Die Abhängigkeit der Profivereine von den TV-Geldern sollte hinterfragt werden. (Foto: dpa)
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Bundesliga

Anstoß

Chancen des Fußballs in der Krise

  • Sven Nordmann
    vonSven Nordmann
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Das viele Geld, das im Profifußball steckt, wurde nicht heimlich im Keller gedruckt. Es stammt vor allem von den Fans - auch die können ihr Verhalten hinterfragen. Ein Anstoß.

Jeder Mensch komme in diesen Zeiten fernab vom Alltag an einen Punkt, "an dem man sein Leben aus der Distanz betrachtet", sagte Philosoph Richard David Precht vor zwei Wochen in der ZDF-Talksendung "Markus Lanz".

"Es kehrt eine Besinnlichkeit ein, von der man nicht genau weiß, wie man damit umgehen soll. Man bekommt ein Gefühl dafür, dass das normale Leben, was man immer geführt hat, vielleicht gar nicht so normal war. Dass man in einem Moment der Verlangsamung denkt: Dieses schneller, höher, weiter... es wäre gar nicht mal so ganz schlimm, wenn es anders wäre."

Claus Kleber fragt: "Wäre diese Krise nicht eine Riesenchance, zu Maß und Mitte zurückzukehren?" 

Neun Tage später, vor knapp einer Woche, wurde der Chef der Deutschen Fußball-Liga, Christian Seifert, im ZDF von "heute"-Moderator Claus Kleber mit der Frage konfrontiert: "Wäre diese Krise nicht eine Riesenchance, im Profifußball mal wieder zu Maß und Mitte zurückzukehren?"

Was sind Maß und Mitte? Die Milliarden, die im System Fußball stecken, der alleine in Deutschland über 55 000 Mitarbeiter beschäftigt, kommen doch allen voran von den Sky-Abonnenten, von den TV- und Stadionzuschauern, von den Fans weltweit. 

DFL-Chef Christian Seifert sagt: "Ich habe einige Lehren aus dieser Krise gezogen." (Foto: dpa)

Über die Größe dieses gesellschaftlich bedeutsamen Wirtschaftszweiges muss kaum diskutiert werden, genauso wenig darüber, dass die Milliarden, die Seifert und die DFL erwirtschaften, Ausdruck guter Arbeit sind. Man kann Wirtschaftsunternehmen, nichts anderes sind Profisportvereine, kaum vorwerfen, dass sie hohe Erlöse erzielen. Das Geld stammt von Fans und Sponsoren und wurde nicht geheim im DFL-Keller gedruckt.

Die Prioritätenliste des Fußballs

Eher kann man über die Abhängigkeit der Vereine vom TV-Geld reden, über riskante Finanzierungspläne, über die Verteilung der Millionen, über die Prioritätenliste innerhalb des Systems. Sollte jeder Bundesligist die gleiche Summe an TV-Geldern erhalten? Rechtfertigt jeder mehr erzielte Euro verschiedene Anstoßzeiten? Knifflige Fragen angesichts großer internationaler Konkurrenz, für die es europäische Lösungen bräuchte.

Der kleine Viertligist soll auch künftig den großen Bundesligisten schlagen können

Viel wird in diesen Tagen von Gehaltsobergrenzen, von mehr Rücksicht auf Fans gesprochen. Was sich der Fußballfan wünscht, ist, dass er das Illusionstheater auch in zehn Jahren noch bezahlbar verfolgen kann, dass es überhaupt existiert: Dass der kleine Viertligist den großen Bundesligisten schlagen kann. Vor einigen Tagen sagte mir der Wettenberger Jörg Jakob, Chefredakteur des Fachmagzins "kicker": "Man muss akzeptieren, dass die Topclubs wie Real Madrid, Manchester United oder Bayern München ein anderes Spiel spielen. Es ist quasi ein anderer Sport, vor allem finanziell."

Die Großen fressen die Kleinen, das ist zwar eine logische Folge der freien Marktwirtschaft, vor allem aber auch dann ein funktionierendes Prinzip, wenn die breite Masse sich nicht dagegen sträubt (Stichwort: bei Amazon bestellen anstatt den lokalen Buchladen besuchen).

Primetime: Am Samstagnachmittag verfolgen Millionen Fußballfans die Bundesliga. (Foto: dpa)

Bei sich selbst und seiner Handlungsweise anzufangen, anstatt über das sich auf Abwegen befindene große Ganze zu mäkeln, ist grundsätzlich ratsam. Wer sich über den Profifußball beschwert, vom Sky-Abo/der Dauerkarte aber nicht lassen kann, wer am Samstag, 15.30 Uhr, auf der Couch sitzt, anstatt den Amateursport zu unterstützen, der hat den Beleg für Abhängigkeit. 

Marien- und Borsigplatz haben bei Meisterpartys mehr Charme als Times Square und Tiananmen-Platz

Die Fans, die Massen haben den Fußball groß gemacht. Sie alle haben mehr Einfluss, als man glauben mag - vor Zeiten von Corona, währenddessen und danach. Denn trotz steigender Internationalisierung werden auch der FC Bayern München und Borussia Dortmund kaum anstreben, ausschließlich auf neuen Märkten in Fernost um Titel zu spielen. Marien- und Borsigplatz haben bei Meisterpartys eben doch mehr Charme als Times Square und Tiananmen-Platz. 

Precht: Jetzt über Alternativen reden

Philosoph Precht appellierte daran, jetzt über Alternativen zu diskutieren: "Ist die Krise erst mal gemeistert, wird man sagen, wir müssen ganz viel konsumieren, um das gleiche wieder nachzuholen, und dann wird man nicht mehr über Alternativen reden."

Zum Schluss des Gesprächs zwischen DFL-Chef Seifert und Moderator Kleber erklärte Seifert: "Für den Moment können wir nur versuchen, in den normalen wirtschaftlichen Alltag zurückzukehren. Aber auch ich habe einige Lehren aus dieser Zeit für mich gezogen, das können Sie mir glauben." Kleber: "Dann sollten wir uns gleich für nächstes Jahr verabreden, um zu sehen, was Sie geändert haben."

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