbruch, da weißt du ungefähr, wie lange du ausfällst. Muskuläre Verletzungen sind die hinterhältigsten, du kannst dir nie ganz sicher sein. Deshalb habe ich mir in meinem Alter auch etwas länger Zeit gelassen. Dass du für die Regeneration etwas länger benötigst, ist anatomisch normal. Du gewinnst zwar mit dem Alter an Erfahrung, aber verlierst eben an Schnelligkeit und Reaktion. Das ist bei allen so - es sei denn, du heißt Cristiano Ronaldo oder Michael Fink (lacht).

Was ist Ihre Erklärung dafür, dass Sie während ihrer zwei Jahre in Gießen schon drei Muskelfaserrisse erlitten haben?

Ich kann die Gesprächszeit, die ich deshalb mit Ärzten und Physiotherapeuten geführt habe, gar nicht mehr zählen. Es kann mit dem Kreuzbandriss vom April 2016 zutun haben. Seitdem komme ich nicht mehr in die ganze Beugung und Streckung, zudem ist mein rechtes Bein wohl 1,5 Zentimeter kürzer als mein linkes. Das kannst du immer temporär behandeln, aber nach 40 Minuten Spielzeit bist du wieder im Ursprungsstadium. Und dann kommt mal der Knall. Ich weiß es noch aus der letzten Saison an der Miller Hall: Normales Training, ein normaler Pass, plötzlich schießt es rein, als ob mich eine Sniper am Oberschenkel abgeschossen hat. Das ist halt auf deutsch gesagt scheiße.

Gehen Sie mit 33 Jahren gelassener damit um?

Einer unserer jüngeren Spieler ist nach seiner Verletzung neulich in Tränen ausgebrochen. Ich rede noch viel mit der jüngeren Generation, viele suchen die Bindung zu mir. Ich kann das verstehen. Aber für mich hat der Fußball mittlerweile als Hobby eine andere Priorität. Er liegt für mich vor der Haustür. Ich habe mein Studio. Ich sehe das alles etwas gelassener, ohne den gesunden Ehrgeiz zu verlieren.

Wieviel Zeit verbringen Sie in Ihrem Studio?

Als ich das Studio übernommen hatte, war ich gefühlte 14, 15 Stunden täglich hier. Jetzt bin ich um acht Uhr morgens da, fahre gegen 15 Uhr zum Training und schaue danach noch einmal vorbei.

Wird der FC Gießen Ihre letzte Station im ambitionierten Fußball sein?

Ja, klar, davon gehe ich aus. Das Studio ist meine Zukunft. Ali Ibrahimaj als ein Beispiel ist ja mit seinem Wechsel in die Verbandsliga in Baden-Württemberg einen ähnlichen Weg gegangen, indem er sich für die Selbstständigkeit entschieden hat. Es wäre gewagt, jetzt noch einmal in die Fußballwelt aufzubrechen.

Zumal Sie sich wohl fühlen und geheiratet haben...

Ich habe in B- und A-Jugend eine schöne Zeit beim VfB 1900 Gießen unter Zimbo (Rainer Zimmermann, Anm. d. Red.) gehabt. Mir ist dieser Verein nicht egal. Es ist schade, dass viele ihn verlassen haben.

Ihre Karriere war, gemessen an den Toren, immer wieder geprägt von herausragenden Drittligajahren und folgenden Flauten - woran lag das?

Es ist nicht unbedingt fair, alles an Toren festzumachen. Ich habe über die Hälfte meiner Laufbahn im Mittelfeld gespielt. Wenn ich zurückblicke, sage ich: Vom Talent her hätte ich mehr reißen können. Ich hätte mir mehr Zweit- oder Erstligaeinsätze gewünscht. Aber ich halte es in der Karriere, in der Liebe, egal wo, gleich: Wenn du im Moment glücklich warst, hadere nicht damit. Ich habe viele schöne Erfahrungen gesammelt.

Wie hat sich der Fußball in den letzten 15 Jahren in Ihrer ganz persönlichen Wahrnehmung verändert?

Als ich 2008/09 mit Wehen Wiesbaden in der Regionalliga Süd gespielt habe, da gab es viele, die noch ein Bäuchlein hatten. Heute sind das ja alles Laufmaschinen. Früher war die Regionalliga eine Liga, in der du die Karriere gut ausklingen lassen konntest. Heute nehmen sehr viele junge Spieler diese Liga als Sprungbrett wahr.

Wie bewerten Sie es, dass ein personeller Umbruch mit 15, 16 Spielerwechseln pro Jahr beim FC Gießen zur Regel geworden ist?

Ich glaube, das hängt auch am Finanziellen und daran, dass der Verein viel durchgemacht hat in letzter Zeit. Wenn ich nach Gießen komme, muss ich wissen, was mich erwartet. Viele Spieler informieren sich vorab nicht wirklich. Und ich habe den Eindruck, dass nicht genug wertgeschätzt wird, was für ein tolles Trainergespann wir mit Daniyel Cimen und Michael Fink hier haben.

Wie beurteilen Sie abschließend die tabellarische Situation vor dem heutigen Hessenderby gegen Kickers Offenbach?

Du weißt nie, wieviele Mannschaften letztlich wirklich absteigen. Mein Wunsch wäre es, wenn wir uns im Mittelfeld bewegen und nicht Jahr für Jahr gegen den Abstieg kämpfen müssen. Wir haben es nach dem 1:1 in Elversberg gesehen: Alles ist drin und wenn du nicht verlierst, kannst du in der Tabelle auch peu a peu hochklettern.

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