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Helena Bieber vom Gießener Team RSG Biehler hat als Vierte der Gesamtwertung der virtuellen Bundesliga einen starken Eindruck hinterlassen.

Bieber zeigt sich topfit

  • Ronny Herteux
    VonRonny Herteux
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Die besten deutschen Rennrad-Frauen können es kaum erwarten, erste Rennen auf Asphalt zu fahren. Dennoch war die virtuelle »GCA eSport Liga« eine willkommene Abwechslung, bei der Helena Bieber als Vierte knapp das Podest in der Gesamtwertung verpasst.

Schnell geht es - die Entscheidungen sind gefallen, die »GCA eSport Liga« der Radrennfahrer auf der Online-Plattform »Zwift« ist nach fünf Durchgängen schon wieder Geschichte. Und damit passend zum Frühlingsstart, das Gros der Teilnehmer wird inzwischen schon das Training weitgehend auf die Straße verlegt haben und den Saisonstart herbeisehnen, nachdem es im Pandemie-Jahr 2020 nur ein erheblich reduziertes Programm gegeben hatte.

Klar ist, dass sich dauerhaft in der GCA-Bundesliga mehr und mehr die Spezialisten durchsetzen werden, nämlich die, die dauerhaft hohe Leistungen auf die Pedale bringen. Auf der anderen Seite werden die reinen »Zwifter« bei den Outdoor-Veranstaltungen mit der Spitze eher wohl nicht kontinuierlich mithalten können, wenn es auch darum geht, beispielsweise den Riecher für die richtige Attacke, den perfekten Zug zu haben, auf Gegen- bzw. Rückenwind zu reagieren und auch mannschaftsdienlich zu fahren. Dennoch war auch in diesem Jahr die GCA-Bundesliga ein perfekter Baustein für den Saisonaufbau, zumal die obligatorischen Trainingslager in diesem Jahr pandemiebedingt ausfallen mussten.

Einen sehr starken Eindruck hinterließ die 23-jährige Helena Bieber vom Bundesligateam RSG Gießen Biehler während der fünf Rennen. Die Bankkauffrau hat die GCA-Serie als »eine super Alternative, eine super Abwechslung und ein sehr gutes Training« empfunden, manchmal ist sie sogar am Samstagmorgen »2,5 Stunden locker draußen gefahren«, ehe später der Startschuss für das Rennen auf Zwift erfolgte. Bei schlechtem Wetter ist sie mit ihren RSG-Kolleginnen »auch schon mal morgens die Strecke des Rennens abgefahren - denn: Vorbereitung ist die halbe Miete!«

Im ersten Rennen, noch ohne Leistungscheck, war die Freude umso größer, als Bieber als Zweite die Ziellinie passierte. Die 23-Jährige, die sich selbst als »Fahrertyp Zeitfahrerin« beschreibt, war über Rang acht im nächsten Durchgang etwas enttäuscht, weil der Streckencheck nicht perfekt verlief und das Ziel nicht an der erwarteten Stelle postiert war. »Was lernen wir daraus: Streckencheck ist das A und O«, war Bieber um eine Erfahrung reicher.

Der dritte Lauf über 55 km und 380 Höhenmetern verlief relativ flach, »wir haben uns schon gedacht, dass ein großes Feld auf der Ziellinie ankommen wird. Also haben wir unsere Teamtaktik darauf ausgelegt. Durch das starke Anfahren von Adelheid Schütz und Lydia Ventker habe ich es geschafft, auf den zweiten Platz zu sprinten. Für den ersten hat es leider nicht gereicht, dafür waren meine Sprinterfähigkeiten nicht gut genug.« Und: plötzlich hatte Bieber die Gesamtführung übernommen.

Katja Phoi Gutschke (NPR3R) war nach 1:14:51 Stunden die Winzigkeit von 0,1 Sekunden schneller als Bieber. Auf Platz sechs führte Ventker mit Schütz und Katharina Fox ein RSG-Trio an, und das mit weniger als einer Sekunde Rückstand auf die Spitze, was für eine exzellente Teamarbeit spricht. Bianca Bernhard (RSG Biehler Gießen) als Elfte, Julia Schallau aus Gießen vom Projekt Beastmode als 23. mit ihrem schlechtesten Ergebnis und damit Streichresultat, sowie Diana Steffenhagen (RSG Gießen Biehler) als 37. rundeten das Ergebnis unter 50 Fahrerinnen ab.

Bei den Männern war Patrick Lechner (Team Fahrradhilfe) nach 1:07:03 Stunden mit durchschnittlich 4,4 w/kg nicht zu schlagen gewesen. Niclas Zimmer (Stenger-Bike-Team) von der RSG Gießen und Wieseck wurde unter 191 Teilnehmern auf einem starken 33. Rang notiert, wobei er als U23-Fahrer lediglich 2,2 Sekunden Rückstand auf die Topleute aufwies.

Langer Anstieg

Beim vierten Lauf auf der 35 Kilometer langen »Muir and the Mountain«-Strecke erwies sich ein rund zehn Kilometer langer Anstieg als Scharfrichter. »Da hieß es eigentlich nur, an den Bergflöhen dran bleiben und die Gruppe nicht verlieren«, hatte Bieber keinerlei Erwartungen auf eine Topplatzierung. An der steilsten Stelle rund 15 Kilometer vor dem Ziel griff Ricarda Bauernfeind an und siegte nach 1:04:23 Stunden mit üppigen 22 Sekunden Vorsprung auf Eleisa Haag (Projekt Beastmode). Bieber, Schütz und Schallau folgten auf den Rängen vier, fünf und sechs. Bernhard als 14., Fox (18.) und Ventker (22.) wurden noch im vorderen Starterfeld notiert. »Am Anfang war der Berg ganz gut zu fahren, es war nicht zu steil, aber am Ende kam ein verdammt steiles Stück. Dieses Stück am Radio Tower wurde mir zum Verhängnis, ich wurde abgehängt«. Glücklicherweise blieb »Schütz bei mir und unterstützte mich bis zum Schluss«. Und siehe da, der vierte Platz reichte aus, um die Gesamtführung verteidigt zu haben.

Bei der Männer-Elite führte Christoph Thiem (Beastmode Crew) nach 56:36 Minuten ein Ausreißerduo vor Benedikt Helbig ins Ziel.

Das letzte Rennen mit 440 Höhenmetern wurde erneut eine Beute von Thiem und Bauernfeind, die auf den 37 Kilometern auf der virtuellen Strecke »NYC KOM After Party« im Sprint ihren Erfolg aus Durchgang vier wiederholten. Die 23-jährige Bankkauffrau vom Gießener Team war vor der Vorstellung der Strecke »extrem aufgeregt. Leider war es dann nicht die Strecke, die ich mir gewünscht hätte. Eine Bergzielankauf ist jetzt nicht eine Traumvorstellung einer Zeitfahrerin. Aber manche Dinge kann man sich eben nicht aussuchen, also Kopf hoch und einfach alles geben.«

Die Bundesliga-Fahrerin bewegte sich die ersten 30 Minuten an der Schwelle, »aber zum Schluss kam noch ein fünf km langer Anstieg mit steilen Passagen über 15 Prozent«. Sorgenfalten legten sich über die Stirn: »Da musste ich weit über der Schwelle fahren, um dranbleiben zu können. Dadurch, dass ich eine der schwereren Fahrerinnen bin, sind natürlich im Verhältnis an den steilen Stücken viel mehr Watt erforderlich, um den gleichen Watt-/Kilogramm-Wert zu erreichen wie die Bergflöhe.« Immerhin, am Ende stand Platz sieben zu Buche. »Ich habe alles gegeben, meine Beine schmerzten, das Laktat sammelte sich und irgendwann konnte ich nicht mehr aus dem Sattel gehen.« Beste heimische Fahrerin hinter Bauernfeind war Schütz (RSG Biehler Gießen, 4,6 w/kg), die als Dritte noch das virtuelle Podest erklimmen durfte. Bieber (7.), Fox (11.), Schallau (13.), Bernhard (15.), Ventker (19.) und Steffenhagen (31.) vervollständigten das Ergebnis aus heimischer Sicht.

Niclas Zimmer wurde auf Rang 55 notiert mit 2:39 Minuten Rückstand im 136 Fahrer starken Feld.

Bauernfeind und Thiem Gesamtsieger

Bauernfeind kam nach den Plätzen sieben, sechs und vier immer besser in Form und sicherte sich nach dem Doppelsieg zum Schluss auch die Gesamtwertung mit 688 Punkten. Bieber schloss die Bundesliga-Serie mit 619 Punkten als starke Vierte ab und zeigte sich sehr zufrieden. Schütz (6./482) und Bernhard (9./429) fuhren genauso in die Top Ten wie die Gießenerin Schallau vom Projekt Beastmode als Zehnte (408). Weitere Reihenfolge: 15. Fox (329), 16. Ventker (322), 31. Steffenhagen (190).

Mit zwei ersten, einem zweiten und einem dritten Rang und insgesamt 760 Punkten sicherte sich Thiem den Bundesliga-Titel vor Jan-Ole Zilse (beide Projekt Beastmode/597). Zimmer wurde auf Rang 64 (68) geführt.

Für die Bankkauffrau im TSG-Trikot war »es gut, diese Serie als Training für die bevorstehende Saison genutzt zu haben. Dennoch war es auch eine psychische und mentale Belastung«, wie Bieber einräumte. Allerdings: »Jetzt freue ich mich umso mehr auf die realen Rennen. Da legen wir dann so richtig los!«

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