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Der Besuch in Auschwitz hat bleibenden Eindruck bei den Jugendspielern der TSG Wieseck hinterlassen. FOTO: PV

TSG Wieseck

Aufwühlender Besuch im Konzentrationslager

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Der Wiesecker Fußball-Jugendleiter Deniz Solmaz bot seinen Spielern an, für 30 Euro Eigenanteil nach Polen zu fliegen und das Konzentrationslager Auschwitz zu besuchen. Zwei Spieler erzählen.

Die Reise nach Auschwitz beginnt im Grunde schon im Januar 2020: In der Geschäftsstelle der TSG Wieseck trommelt Deniz Solmaz alle interessierten Spieler zusammen, zeigt ihnen Dokumentationen über die Gräueltaten der Nazi-Zeit, führt Gruppengespräche. "Wir konnten nicht ohne Vorwissen dort hinfahren", sagt Solmaz.

Anfang März treffen sich die Wiesecker noch einmal, reisen dann, kurz bevor der Coronavirus Europa lahm legt, nach Birkenau. Um fünf Uhr morgens geht’s von Wieseck aus los, am Folgetag um 23 Uhr ist der 32-Mann-starke-TSG-Tross wieder in Mittelhessen. 15-, 16- und 17-Jährige durften mitfahren, ab dem nächsten Jahr möchte Solmaz die Reise nach Auschwitz für die U16 zur Pflicht machen. "Ich möchte, dass jeder, der hier gespielt hat, einmal da war."

30 Euro muss jeder Spieler beitragen, den Rest der Kosten übernimmt der Verein. Was Solmaz erntet, sind dankbare und geerdete Spieler. Zwei von ihnen, Janick Brodt, 16, aus Grünberg und Jonas Bärsch-Bettin, 17, aus Wieseck, haben mit uns über ihre Eindrücke von Auschwitz und Ausgrenzung in der heutigen Zeit gesprochen.

Mit welchen Gefühlen seid ihr nach Auschwitz gefahren?

Jonas Bärsch-Bettin: Als wir hingeflogen sind, als wir mit dem Bus zum Hostel gefahren sind und eingecheckt haben, da war in der Gruppe noch alles normal. Als wir uns vom Hostel auf den rund 20-minütigen Weg gemacht haben, setzte das mulmige Gefühl ein.

Janick Brodt: Wir kannten die Bilder aus Dokumentationen, aber alles in echt zu erleben, zu sehen, sich vorzustellen, was dort passiert ist, war außergewöhnlich. Du denkst über vieles nach, hast viele Fragen. Jeder sollte damit einmal konfrontiert werden.

Jonas Bärsch-Bettin: Als wir im Lager angekommen sind, hatten wir besprochen, dass wir als Gruppe zusammenlaufen. Nach einigen hundert Metern wollte ich das aber nicht mehr, wollte alleine laufen. Ich habe mir die Schilder durchgelesen, mich vertieft. Ich wollte das für mich erleben.

Was habt ihr euch auf der Anlage gefragt?

Jonas Bärsch-Bettin: Auf Schildern vor einer Barracke stand, dass dort bis zu 400 Personen untergebracht wurden - gefühlt war die Barracke nicht größer als ein Pferdestall, es war kaum vorstellbar. Es wurde immer schlimmer mit der Zeit. Wir kamen später auf einen Platz, wo die Juden warten mussten, wenn die Gaskammer gerade gefüllt war. Teilweise sollen auf dem Platz, wo wir standen, Juden lebendig verbrannt worden sein. Da zu stehen, wo diese schrecklichen Taten stattfanden, war sehr schwer. Frauen wurden aus Barracken abtransportiert und kamen nie mehr wieder. Sich das zu vorzustellen, war schlimm.

Janick Brodt: In der Gruppe kamen immer wieder Fragen auf: War es unmöglich zu flüchten? Welche Hoffnung gab es? Als wir bei den Krematorien angekommen waren, habe ich mich gefragt: Was ist hier eigentlich passiert, wie schlimm ist das eigentlich? Auch für mich hat sich dann der Weg von der Gruppe getrennt. Ich habe einfach nur das wahrgenommen, was dort gerade zu sehen war. Ich habe mich gefragt, wie die SS-Leute, wie Menschen so grausam sein können. Sie waren wohl unter Drogen gesetzt, sie waren wie in einem Film bzw. selbst im System gefangen.

Jonas Bärsch-Bettin: Später kam mir der Gedanke, wie gut es uns heutzutage eigentlich geht. Das war einerseits traurig, aber auch ein Gefühl von Dankbarkeit.

Janick Brodt: Es ist, denke ich, wichtig, dankbar zu sein. Wir leben in dieser Gesellschaft heute und wir durften erleben, wie schlimm Zustände für Menschen sein konnten.

Jonas Bärsch-Bettin: Wer daraus nichts lernt, den kann ich nicht verstehen.

Ausländerfeindlichkeit bzw. Ausgrenzung gibt es auch heute noch. Inwiefern registrieren Sie das als junger Mensch?

Janick Brodt: Oft spielt die Herkunft bei der Bewertung anderer Menschen beim ersten Gedanken eine entscheidende Rolle. Wir sollten frei und ohne Vorurteile auf Menschen zugehen. Denn die Parallele, dass Menschen, die anders sind, von Teilen der Bevölkerung ausgegrenzt werden, kann man auch heute ziehen. Das wird ja von gewissen Parteien sogar vorgelebt.

Jonas Bärsch-Bettin: Diese Menschen haben Angst, kommen mit sich selbst nicht klar und suchen sich ein Opfer, auf das sie mit anderen eintreten können. Ich habe aus Spaß auch schon mal blöde Sprüche rausgehauen. Seit dem Besuch denke ich da eher nach und bin vorsichtiger.

Inwiefern habt ihr das Gefühl, dass im Fußball weniger Einzel- und mehr Gemeinschaftsgedanke vorherrschen?

Janick Brodt: Wir sind ein Team und können unsere Ziele nur erreichen, wenn wir uns aufeinander verlassen.

Jonas Bärsch-Bettin: In unserer Mannschaft gibt es große Unterschiede: Von den Spielertypen her, vom Charakter - wie in der echten Welt. Wir haben Respekt voreinander und spielen zusammen Fußball.

Jedes Team hat ein Ziel - sollte auch unsere Gesellschaft ein gemeinsames Ziel haben?

Janick Brodt: Niemand sollte Opfer von Rassismus oder Ausgrenzung sein. Ich glaube, es ist wichtig, dass sich jeder vor Augen führt, dass wir selbst betroffen sein könnten. Wir sind unterschiedlich, aber irgendwo auch alle gleich. Wir sollten uns nicht gegeneinander aufhetzen, sondern mehr gemeinsam denken

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