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Henni Nachtsheim und Eintracht Frankfurt

»Bei Badesalz hatten wir noch nie einen Trainerwechsel«

Redakteur Ronny Th. Herteux hat Henni Nachtsheim über seine Empfindungen zur abgelaufenen Bundesliga-Saison der Frankfurter Eintracht gefragt.

Hallo Herr Nachtsheim, wenn ich Ihnen zu Beginn der Saison gesagt hätte, die Eintracht belegt mit 60 Punkten Platz fünf und qualifiziert sich ungefährdet für die Europa League - Sie hätten sofort eingeschlagen, oder?

Auch wenn ich Ihnen wie immer nur ungerne recht gebe, ... ja, das hätte ich wohl.

Natürlich darf das große Aber nicht fehlen: Am 13. April lag Frankfurt mit 53 Punkten auf Rang vier sieben Zähler vor Dortmund, nach dem letzten Spieltag allerdings vier Punkte hinter dem BVB - wie ist vor diesem Hintergrund der Saisonverlauf einzuschätzen?

Als blöd!

Adi Hütter hat Ende Februar noch offiziell verkündet, in Frankfurt bleiben zu wollen. Am 13. April dann die Mitteilung, er wechselt im Sommer zur Gladbacher Borussia. Ein Wortbruch?

Das ist mir ein zu harter Begriff. Ich würde es eher einen »von äußeren Umständen geprägten Sinneswandel« nennen. Es wird ja zumindest darüber spekuliert, dass er im Februar noch nichts von Fredi Bobics Weggang nach Berlin wusste, was ihn dann zum Umdenken bewegt hat. Das ist auch an und für sich nichts Verwerfliches. Er hätte im Februar allerdings lieber sagen sollen »Ich kann mir gut vorstellen, dass ich bleibe!« Das wäre ihm nicht so um die Ohren geflogen. Zumal wir seit »Stand jetzt ...« eh etwas dünnhäutig sind, was Versprechungen angeht.

Die Eintracht hat nach der Hütter-Ankündigung in den folgenden sechs Spielen elf Punkte auf den BVB eingebüßt und die erstmalige Qualifikation für die Champions League verspielt. Wie haben Sie diese Phase erlebt?

Unter Alkohol! Nein, war ein Scherz. Unter Drogen UND Alkohol!

Oftmals ist ja die Rede von einer »Lame Duck«, einer Person, die noch im Amt ist, aber deren Weggang oder Rücktritt schon feststeht. Die Gladbacher haben mit Trainer Marco Rose ähnliche Erfahrungen gemacht. Was passiert da zwischen Mannschaft und Trainer, mit der Psyche, mit der Autorität, mit dem Siegeswillen?

Das weiß ich nicht, weil wir bei Badesalz noch nie einen Trainerwechsel hatten. Was auch daran liegt, dass Gerd mein und ich sein Trainer bin. Was Fußballer angeht, kann ich also nur spekulieren. Ich glaube aber, dass jeder individuell unterschiedlich damit umgeht. Dem einen macht es mehr aus, dem anderen weniger.

Wir sind beide keine Psychologen, aber wusste man bei der Eintracht nicht um diese Gefahr - und hätte man vielleicht nicht Hütter sofort nach der Wechselmeldung freistellen sollen? Klar, hinterher sind alle schlauer. Aber das Risiko war nicht von der Hand zu weisen.

Ich glaube, dass alle Beteiligten das unterschätzt haben, und dass man gedacht hat, dass das Ziel Champions League zu verlockend ist und die Spieler das mehr wollen als alles andere. Das Blöde in dieser Phase war auch, dass die Mannschaft jede Menge guter Spieler, aber keinen absoluten Leader hatte. Einer, der sagt, »Scheiß der Hund drauf, ob der Trainer bleibt oder geht - wir regeln das und lassen uns nicht mehr vom Weg abbringen!« Aber so einen gab es nicht.

Dazu kommt in Frankfurt noch die Tatsache, dass auch der Hickhack um die Personalie Fredi Bobic alles andere als Ruhe reingebracht haben dürfte.

Ruhe im Verein und im Umfeld sicher nicht. Aber nachdem er das mit seinem Wechsel bekannt gegeben hatte, haben sie ja trotzdem weiter gut gespielt. Das hat mit den Spielern meines Erachtens nach definitiv nichts gemacht.

Schauen wir nach vorne: Jetzt kommt Oliver Glasner von VfL Wolfsburg an den Main als neuer Eintracht-Trainer. Wie ist diese Personalie einzuschätzen?

Ein guter Trainer, der in Wolfsburg einen hervorragenden Job gemacht hat. Mehr weiß ich noch nicht.

Glasner wechselt von einem Champions-League- zu einem Europa-League-Verein, das ist ein Abstieg. Aber von Wolfsburg nach Frankfurt zu kommen, kann nur ein Aufstieg sein, oder?

Was für ein Satz! Weiß Ihre Zeitung eigentlich, was für eine prosaische Edelperle da in ihrer Sportredaktion vor sich hin dümpelt? Überlegen Sie sich gut, ob Sie da wirklich bleiben wollen, Herr Herteux! Zumal es nicht weit entfernt das Gießener Institut für Philosophie gibt!

Zur neuen Saison dürften nach Stand der Dinge wieder Zuschauer zugelassen werden. Fiebern Sie auch schon der Rückkehr ins Stadion entgegen, oder haben Sie sich an Fußball als rein mediale und digitale Kost gewöhnt?

Nein. Wenn du jahrelang im Kerker gesessen hast, willst du danach ja auch nicht weiter nur Wasser und Brot, sondern endlich mal wieder was richtig Leckeres. Okay, der Vergleich mit Spielen ohne Zuschauer und Kerker ist etwas überzogen, aber Sie wissen trotzdem, was ich meine!

Aber auch der Künstler Henni Nachtsheim dürfte die Rückkehr zur Normalität und damit den Kontakt zu seinem Publikum herbeisehnen?

Natürlich! Wir sind ja allein aufgrund der verschobenen Auftritte noch 40-mal mit unserem Publikum verabredet, und es wäre super schön, wenn wir diese Verabredungen bald mal nachholen können!

Noch eine abschließende Frage zum Sommerhöhepunkt: Wer oder was wird Fußball-Europameister?

Nordmazedonien, im Endspiel gegen England nach Elfmeterschießen!

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