Bob: Ann-Christin Strack Junioren-Vizeweltmeisterin

Der Sport treibt mitunter erstaunliche Blüten. Da wechselt eine Athletin das Fach und findet sich plötzlich als Vizeweltmeisterin wieder: Geschehen dieser Tage der langjährigen Gießener Leichtathletin Ann-Christin Strack, die nun im Bobsport um Meriten kämpft. Und ihr Weg nach oben könnte noch kürzer werden, als sie es sich jemals vorstellen konnte.

Am Ende wurde es richtig emotional: Mit leuchtenden Augen und strahlenden Gesichtern blickten sechs Mädels in gelben Winterjacken und schwarzen -hosen vom Siegertreppchen in Richtung der drei Fahnenmasten, an denen zum Klang des Lieds der Deutschen drei schwarz-rot-goldene Flaggen emporgezogen wurden. Einige Minuten zuvor hatten sie sich im Zielraum der Winterberger Eisarena noch ausgelassen in den Armen gelegen und ihr großartiges Abschneiden bei den Junioren-Weltmeisterschaften im Bobfahren gefeiert. Und mittendrin im Pulk aus Sportlern, Trainern, Betreuern und Fans konnte eine 22-jährige Studentin aus Gießen ihr Glück nicht fassen: Vor genau einem Jahr hatte Ann-Christin Strack noch kaum mehr über den Sport gewusst, als dass es da "Wahnsinnige" geben soll, die sich mit ansonsten nur auf Autobahnen erlaubtem Tempo in einer Kiste aus Stahl und Kunststoff eine Eisbahn herunterstürzen und sich anschließend freuen, wenn sie heil angekommen sind.

Seit dieser Zeit ist für die langjährige Leichtathletin des LAZ Gießen viel passiert: Dem Beginn einer neuen Karriere im Leistungssport als Bob-Anschieberin im Februar 2015 folgten im zurückliegenden Vierteljahr drei Einsätze bei Europacup- und Weltcup-Rennen sowie am vergangenen Freitag als vorläufigem Höhepunkt der Gewinn einer Silbermedaille bei der Junioren-WM.

Die Basis für diesen großen Erfolg hatten Strack und ihre erst 18-jährige Pilotin Kim Kalicki aus Wiesbaden durch starke Zeiten beim Start gelegt. Die dort gegenüber der Konkurrenz gewonnenen Hundertstel brachte Kalicki, die im Bob- und Schlittenverband für Deutschland (BSD) als großes Talent an den Lenkseilen gilt, mit zwei souveränen Fahrten ins Ziel. Mit 5,62 und 5,66 Sekunden auf den ersten Metern lagen die beiden in der Summe knapp hinter den Siegerinnen Stephanie Schneider und Lisa Marie Buckwitz. In beiden Läufen reichte es für das hessische Duo, das von seinem Wiesbadener Heimtrainer Tim Restle glänzend vorbereitet worden war, ebenfalls jeweils zu Rang zwei.

Dass die beiden überhaupt in Winterberg an den Start gehen konnten, dazu trug auch aufmerksame medizinische Betreuung und ein tiefer Griff in die Medikamentenkiste der Schmerzmittelhersteller bei. Kalicki war mit einer schmerzhaften Knieentzündung angereist, ihre Bremserin hatte sich an den letzten Trainingstagen vor der WM eine Rückenverletzung zugezogen. Doch mit entsprechender Unterstützung konnten beiden fit an den Start gehen, wobei eine gehörige Portion Adrenalin vor dem Saisonhöhepunkt das ihrige getan haben dürfte, dass erstmals ein rein hessisches Duo einen Podestplatz bei einer Bob-WM erreichte.

Damit ist die Saison jedoch noch nicht beendet: Sollten die beiden Athletinnen von ihren Verletzungen nicht ausgebremst werden, steht für Kalicki in wenigen Tagen der nächste Europacup-Einsatz im schweizerischen St. Moritz mit Anschieberin Maureen Zimmer (Wiesbaden) an. Dort wird sie auch auf ein weiteres Mitglied ihrer Trainingsgruppe treffen: Der Gießener Costa Laurenz soll nach derzeitigem Plan erstmals in einem Rennen zum Einsatz kommen – und zwar im Zweier-Bob von Pilot Bennet Buchmüller.

Ann-Christin Strack wird es dagegen am Samstag nach Oberhof ziehen: Dort beteiligt sie sich auf Wunsch der beiden Bundestrainer Christoph Langen und René Spieß an einem Quali-Wettkampf um die Bremserplätze in den deutschen Frauenbobs bei der "großen" WM in Innsbruck-Igls in rund gut drei Wochen. Sollte sie sich dort durchsetzen, muss die Gießenerin ihre – eigentlich schon längst mehr als erfüllten – Saisonziele noch einmal anpassen.

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