Es ist bereits kurz vor zwölf bei den 46ers

Hans-Heß-Kolumne Der erste Befreiungsschlag ging für die LTi Gießen 46ers heftig ins Leere! Eine große Chance, den Klassenerhalt für ein weiteres Jahr in der Basketball-Bundesliga machbar zu gestalten, wurde am Samstag gegen einen schlagbaren Mitkonkurrenten leichtfertig verspielt.

Der erste Befreiungsschlag ging für die LTi Gießen 46ers heftig ins Leere! Eine große Chance, den Klassenerhalt für ein weiteres Jahr in der Basketball-Bundesliga machbar zu gestalten, wurde am Samstag gegen einen schlagbaren Mitkonkurrenten leichtfertig verspielt.

Ehrlich gesagt, ein positives Ausrufungszeichen unserer deutlich personell verstärkten Truppe, die jetzt viel mehr Potenzial hat als noch vor Kurzem, sieht anders aus. Aber warum konnte es am Samstag gegen Düsseldorf nicht abgerufen werden?

Ich persönlich meine, dass das spielerische und taktische Gesamtkonzept auch diese Saison wieder nicht schlüssig ist. Das Personalhickhack war unprofessionell, kostet jede Menge Geld und hat dem Teamspirit augenscheinlich nicht gutgetan. Natürlich spielt auch Verletzungspech eine große Rolle. Jeder weiß, dass ein Spieler wie David Teague schwer zu ersetzen ist. Aber gegen einen deutlich stärkeren Gegner wie die Skyliners aus Frankfurt hat die Mannschaft mit einer guten Rotation bewiesen, dass sie - auch ohne ihren besten Schützen - mithalten kann. Vielleicht sollte sich Coach Bogojevic daran erinnern.

Seine generelle Rotation, nicht nur am Samstag gegen ein angeschlagenes Team aus Düsseldorf, gibt viel Stoff für Diskussionen und muss wohl unter die Rubrik "Lehrjahre eines Coachs" eingeordnet werden. Am Samstag zum Beispiel war Jannik Freese keine Minute auf dem Feld, Joe Werner und Johannes Lischka jeweils vier Minuten, Stevan Tapuskovic hatte ganze sechs Minuten Spielzeit!

Dafür stand Max Weber - wieder mal mehr neben sich als vor dem Gegner - in der Startaufstellung. Mit fast 20 Minuten Einsatzzeit beendete er pikanterweise seinen Arbeitstag, ohne positive Akzente zu setzen, selbst mit seinem fünften Foul.

Die Neuzugänge Osvaldo Jeanty und Elvir Ovcina zeigten eine gute Leistung. Auch Kevin Johnson, Maurice Jeffers und Lorenzo Williams machten einen guten Job. Wenngleich in der Verteidigung Williams und auch Ovcina neben dem vorher genannten "Verteidigungsspezialisten" Weber ihren Gegnern mehr oder weniger ungehinderte Würfe oder Korbleger gestatteten. Auch die Aussage vom Coach, dass man die gute Dreierquote des Gegners so nicht erwarten konnte, ist schwer zu verstehen. Düsseldorf hat keinen echten Center, und alle können, eher müssen sogar von weit draußen schießen. Was soll daran bitte überraschend sein! Auch sollte es während des Spieles möglich sein, dass einmal gewählte Verteidigungskonzept zu ändern.

Was muss jetzt passieren, um wieder auf die Erfolgsspur zu kommen? Man kann als Außenstehender den Eindruck gewinnen, dass einige Spieler nicht wissen, wo sie stehen und was ihre Aufgaben im Team sind. Sie sind verunsichert. Einmal "erste Fünf" mit guter Leistung, das nächste Mal keine Sekunde auf dem Feld - das gab es diese Saison bereits häufiger zu sehen. Coach "Vladi" Bogojevic gibt einigen Spielern, speziell den "Nichtstartern", mit Kurzeinsätzen zu wenig Sicherheit. Vom fehlenden Selbstvertrauen einmal ganz abgesehen. So macht es wenigstens von außen den Eindruck, auch wenn vielleicht einige Interna aus dem Training, welche der Schreiber nicht kennt, den Coach zu diesen Schritten zwingen können?

Bogojevic hat doch letztes Jahr, nach Übernahme der Coachposition in Gießen, Mut bewiesen, Neues erarbeitet und jungen Spielern Selbstvertrauen vermittelt. Anscheinend lähmt aber der Gedanke eines möglichen Abstieges sein Denken, und er verfällt in den Fehler zu glauben, nur eine starke erste Fünf wäre Garant für notwendige Siege. Die alte Sportweisheit, "Geld bringt Punkte", stimmt zwar immer, aber ein funktionierendes Team ist mindestens genauso wichtig. Das macht ja gerade die Kunst des Coachens so interessant und schwierig!

Schauen wir uns, liebe Fans, die Tabelle mal näher an! Nach dem anfänglichen Wirrwarr und mangelnder Aussagekraft ist sie mittlerweile, wegen der fast gleichen Anzahl der gespielten Partien, einigermaßen aussagekräftig.

Vor uns liegen, mit einem bzw. zwei Siegen mehr, Hagen und Düsseldorf. Gegen beide Teams ist auch der direkte Vergleich bereits negativ (beide Spiele gegeneinander verloren)! Konkret: Um Hagen noch abzufangen, müssen wir bereits zwei Spiele mehr als diese gewinnen. Bei 13 noch ausstehenden Spielen schwer genug. Nur Paderborn ist hinter uns, aber dort muss in Kürze auswärts angetreten werden. Nächste Gegner sind auswärts Bremerhaven (aktuell Zweiter mit 14 Siegen) und zu Hause Göttingen (momentan Fünfter, mit ebenfalls bereits 14 Siegen).

Wahrlich keine einfache Aufgabe für alle Betroffenen. Also: Coach und Mannschaft rauft Euch verdammt noch mal zusammen und ruft Euer zweifellos vorhandenes Potenzial wieder ab! Wir Fans unterstützen Euch weiter, aber es ist bereits kurz vor zwölf. Setzt fast 50 Jahre Spitzenbasketball in Gießen nicht leichtfertig aufs Spiel.

Bis bald in der Osthalle

Euer Hans Heß

Hans Heß, ehemaliger Nationalspieler und Meisterspieler sowie Bundesligatrainer des MTV 1846 Gießen.

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