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Für Dr. Dorothea von Ritter-Röhr sind Frauen im Sport unterrepräsentiert. Sie spricht sich im Interview für mehr Frauen in Vereinsvorständen aus.

Frauen im Sport

»Auf die Dauer hilft nur Power«

  • VonGerd Chmeliczek
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Die Gießener Psychoanalytikerin Dr. Dorothea von Ritter-Röhr sieht Frauen im Sport zu wenig vertreten.

(gäd). Der Fall Heiko Vogel hat dieser Tage für viel Wirbel gesorgt. »Frauen haben auf dem Fußballplatz einfach nichts zu suchen«, rief der Trainer der Gladbacher Regionalliga-Mannschaft in Richtung der Schiedsrichter-Assistentin. Vogel wurde für zwei Spiele gesperrt, muss eine Geldstrafe zahlen und soll dazu noch sechs Trainingseinheiten von Mädchen- oder Frauenmannschaften leiten. Dies löste mindestens genauso viel Empörung aus wie Vogels Ausbruch selbst. Nein, es sei gewiss keine Strafe, Fußball spielende Frauen zu trainieren, lautete der Tenor.

Für Dr. Dorothea von Ritter-Röhr, Psychoanalytikerin, Psychologin und Medizinsoziologin aus Gießen, zeigt der »Fall Vogel«, wie weit Frauen im Sport noch von Gleichberechtigung entfernt sind. Für sie muss das Umdenken aber nicht nur im Spitzensport einsetzen, sondern vor allem in den Vereinen vor Ort.

Frau Dr. von Ritter-Röhr, bestätigt Sie dieser aktuell Fall in Ihrer Meinung, dass Frauen im Sport in vielen Bereichen nicht gleichberechtigt sind?

Ja, das tut er. Ich glaube, dass die Mehrheit der Bevölkerung immer noch denkt, dass Frauen nicht auf den Fußballplatz gehören. Unsere Strukturen sind so.

Was meinen Sie damit genau?

Wir leben nun mal in einer von Männern dominierten Gesellschaft. Und das gilt auch für den Sport. Schauen Sie doch zum Beispiel einmal auf die Strukturen in vielen Verbänden: Frauen kommen in Führungspositionen viel zu selten vor. Da fehlt es an Akzeptanz. Und das fängt schon an der Basis, bei den Vereinen vor Ort an.

Wie begründen Sie das?

Ganz viele Männer und eine Alibi-Frau - so sieht es doch in vielen Vereinen im Vorstand aus. Wenn sich wirklich etwas ändern soll, dann müssen die Vorstände mindestens zur Hälfte aus Frauen bestehen. Und dann müssen wir auch über Phänomene wie Vereine reden, die noch Männerturnverein heißen. Es wird immer noch einfach so hingenommen, ohne dass sich etwas ändert.

Haben Sie persönliche Erfahrungen in Vereinen gemacht?

Ich war vor 30 Jahren im Verein. Aber da habe ich das noch überhaupt nicht so wahrgenommen, habe es noch nicht durch die feministische Brille gesehen. Ich habe mich da auch sehr wohl gefühlt. Das Bedürfnis, eine Diskussion über Frauen im Sport führen zu wollen, kam erst viel später.

Es gibt aber bestimmt auch heute noch viele Frauen, die sich in Vereinen nicht diskriminiert fühlen...

Ja, die gibt es bestimmt. Sie dürfen mich nicht falsch verstehen. Ich möchte keine Revolution anzetteln, sondern lediglich eine Diskussion anstoßen. Frauen kommen im Sport viel zu wenig vor. Natürlich können wir darüber sprechen, ob für den Fußball- Bundestrainer Joachim Löw eine Frau als Nachfolgerin in Frage kommen würde. Aber das bringt nichts, weil es sowieso nicht passieren wird. Stattdessen sollte bei den Vereinen angefangen werden.

Wo muss aus ihrer Sicht angesetzt werden?

Wir haben ja in vielen Bereichen, in vielen Institutionen Frauenbeauftragte. Vielleicht ist das ja auch ein Modell für Vereine, damit etwas in die Gänge kommt. Das ist natürlich nicht die Lösung für alle Schwierigkeiten, aber es wäre zumindest einmal ein Anfang. Damit die Belange von Frauen mehr berücksichtigt und auch mehr nach außen getragen werden.

Um worauf hinzuwirken?

Dass es zum Beispiel auch die Gruppe der älteren Frauen gibt, die fast überhaupt nicht wahrgenommen wird. Ich bin selbst Sportlerin durch und durch. Aber es geht eben nicht immer nur um das vielzitierte »höher, schneller weiter«. Frauen haben in diesem Alter ein viel größeres Interesse an Bewegung als Männer. Dieses muss aber auch geäußert werden können. Wichtig gerade für ältere Frauen sind Bewegung, Balance und Koordination, die zum Beispiel in Fun-Parks für Kinder trainiert werden könnten. Frauen und Männer bevorzugen im Sport unterschiedliche Disziplinen. Auch da finden wir noch alte Rollenbilder. Das Interesse von Frauen am Sport reduziert sich nicht auf Turnen oder Ballett.

Aber da hat sich doch im Laufe der Jahre einiges getan, oder?

Das stimmt, das möchte ich auch überhaupt nicht in Abrede stellen. Aber es ist halt noch lange nicht genug. Wir könnten uns auch über eine Frauenquote unterhalten. Der Aufschrei wäre wahrscheinlich groß.

Was empfehlen Sie Frauen in Vereinen

Selbstbewusstsein! Das ist überall gefordert - immer!. Nicht nur im Sport. Gegen unbewusste Strukturen vorgehen. Auf die Dauer hilft nur Power. Oft wird übersehen, dass Frauen benachteiligt werden, bis darauf aufmerksam gemacht wird. Es geht auch überhaupt nicht darum, mit dem Finger auf die bösen Männer zu zeigen. Es geht vielmehr darum, alte Strukturen aufzubrechen. Nachdenken, analysieren, was anders zu machen wäre - und dann aber bitte handeln.

DFB-Präsident Fritz Keller hält eine Frau als Trainerin einer Fußball-Bundesliga-Mannschaft für möglich...

Ich glaube das derzeit nicht. Genauso wenig wird eine Frau Jogi Löws Nachfolgerin. Und auch Schiedrichterinnen sucht man in den höheren Ligen der Männer vergeblich.

Die Psychoanalytikerin, Psychologin und Medizinsoziologin Dr. Dorothea von Ritter-Röhr (Jahrgang 1942) war lange Jahre in eigener Praxis tätig. Sie war 2019 Gründerin der Gießener Gruppe »Omas gegen Rechts«. In den 90ern hatte sie etliche TV-Auftritte als Psychoanalytikern. Zeitweise hatte sie eine eigene Sendung im HR. Die passionierte Pilotin sitzt seit über 30 Jahren im Cockpit, hat mehr als 1000 Flüge absolviert. Sie habe sich in einer Männerbastion behauptet, sagt sie heute. »Aber lustig war das nicht immer, denn die Fliegerei ist sehr technisch.« Ihr Erfolgsrezept: »Ich habe mich nicht einschüchtern lassen.«

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