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DFB-Stützpunktleiter Daniyel Bulut hat den geltenden Vorschriften für den Trainingsbetrieb Rechnung getragen.

INFEKTIONSSCHUTZGESETZ

Bulut: Das ist keine Dauerlösung

  • Michael Schüssler
    VonMichael Schüssler
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Am 24. April ist die so- genannte Bundes-Notbremse in Kraft getreten. Das verschärfte Infektionsschutzgesetz des Bundes stellt den Kinder- und Jugendfußball bis heute vor neue Herausforderungen - auch in Mittelhessen. Doch die Vorgaben sind kaum umsetzbar.

Und wieder ein Rückschlag für den Kinder- und Jugendfußball in Deutschland. Die Änderung des Infektionsschutzgesetzes, die sogenannte Bundes-Notbremse, ist seit drei Wochen in Kraft. Für Kinder und Jugendliche bis einschließlich 14 Jahren ist Fußballtraining nur noch kontaktlos in Fünfer-Gruppen möglich. Dies stellt viele Vereine wieder vor große Probleme. So hat beispielsweise der TSV Klein-Linden, der von den G- bis zu den A-junioren in allen Jahrgangsstufen vertreten ist, erklärt, es den Trainern zu überlassen, ob sie Training anbieten. »Bis auf eine Mannschaft haben alle andere Training abgesagt«, sagt TSV-Vorsitzender Gerd Kerzmann auf Anfrage dieser Zeitung. Bei einem Großteil der Vereine, die Jugendfußball anbieten, sieht es ähnlich aus. Das Training ist erneut ausgesetzt worden, zumal nun auch Trainer notfalls einen negativen Test, der nicht älter als 24 Stunden sein darf, vorlegen müssen.

»Dadurch werden die Möglichkeiten zur Ausübung des Fußballsports wieder eingeschränkt«, bedauert HFV-Präsident Stefan Reuß die neuen Regelungen. »Besonders die zwischenzeitliche Lockerung für das Training von Kindern und Jugendlichen hat uns sehr gefreut. Diese Art des Fußballtrainings ist in dieser Form nun aktuell nicht mehr möglich. Das schmerzt besonders vor dem Hintergrund der Wichtigkeit von Bewegung und sozialen Kontakten in dieser Altersgruppe. Nichtsdestotrotz steht für uns die Eindämmung der Pandemie und die gemeinsame Ausführung von beschlossenen Maßnahmen an oberster Stelle. Danach werden wir auch weiterhin handeln«, so Reuß weiter.

Den neuen Gegebenheiten angepasst hat sich im Fußballkreis Gießen der DFB-Stützpunkt in Grünberg. Wir haben mit Stützpunkt-Trainer Daniyel Bulut, zudem auch Trainer des Hessenligisten FSV Fernwald, über die Regelungen, die über der 100er Inzidenz gelten, gesprochen.

Herr Bulut, seit dem 24. April gilt nun die sogenannte Bundes-Notbremse. Wie bewerten Sie diese mit Blick auf den Jugendfußball?

Erst einmal muss man sagen, Gesundheit steht über allem. Gut ist hier natürlich, dass es nicht komplett verboten ist, jedoch muss man sagen, zu 100 Prozent richtig ist es nicht,

Nun dürfen Kinder und Jugendliche bis zur Vollendung des 14. Lebensjahres in Fünfer-Gruppen trainieren. Für Sie als DFB-Stützpunktleiter im Fußballkreis Gießen, was muss alles beachtet werden, um Training anbieten zu können - und wie sieht dieses aus?

Nochmals, wir sind erst mal froh, dass wir überhaupt trainieren dürfen und es nicht komplett verboten wurde. Es ist natürlich etwas komplizierter als sonst. Zum Beispiel dürfen wir ausschließlich nur kontaktfrei trainieren, also Übungen ohne Zweikämpfe, es geht noch mehr in Richtung Individualisierung.

Der Aufwand ist aktuell wieder sehr hoch, da Trainer notfalls einen negativen Test, der nicht älter als 24 Stunden sein darf, vorlegen müssen. Was ohnehin mehr oder weniger einer Verpflichtung nahekommt, wenn man einen im Vorhinein machen muss. Ist das Ihrer Meinung nach sinnvoll?

Aufgrund der hohen Testkapazität und der Testzentren, die man sieben Tage in der Woche aufsuchen kann, hält sich der Aufwand in Grenzen. Wenn es um den Schutz der Mitmenschen geht, dann ist das absolut okay.

Wie sehen Sie die Situation für kleinere Vereine, die Jugendfußball anbieten - können diese das aktuell überhaupt bewerkstelligen?

Hier sehe ich die Situation kritisch. Wir sind beim DFB-Stützpunkt vier Trainer für drei Jahrgänge und können uns bei der geringen Anzahl an Spielern gut aufteilen, sodass es für die Spieler ausreicht, aber für kleine Vereine, die nicht diese Möglichkeiten haben, ist diese Regelung kaum zu stemmen oder nur sehr schwer. Deshalb hoffe ich für diese Vereine, dass die Situation sich schnell regelt, indem die Zahlen schnell runtergehen, dass dieses Gesetz nicht mehr greifen muss.

Die aktuellen Beschränkungen gelten ab einem Inzidenzwert von über 100. Wenn sich aber dieser Wert vielleicht über einen längeren Zeitraum knapp unter oder nur knapp über 100 bewegt, dann befindet man sich zwischen zwei Szenarien. Zumal bei einer Inzidenz zwischen 50 und 100 Kontaktsport draußen mit einem negativen, tagesaktuellen Test möglich ist. Wird das dann ein »Auf-und-zu-Spiel werden im Jugendbereich - wie sollen Vereine damit umgehen?

Ich glaube, dass dieses Gesetz verbessert werden muss. Die aktuelle Situation ist im Moment hinnehmbar, aber auf Dauer muss man den Vereinen oder dem Sport andere Konzepte vorschlagen, dass ist keine Dauerlösung. Man muss verstehen, dass Sport im Freien der Gesundheit guttut, nicht schadet - dieser Weitblick fehlt mir aktuell noch. Anstatt zu sagen, lass die Kinder raus, sich im Freien bewegen, sperrt man sie ein. Ein völlig falscher Weg. Und zu sagen, die stecken sich in Kabinen an, dann lasst die Kabinen doch einfach weg.

Vor wenigen Wochen hat unter anderem die Gesellschaft für Aerosolforschung (GAeF) in einem offenen Brief an die Bundesregierung erklärt, dass Sport im Freien ungefährlich ist. Dies scheint aber in der Politik wenig Gehör gefunden zu haben - können Sie sich das erklären?

Nein, wie ich bereits gesagt habe, das ist für mich unerklärlich. Vielleicht gibt es hierzu durchaus Erklärungen, die sind mir aber aktuell nicht bekannt.

Vor dem Inkraftttreten der sogennanten Bundes-Notbremse galt in Hessen für Kinder- und Jugendfußball die Altersgrenze bis einschließlich 14 Jahre. Doch seit dem 24. April gilt aufgrund des Infektionsschutzgesetzes (IfSG) eine neue Definition. Der Landessport-Bund Hessen (LSBH) hat dies zusammengefasst.

Da es immer wieder Unklarheiten zu dieser Formulierung gibt: Das 14. Lebensjahr ist am 14. Geburtstag vollendet. Wenn es im Gesetz heißt »… für Kinder bis zur Vollendung des 14. Lebensjahres …«, so sind hier Kinder angesprochen, die maximal 13 Jahre alt sein dürfen.

Zur Erklärung: Das erste Lebensjahr beginnt mit der Geburt und ist mit dem 1. Geburtstag vollendet. Ab diesem Zeitpunkt beginnt das zweite Lebensjahr, das mit dem 2. Geburtstag vollendet ist, usw. Das 14. Lebensjahr endet demnach am 14. Geburtstag.

Achtung: Diese Regelung unterscheidet sich von der Regelung in der Corona-Kontakt- und Betriebsbeschränkungsverordnung des Landes Hessen. Der Landessport-Bund Hessen (LSBH) hofft, dass man baldmöglichst zu der bewährten hessischen Regelung zurückkehren wird und in diesem Sinn zum IfSG eine Klarstellung erfolgt.

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