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Der 10. Oktober 2020 geht in die Klubhistorie der HSG Wetzlar ein. Mit einem legendären 31:22 wird der große THW Kiel zu Fall gebracht - hier Nationalmannschafts-Kreisläufer Patrick Wiencek von Maximilian Holst (l.) und Anton Lindskog.

HSG Wetzlar

Beste Version ihrer selbst

  • Ralf Waldschmidt
    VonRalf Waldschmidt
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Mit Tabellenplatz 10 hat sich die HSG Wetzlar in der Saison 2020/21 in der Handball-Bundesliga einmal mehr selbst übertroffen. Ein Rückblick:

Warum die HSG Wetzlar einmal mehr auch 2020/21 die beste Version ihrer selbst geschaffen hat, wird nachfolgend im grün-weißen Alphabet aufgezeigt:

A ngstgegner: Ist der TBV Lemgo-Lippe geblieben. In 47 Pflichtspielen gegen die Ostwestfalen setzte es bei sieben Siegen und drei Unentschieden 37 Niederlagen. Auch in dieser Saison ging die Heimpartie mit 21:27 verloren, beim neuen DHB-Pokalsieger gab es in der Hinrunde ein 27:28.

B austellen: Die gesundheitlichen Probleme von Patrick Gempp, die anfänglichen Wurf-Defizite von Ivan Srsen, die Bundesliga-Anlaufschwierigkeiten der Rookies Magnus Fredriksen, Emil Mellegard und Philip Henningsson. Ein Berg an Arbeit vor Saisonbeginn. Elf Monate später erinnert man sich kaum noch daran - alles bewältigt. Patrick Gempp verschaffte mit seinen Einsatzzeiten temporär Anton Lindskog ebenso Luft wie Ivan Srsen Stefan Cavor. Magnus Fredriksen ist der würdige Spielmacher-Nachfolger von Filip Mirkulovski, Philip Henningsson eine feste Größe in der 6:0-Abwehr, Emil Mellegard ergänzt sich hervorragend mit Maximilian Holst.

C orona: Hat den Mittelhessen sportlich weniger zugesetzt als befürchtet. Auch ohne Zuschauer blieb die Rittal-Arena bei 26:12 Punkten eine Festung. Damit belegen die Björnsen und Co. in der Heimtabelle der Bundesliga Platz fünf (!). Wirtschaftlich haben Sponsorentreue und staatliche Hilfsgelder dafür gesorgt, dass die HSG auch in ihre 24. aufeinanderfolgende Erstliga-Saison gehen kann.

D eckung: Die Tiedtkes, Bliznac’ und Klesniks sind gegangen, die Lindskogs, Forsell Schefverts und jetzt Henningssons gekommen. Den Innenblock hat man immer irgendwie dichtbekommen.

E rsatzbank: Zu dünn besetzt! Das überraschende, in Anbetracht der Zukunftspläne nicht nachvollziehbare Konstrukt, nicht mehr auf die Akteure der Jugend-Bundesliga und der U 23 zurückgreifen zu können, hätte sich im Premierenjahr in Anbetracht von Corona und der zahlreichen langfristigen Ausfälle beinahe schon gerächt. Diese »aufgekündigte« Zusammenarbeit sollte noch einmal überdacht und korrigiert werden.

F ahrrad: Zum Abschied gab es für Trainer Kai Wandschneider vom Klub ein hochwertiges E-Bike, mit dem er seiner Radtour-Leidenschaft künftig weiter nachgehen kann. Bodensee- und Ostseetouren hat er ja schon hinter sich. Die Lahn von der Quelle bis zur Mündung würde sich also demnächst anbieten.

G eschäftsführer: Björn Seipp hat zusätzlich die Geschäftsführung der Arenakonzept GmbH übernommen, die seit September vergangenen Jahres die größte Multifunktionsarena Mittelhessens betreibt. Der 47-Jährige bleibt in Doppelfunktion weiterhin Geschäftsführer des Handball-Erstligisten HSG Wetzlar, diese Funktion hat er nunmehr seit elfeinhalb Jahren inne. Bei der HSG Wetzlar ist er seit 2004 in verantwortlicher Funktion.

H öchster Sieg: Das 29:11 gegen die Eulen Ludwigshafen im November war die klare Ansage, auch in der Saison 2020/21 nichts mit dem Abstiegskampf zu tun zu haben. Beim höchsten Sieg der Bundesliga-Geschichte trugen sich elf (!) verschiedene Wetzlarer Spieler in die Torschützenliste ein.

I nternational: Auch wenn die HSG Wetzlar aktuell mit Torhüter Till Klimpke nur einen deutschen Nationalspieler in ihren Reihen hat, so ist doch kontinuierlich ein halbes Dutzend ihrer Profis für ihre Länderteams unterwegs gewesen. Vor allem Stefan Cavor, Lenny Rubin, Anton Lindskog und Kristian Björnsen, aber auch Emil Mellegard, Filip Mirkulovski und Magnus Fredriksen. Das sagt einiges über die Qualität des Kaders aus.

J uwel: Das Wetzlarer Scouting wird in der Bundesliga aufmerksam verfolgt. Nach Andreas Wolff, Kent-Robin Tönnesen, Jannik Kohlbacher u. v. a. haben die Grün-Weißen mit Magnus Fredriksen das nächste Juwel im Kader, dessen Verweildauer in Mittelhessen - das kann man heute schon sagen - ebenso begrenzt sein wird wie bei den genannten Vorgängern.

K ultstatus: Nach 312 Spielen und über neun Jahren bei der HSG Wetzlar besitzt nach Velimir Petkovic nunmehr auch Kai Wandschneider grün-weißen Kultstatus.

L izenz: Dass die HSG Wetzlar die Lizenz ohne Auflagen erhalten hat, liegt vor allem auch am Wirken von Aufsichtsrat Martin Bender. Der Lahnauer Unternehmer sorgt seit Jahr und Tag mit seiner wirtschaftlichen Kompetenz und seinen guten Geschäftsverbindungen für das entsprechende finanzielle Rüstzeug, ohne das es in der Bundesliga nun mal nicht geht.

M anager: Erstmals seit dem Bundesliga-Aufstieg vor 23 Jahren gibt es künftig eine Art »Manager/Sportdirektor« bei der HSG Wetzlar. Jasmin Camdzic wird diese Rolle in Personalunion mit der des Chefscouts und Torwarttrainers ausfüllen und damit in der HSG-Hierarchie aufsteigen.

N ordlichter: Kristian Björnsen, Emil Mellegard, Anton Lindskog, Philip Henningsson, Magnus Fredriksen und Olle Forsell Schefvert bildeten im Bundesliga-Team eine jederzeit verlässliche Skandinavien-Fraktion, mit der Trainer Kai Wandschneider wertgeschätzt arbeiten konnte. Das Duo Kristian Björnsen/Anton Lindskog bricht zwar nach Aalborg und Flensburg auf, mit Adam Nyfjäll folgt aber bereits der nächste Schwede.

O ffensive: Wow! Mit 1078 Treffern stellt die HSG Wetzlar den sechstbesten (!) Angriff der Saison - treffsicherer als Leipzig, Göppingen, Melsungen und Lemgo-Lippe.

P araden: Die Torhüter Till Klimpke und Tibor Ivanisevic haben zusammen 390 Würfe pariert, das sind in Summe 27,5 Prozent und damit ein guter Mittelwert.

Q uarantäne: Im Gegensatz zu vielen anderen Handball-Bundesligisten hat die HSG Wetzlar mit der kompletten Mannschaft keine mehrwöchige Quarantäne wegen Corona-Fällen im Team durchmachen müssen. Temporär in Einzelfällen (Filip Mirkulovski) schon, in der Regel gab es nach Verdachtsfällen aber schnell Entwarnung.

R ubin: Der 2,05 Meter große Schweizer Nationalspieler hat in seinem dritten Erstliga-Jahr endgültig den Durchbruch geschafft und ist vor allem nach den verletzungsbedingten Ausfällen seiner Rückraum-Kollegen zum Leistungsträger geworden. Die vorzeitige Vertragsverlängerung bis 30. Juni 2024 dürfte dem 25-Jährigen einerseits eine entsprechende Aufstockung seines Salärs gebracht haben, andererseits der HSG die Gewissheit, im Falle einer vorzeitigen Vertragsauflösung eine höhere Transfersumme erzielen zu können.

S tatistik: Die seit dieser Saison eingeführte Datenerhebung »Handball Performance Index« (HPI) unterstreicht das gute Abschneiden der HSG Wetzlar. Anhand ausgewählter Daten aller Akteure wird eine positionelle Vergleichbarkeit erzeugt. Auf der Position Rückraum rechts belegt Stefan Cavor mit einem Index von 194 die Spitzenposition, auf der Kreisläufer-Position ist Anton Lindskog mit einem HPI von 184 ebenfalls unerreicht. Im linken Rückraum hat es der Schweizer Lenny Rubin mit einem HPI von 187 hinter Jonatahn Carlsbogard vom TBV Lemgo Lippe (HPI: 197) auf Platz zwei geschafft. Chapeau!

T rainer: Der Unbeugsame. Weder als Coach noch als Mensch hat sich Kai Wandschneider nach dem Triumph 2012 in Gummersbach, der dem »Feuerwehrmann« durch den Klassenerhalt die Vertragsverlängerung einbrachte, verbiegen bzw. instrumentalisieren lassen. Das ist bestimmt einer der Gründe, die den 61-Jährigen bei der HSG Wetzlar so lange haben erfolgreich arbeiten lassen. Kai Wandschneider ist immer bei sich selbst geblieben.

Überraschungen: Den THW Kiel historisch hoch mit 31:22 bezwungen und damit fast des DM-Titels beraubt, Heimerfolge gegen die Rhein-Neckar Löwen und die Füchse Berlin, der Auswärtspunkt beim SC Magdeburg (27:27) und die Triumphe beim HC Erlangen (36:28), bei GWD Minden (29:24) und beim Bergischen HC (22:20) haben Björnsen und Co. mehr als einmal für Aufsehen sorgen lassen.

V erletztenmisere: Das Trainergespann Wandschneider/Camdzic hat in neun gemeinsamen Erstliga-Spielzeiten ja schon einige personelle Extremsituationen überstehen müssen, den gleichzeitigen monatelangen Ausfall eines kompletten Rückraum-Trios hatte es aber noch nie gegeben. Linkshänder-Torgarant Stefan Cavor, Allround-Schlitzohr Olle Forsell Schefvert und Schlagwurf-Spezialist Alexander Feld fehlten die letzten elf Spieltage komplett, an denen dennoch elf (!) Punkte eingefahren werden konnten. Obwohl den Grün-Weißen laut Statistik Zehn Tore pro Spiel dadurch verloren gegangen sind.

W echsel: Kai Wandschneider geht, Benjamin Matschke kommt. Einen Wechsel auf der Kommandobrücke hat es bei den Grün-Weißen neun Jahre lang nicht gegeben. Die Spieler-Fluktuation mit den Abgängen von Kristian Björnsen, Anton Lindskog, Tibor Ivanisevic und (mitunter) Filip Mirkulvski hingegen bewegt sich im üblichen Rahmen. Routinier Felix Danner von der MT Melsungen, der Slowene Novak Domen und der Schwede Adam Nyfjäll sollen die Lücken schließen. Eventuell noch der talentierte Rückraum-Shooter Hendrik Wagner vom Erstliga-Absteiger Eulen Ludwigshafen bzw. Filip Mirkulovski einmal mehr als Stand-by-Spielmacher.

X -Faktor: In mehr als einem Dutzend Partien die taktische Raffinesse von der Bank aus. Irgendeinen Trick, irgendeine Maßnahme, irgendeine Idee gab es immer noch vom Duo Wandschneider/Camdzic, wenn es galt - u. a. von der 3:3-Deckung über die versetzte 5:1-Abwehr bis zum siebten Feldspieler - der Mannschaft auf dem Parkett weiterzuhelfen. Und sei es in der 58. Minute. Bei Wandschneider/Camdzic war Aufgeben nie eine Option.

Y es! Auch 2021/22 gibt es weiter Erstliga-Handball in Mittelhessen. Nach der Saison ist vor der Saison. Am 2. September beginnt bereits die nächste Spielzeit!

Z uschauer: Lediglich Fünf Bundesliga-Partien durfte die HSG Wetzlar vor Zuschauern austragen. Zwei zu Saisonbeginn gegen SG Flensburg/Handewitt und THW Kiel, drei am Saisonende gegen Tusem Essen, SC DHfK Leipzig und GWD Minden. 3300 Zuschauer insgesamt - so viel wie bei einem mäßig besuchten einzigen Heimspiel einer normalen Spielzeit.

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