Ein Freund der Spieler: Fernwalds Trainer Daniyel Bulut (l.) mit seinem Team. FOTO: JAUX
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Ein Freund der Spieler: Fernwalds Trainer Daniyel Bulut (l.) mit seinem Team. FOTO: JAUX

Daniyel Bulut

Daniyel Bulut: "In schweren Momenten eine Einheit bleiben"

  • Sven Nordmann
    vonSven Nordmann
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Kaum einer kennt den Gießener Fußball so wie der 39-jährige Daniyel Bulut. Der mit einem Einjahresvertrag ausgestattete Trainer des FSV Fernwald bezieht Stellung zur aktuellen Lage.

Es ist geradezu Wahnsinn, was die Spieler zuletzt leisten mussten", sagt Daniyel Bulut angesichts der Corona-Umstände samt sechs englischer Wochen am Stück in der Fußball-Hessenliga. Der Trainer des FSV Fernwald erklärt, welche Auswirkungen das auf Team, Training und Taktik hat.

Herr Bulut, erklären Sie uns zu Beginn, warum der Klassenerhalt in der Hessenliga für den FSV Fernwald trotz aktuellem Platz zehn im Mittelfeld kein Selbstläufer wird.

Man darf nicht vergessen, dass der Verein zur Winterpause der letzten Saison acht Punkte hatte und abgeschlagener Tabellenletzter wurde. Spielern, die da waren, musstest du erstmal wieder den Glauben vermitteln, gewinnen zu können. Wir haben bis zum sechsten Spieltag gebraucht, bis wir erstmals einen Sieg feiern konnten. Wir hatten zu Beginn viele Verletzte: Samuel Sesay mit einem Kreuzbandriss, Ceyhun Dinler fällt mit Knieproblemen bis zum Winter aus, Valon Ademi, Erdinc Solak, Kevin Kaguah, Nico Strack, viele hatten Beschwerden. Eine Mannschaft mit 15 Neuzugängen nahezu ohne Testspiele mit vielen Verletzten zusammenzuführen, war nicht leicht. Zumal man in eine Saison geht, in der man kaum trainieren kann, weil du zu Beginn nur englische Wochen hast. Das Problem gilt für alle, aber eingespielten Teams fällt das etwas leichter.

Sind Sie überrascht von der Häufung an Verletzungen?

Nein. Es ist geradezu Wahnsinn, was die Spieler zuletzt leisten mussten. Viele muskuläre Verletzungen sind die Folge. Unseren 20-jährigen Innenverteidige Lucas Burger hat es am Sonntag anderweitig erwischt, er hat sich das Außen-, Innen- und Syndesmoseband gerissen. Es ist klar, dass du im Amateurbereich dauerhaft nicht jeden Tag spielen kannst. Das ist quasi unmöglich. Die Regeneration kann nicht mit dem Profitum verglichen werden. Als Profi kommst du nicht nachts um ein Uhr aus Dietkirchen und musst morgens um sieben Uhr zur Arbeit aufstehen. Da kommt ein Physiotherapeut auf fünf Spieler, du hast einen Koch, Behandlungsmöglichkeiten ohne Ende. Das gilt für die Amateure alles nicht.

Seit dem 12. September haben sie in 44 Tagen 13 Spiele absolviert, alle drei Tage im Schnitt also ein Pflichtspiel, sechs englische Wochen. Die Trainingsarbeit im klassischen Sinne fällt da flach?

Der Rhythmus zuletzt sah ja so aus: Du spielst am Sonntag, regenerierst am Montag, trainierst am Dienstag, hast dein nächstes Spiel am Mittwoch. Wenn du Kontersituationen einstudieren möchtest, musst du Sprints machen. Wenn du am Sonntag und dann wieder am Mittwoch spielst, ist es schwierig am Dienstag im Training 10 bis 15 Sprints zu machen, wenn du am Mittwoch voll leistungsfähig sein willst. Das Gleiche gilt für andere Übungsformen, für Gegenpressing, für Flankensituationen: Da bekommst du den Ball in die Tiefe gespielt, du sprintest hinterher und flankst aus dem Lauf. Man muss die Belastung derzeit gut steuern.

Wie sah denn das Training in den letzten eineinhalb Monaten konkret aus?

Das Training dauerte in der Regel nur eine Stunde - du läufst locker, machst ein paar Kräftigungsübungen, ein paar Technikübungen. Der Physiotherapeut nimmt im Akkord einen Spieler nach dem anderen an. Die taktischen Dinge fanden in der Ansprache statt.

Jetzt gibt es mal eine ganze Woche ohne Spiel.

Das stimmt, damit musst du erstmal klar kommen (lacht). Du kannst zumindest schon mal zweimal richtig trainieren, das ist sehr gut.

Was gefällt Ihnen an Ihrem Team in Fernwald?

Wir waren in dieser Saison zu Beginn schon mal Letzter - trotzdem hat die Mannschaft weiter gearbeitet. Eine Einheit in der Vorbereitung zu werden, ist einfach. Da bist du in einer romantischen Phase. In schwierigen Zeiten eine Einheit zu bleiben, das ist die Kunst. Zu sagen: Wir sind Letzter, aber wir schaffen das. Auch wenn wir mal verloren haben, gehen wir mit einem guten Willen in das nächste Training. Das ist für den Amateurbereich lebensnotwendig.

Bei der Wahl der Neuzugänge legen Sie erfahrungsgemäß viel Wert auf den Charakter.

Da gehört auch Glück dazu. Du schätzt Menschen ein. Man öffnet die Tür, aber jeder einzelne Spieler muss selbst durchgehen und mitmachen wollen. Charakter ist für ein Gerüst unglaublich wichtig.

Sie haben vor einem Jahrzehnt schon einmal in Fernwald gearbeitet und damals mit dem Gerüst um Michael Bodnar, Kian Golafra, Julian Buß, Erdinc Solak, Denis Weinecker & Co. ein Team geformt, das später geschlossen nach Watzenborn-Steinberg wechselte und in die Regionalliga aufstieg. Ist das nochmal möglich?

Das ist der Traum eines jeden Trainers, ein Team über Jahre zu formen. Planen kann man das schwer. Mit Lucas Burger, Julian Bender, Mica Hendrich, Mirco Freese, Tim Richter und anderen haben wir heimische Jungs mit Potenzial. Die gibt es auch beim FC Gießen mit Louis Münn oder Sascha Heil, oder in Stadtallendorf mit Yannis Grönke und Kristian Gaudermann. Das sind Gießener.

Kann man in der Hessenliga mit einem reinen Gießener Team bestehen?

Wenn man die Geduld hat, die heutzutage wenige mitbringen, dann ist das möglich. Wenn du eine gesunde Basis aufgebaut hast, kannst du immer den Nächstbesten aus der Region nachziehen.

Sie sind auch Stützpunkttrainer - glauben Sie, dass dieses Potenzial im Gießener Jugendfußball bestehen bleibt?

Gute, regionale, junge Spieler werden immer wieder den Weg in die Nachwuchsleistungszentren suchen - der Weg zum Profi ist aber lang. Viele kommen zurück nach Gießen. Wenn ich in einer U23 von Hoffenheim kaum spiele, kann ich auch Regionalliga in Gießen spielen. Johannes Hofmann aus Kaiserslautern oder Nico Rinderknecht aus Ingolstadt waren Beispiele. Es gibt aktuell viele Gießener Talente in ganz Deutschland: David Siebert in Nürnberg, Ryan Harder in der U19 von Energie Cottbus, Jonas Schwabe und Eniss Shabani in der U19 von Mainz 05, Dennis Owusu bei Greuther Fürth II...

Abschließend: Glauben Sie, dass die heimische Amateur-Saison zu Ende gespielt wird?

Stand jetzt ja, wir haben noch genug Zeit. Aber bitte nur, wenn es fair bleibt. In dem Moment, in dem Vereine fünf Nachholspiele haben und ständig unter der Woche spielen müssen, ist kein fairer Wettbewerb gegeben. Es muss im Gleichschritt klappen, im Zweifel mit einer Pause.

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