"BlackOut" auf Tour

(sno) An einem Tag geht es zum 70-jährigen Geburtstag der Oma, am anderen zum Feuerwerk der Turnkunst vor 4000 Zuschauern. Die Showtanzgruppe "BlackOut" der TSG Leihgestern hat ein breites Repertoire im Angebot – das betrifft die Auftritte, aber auch deren Schauplätze.

Wenn die jungen Frauen in Hessens Hallen einlaufen, ist es meistens ziemlich still. Die Trainerin, Kerstin Wemhöner, muss dann häufig den Stimmungsmacher geben und eifrig klatschen – häufig klappt es, die Laune steigt. "Und plötzlich staunen die Leute und denken sich: Oh mein Gott, was passiert jetzt?", weiß Madeleine Volk. Das Bühnenbild wird düster, knallige Lichteffekte tauchen auf, das Publikum ist gefangen. "Das wirkt", meint Volk. Dann seien die Leute "kurz geschockt oder euphorisch. Immer ziemlich witzig", meint die 24-jährige Lindenerin, die mit ihren Kolleginnen immer wieder eine Geschichte über sieben Minuten vortanzt. Sie ist eine von drei Frauen, die schon 2007 bei der Gründung der Gruppe dabei war und ihren Körper bis heute ästhetisch bewegt. Victoria Wemhöner, Schwester der Trainerin, ist die zweite, Jennifer Kirsch die dritte. 14 Mädchen haben damals angefangen, drei sind übrig geblieben – heute tanzen 21 "BlackOut"-Frauen durch Hessen.

Um ein möglichst packendes Gesamtbild bieten zu können, reist die Showtanzgruppe aus Leihgestern immer mit einem vollgeladenen Auto an Bühnenmaterial an. Auf dem Weg zum Auftritt hat sich mittlerweile auch eine Tradition entwickelt: Wenn die Ampel auf Rot springt, springen die Mädchen mit – aus den Autos. Einmal um die Pkws rennen, der "Chicken-Run" steht an. "Ist ja eigentlich verboten, aber bislang hat uns noch keiner erwischt", lachen Volk und Kirsch. Sie merken schon, die "BlackOuts" sind eine ziemlich lebendige Gruppe.

Meistens treten die Tänzerinnen in Sporthallen auf. Im Zweifel geht es auch in kleineren Räumlichkeiten, wichtig sei nur, dass die Decke hoch genug ist. Wenn das doch mal nicht ganz passt, laufen die Lindenerinnen eben an der Decke. "Beim Rüberheben sind wir da mal drangestoßen und dann entlangelaufen", sei aber alles gut gegangen, erinnert sich die gebürtige Gießenerin Kirsch. Gefährlich kann es vor allem bei den Akrobatikelementen (Wolfsmauer, Rad, Flic-Flac) werden: Klar, meinen die beiden, unriskant sei es nicht, aber mehr als eine blutige Lippe oder ein abgefallenes Stück Ohr sei noch nicht passiert.

Stopp: Ein abgefallenes Stück Ohr? So schlimm sei es eigentlich nicht gewesen, "und da war man auch selbst Schuld, wenn man den Ohrring nicht abnimmt", versichert die 25-jährige Kirsch. Man erkennt: Dieser Sport ist nicht nur ein kunstvoller, bei dem man das Tanzbein schwingt. Es geht auch akrobatisch zu, Höhenangst sollte man nicht unbedingt haben.

+++ Bilder vom Training der Schowtanzgruppe in der Galerie

"Alle sehen dich"

Egal ob Karnevalsveranstaltung, Privatauftritt oder Feuerwerk der Turnkunst – die jungen Frauen sind immer aufgeregt. Die nächste Show im heimischen Raum führen sie am 28. März in der TV-Halle Linden vor, wenn die Europa-Ehrenfahne an Linden verliehen wird. Am 8. Februar geht’s nach Frankfurt zu einer Faschingsshow. An die Mainstadt, an die haben sie gute Erinnerungen.

Denn die Performance beim Feuerwerk der Turnkunst in Frankfurt, die sei schon etwas Besonderes gewesen. Schließlich wurden sie erstmals von allen vier Seiten beobachtet. "Alleine diese Erfahrung: Mitten in der Fraport-Arena, alle sehen dich und dann noch diese gigantischen Lichteffekte", erinnert sich Madeleine Volk.

Es war ein kleines Abenteuer, in mehrfacher Hinsicht. Da war der unbekannte Schwingboden, die Profis als Showpartner, der strikte Zeitplan. Eine halbe Stunde gab es zum Proben, währenddessen schwirrten die anderen Gruppen schon umher – es herrschte ein geordnetes Chaos. Nach dem Schminken die Anweisung: Noch eine halbe Stunde, bitte pünktlich. "Dieses pünktlich, dieses genau jetzt muss es losgehen, war ungewohnt", gibt Volk zu. Es war ein gewisser Druck des Funktionierenmüssens, mit dem die Tänzerinnen nicht so vertraut waren. Denn Kirsch weiß: "Bei unseren normalen Wettkämpfen kommst du hin und alles fügt sich nach und nach irgendwie schon."

Die "normalen Wettkämpfe" sind offene Showtanzwettbewerbe, die von Vereinen abwechselnd veranstaltet werden. In der Regel gibt es zwei Durchgänge, die Besten kommen in die Endrunde. Die Wertungsbögen werden von den Vereinen nach eigenen Vorlieben zusammengestellt. Da geht es um die tänzerische Leistung (Synchronität, Schwierigkeitsgrad), Charakteristik (Kostüme, Frisuren etc.), Choreografie (Schrittkombination, Ausnutzung der Tanzfläche, Körperbeherrschung), und Ausdruck (Gestik, Rhythmus, Dynamik). Quer durch Hessen fahren die Frauen aus Leihgestern und tanzen um Preisgelder – ein Startgeld müssen sie allerdings auch entrichten.

Kräftig abgeräumt hat "BlackOut" vor allem vor zwei Jahren mit "Another World". "Ein Gänsehaut-Tanz", meint Madeleine Volk. Die Story: Ein Mädchen freut sich des Lebens und tanzt auf dem Jahrmarkt, als sie eine düstere Person entdeckt. Diese ominöse Figur zieht das Mädchen in die andere Welt. Dunkle Gestalten, Monster? Da war doch was, auch die aktuelle Vorführung heißt schließlich "(K)ein Grund zum Fürchten".

Im Februar fangen die jungen Frauen jeweils an, den Tanz für die kommende Hochsaison einzustudieren. Die beginnt im September, bis in den Sommer des kommenden Jahres hinein wird dann die aktuelle Performance vorgeführt. Zweimal wöchentlich wird in der Volkshalle Leihgestern trainiert, an der Aufführung gefeilt, Korrekturen vorgenommen. Neben der Feinarbeit am aktuellen Auftritt wird auch schon der zukünftige Tanz einstudiert. Hauptsächlich geht es darum, dass die Übungen sicherer und synchroner werden. "Gerade bei Hebungen muss das eben zehnmal gemacht werden", weiß die 1,71 m große Volk.

"Zickereien gibt’s auch mal"

Gestaltet werden die Tänze von Trainerin Kerstin Wemhöner (siehe Artikel rechts). "Manchmal fehlen ihr noch zwei Achter-Takte, dann machen wir einen Vorschlag", erklärt Jennifer Kirsch. Üblicherweise aber gibt die Übungsleiterin den Takt vor. Nur bei der Musik, da lässt Wemhöner zuweilen auch Demokratie walten. Jeder dürfe dann mal kreativ sein und in seinen Kisten wühlen, was er so anzubieten hat.

Viel mehr als Taktgefühl und eine gewisse Angstfreiheit müsse man nicht mitbringen, um sich der Showtanzgruppe anzuschließen, meinen Volk und Kirsch. "Ob man jetzt einen Spagat oder ein Rad kann, ist erstmal egal. Das kommt von alleine." Neue Tänzerinnen werden mit offenen Armen empfangen, 18 Jahre alt muss man allerdings sein – sonst kann man nicht an Wettkämpfen teilnehmen. McDonalds, Shisha-Bar, abendliche Touren am Wochenende – auch außerhalb der Turnhalle bilden die Frauen eine Einheit. "Zickereien gibt’s logischerweise auch immer mal. Aber bei uns nur einmal im Jahr", erzählt Kirsch mit einem lauten Lachen. Viele verlassen die Gruppe auch wieder, im Grunde ist es ein ständiges Kommen und Gehen. Nur drei waren schon immer da, auch im Kinderturnen: Kirsch, Volk und Wemhöner. "Wir gehören hier hin", versichern sie. Vielen in Linden ist die Gruppe mittlerweile ein Begriff, einige aber fragen auch: "BlackOut" – hier, in Leihgestern? Noch nie gehört."

Madeleine Volk hat dafür Verständnis: "Vielen liegt das einfach gar nicht, andere sitzen abends lieber auf der Couch. Aber für uns ist das ein Ausgleich zum Beruf oder Studium. Und der Mensch braucht die Bewegung. Man will ja nicht schon mit 60 nicht mehr rund laufen können, sondern vielleicht erst mit 80."

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare