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Die Gießenerin Anna Sidorenko wurde in der U11 und U12 Hessenmeisterin und ist als 15-Jährige trotz einjähriger Verletzungspause derzeit die 374 im deutschen Damentennis.

Tennis

Anna Sidorenko: »“Wie mich meine Verletzung geheilt hat“

  • Sven Nordmann
    VonSven Nordmann
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Der Moment, in dem Anna Sidorenkos Körper streikt und ihr Tennis- schläger aus der Hand fällt, wird zur Befreiung: Die Eltern der talentierten Gießenerin erkennen, welchen Druck sie ausgeübt haben.

Anna Sidorenko lässt ihren Tennisschläger an diesem Trainingstag im September 2020 unfreiwillig vor Schmerzen fallen - und den Druck damit zu Boden sinken. Ein knappes Jahr später, im Juni 2021, wird die junge Hessenmeisterin aus Gießen den schmerzvollen Moment als Erlösung betrachten, der ihr Leben zum Guten verändert hat: Der Tennisschläger wird nicht länger zur Belastung, sondern zur Befreiung.

»Ich war mir nie sicher, dass ich Tennis für mich mache«, sagt Anna Sidorenko auf der Anlage vom TC Rot-Weiß Gießen. »Ich habe mit fünf Jahren angefangen und ich hatte gar keine Möglichkeit, den Sport so richtig zu lieben. Ich habe ihn zur Hälfte geliebt - aber ich hatte immer den Druck von meinen Eltern, bei dem ich mir dachte: Boah, es nervt, ich kann das nicht mehr.«

Reflektiert und gestenreich: Die Gießenerin Anna Sidorenko im Gespräch mit dieser Zeitung.

Jetzt, sagt die 15-Jährige, jetzt, nachdem die Ärzte- und Physio-Tortur im Jahr 2020 überstanden ist und »ich im Winter gemerkt habe, wieviel mir Tennis bedeutet, weil ich es fast verloren habe«, jetzt »weiß ich, dass ich es zu 100 Prozent für mich mache.«

Die Liebigschülerin zählt zu Mittelhessens größten Sport-Talenten

Die Liebigschülerin zählt zu Mittelhessens größten Sport-Talenten - trotz ihrer fast einjährigen Verletzungshistorie steht die 15-Jährige auf Rang 374 im deutschen Damentennis. Sidorenko wurde in der U11 und U12 Hessenmeisterin, stand bereits im Viertelfinale der Deutschen Meisterschaften. Die Schnüre aber zieht sich im Jahr 2020 mit zunehmender Zeit zu.

Anna Sidorenko spielt seit ihrem 13. Lebensjahr in der Verbandsliga.

Der Traum der Gießenerin vom College-Tennis und einer zukünftigen Tour-Teilnahme als Profispielerin droht im Spätsommer 2020 zu platzen.

Jede Verletzung hat zu 50 Prozent auch einen psychologischen Hintergrund.

Jugendtrainer und Mentor Michael Carow, TC Rot-Weiß Gießen

»Krasse Ellenbogenschmerzen«, Tennisarm, Diskuseinriss, gelockerte Bänder - eine Diagnose alleine reichte nicht für die Beschwerden Sidorenkos und ihr Jugendtrainer und Mentor Michael Carow meint: »Jede Verletzung hat zu 50 Prozent auch einen psychologischen Hintergrund.« Streikte Sidorenkos Körper unter dem Druck?

Anna Sidorenkos Tour: Besuch bei vier Orthopäden, MRT-Nervenschnelltest, CO²-Bäder, Handtherapie

Was im Herbst 2020 folgte, waren der Besuch bei vier verschiedenen Orthopäden bzw. Sportchirurgen in Deutschland, MRT, Nervenschnelltest, CO²-Bäder, Handtherapie - »was Anna im letzten Jahr mitgemacht hat, ist eigentlich unmenschlich«, sagt Carow. »80 Prozent hätten das nicht mehr gemacht. Anna hat es dank ihres Charakters geschafft.«

Wir sind einfach nur glücklich, dass sie gesund ist. Sie soll das für sich machen.

Vater Alexander Sidorenko, ehemaliger Basketball-Nationalspieler

Nach mehreren Therapien und dem Wiedereinstieg mit druckreduzierten Bällen Anfang 2021 steigert die 15-Jährige ihr Pensum stetig - und wird in der U18 im Juni 2021 auf Anhieb wieder Bezirksmeisterin. Anna Sidorenko ist zurück - stärker als zuvor?

Meine Eltern sind zwei andere Menschen geworden.

Anna Sidorenko, 15, TC Rot-Weiß Gießen
Anna Sidorenko im Gespräch mit Sportredakteur Sven Nordmann.

»Ich bin freier geworden«, sagt die 1,85 Meter große Athletin. »Meine Eltern sind zudem zwei andere Menschen geworden« - »wir sind einfach nur noch glücklich, dass sie gesund ist. Sie soll das für sich machen«, sagt Vater Alexander Sidorenko auf der Anlage an der Grünberger Straße, während seine Tochter mit Vereinstrainer Abraham Ibrahim gelbe Filzkugeln über den Sandplatz jagt.

Anna emanzipiert sich gerade - das ist eine unfassbar wichtige Phase“

Michael Carow, Jugendtrainer und Mentor, TC Rot-Weiß Gießen

»Anna emanzipiert sich gerade - das ist eine unfassbar wichtige Phase«, sagt Mentor Carow. Disziplinierter, leidenschaftlicher, ausgeglichener - Sidorenko spricht über die Rolle von Eltern im Tennissport, ihre neu gewonnene Liebe und ihre innere Ruhe dank Meditation. Ein Gespräch mit einer äußerst reflektierten 15-Jährigen, die sagt: »Ich finde es nicht schlecht, dass ich diese schwierige Phase hatte. Die Verletzung hat mich gewissermaßen geheilt.«

Die Anlage vom TC Rot-Weiß Gießen.

Frau Sidorenko, nun sitzen Sie hier auf der Anlage von Rot-Weiß Gießen nach einer Trainingseinheit, ausgelastet und gesund - wie fühlen Sie sich?

Mir geht es gut, ich habe Spaß. Die Zeit mit den Beschwerden und dem Weg zurück, das war lang - ich habe Anfang 2021 nach sechs Wochen kompletter Ruhe mit druckreduzierten Bällen angefangen zu spielen. Als ich im März wieder auf die normalen Bälle umgestiegen bin, musste ich mich wieder viel schneller bewegen, viel schneller ausholen. Das war zu Beginn ein kleiner Schock für mich. Mittlerweile bin ich wieder in meinem Rhythmus.

Ich bin viel, viel disziplinierter geworden.

Anna Sidorenko, 15, TC Rot-Weiß Gießen

Wie haben Sie 2020 mit den Beschwerden und Behandlungen erlebt?

Wir wollten mit allen Mitteln versuchen, es zu schaffen - damit ich mir später nicht vorwerfe, dass ich nicht alles versucht habe, wieder Tennis spielen zu können. Dadurch hat sich an meiner Einstellung so viel verändert.

Was hat sich verändert?

Im letzten Sommer habe ich alles hinterfragt, ob ich das will: Meine Freunde sind länger unterwegs, machen am Wochenende etwas zusammen. Ich habe die Phase überstanden und meinen Blickwinkel geändert. Ich bin viel, viel disziplinierter geworden.

Ich verknüpfe das jetzt mit etwas Positivem.

Anna Sidorenko, 15, TC Rot-Weiß Gießen

Wie äußert sich das?

Ich habe meine Prioritäten verschoben. Ich gehe lieber um 20 Uhr ins Gym anstatt am Abend vorher eine Stunde länger draußen zu bleiben. Mein Montag sieht so aus, dass wir in der Liebigschule zwei Stunden Leichtathletik-Programm haben, danach gehe ich ins Gym, abends spiele ich Tennis und gehe danach manchmal noch ein paar Kilometer laufen. Ich verknüpfe das jetzt mit etwas Positivem.

Anna Sidorenko trainiert derzeit mit Abraham Ibrahim.

Inwiefern hängt das auch mit einer gelasseneren Einstellung Ihrer Eltern zusammen?

Meine Eltern sind durch diese schwere Zeit der Verletzung so anders geworden - sie machen mir keinen Druck mehr. Sie sind wie zwei andere Menschen geworden. Und mir macht es viel mehr Spaß. Ich freue mich aufs Training.

Was hat sich für Sie noch verändert?

Ich habe in dieser Zeit gelernt: Wenn ich viel investiere, kriege ich auch etwas zurück. Das war mir früher nie so klar.

Ich war meinen Eltern nie böse, aber es hat mich verletzt. Sich jede Woche im Auto anzuhören, dass ich schlecht gespielt habe - das schädigt das Selbstbewusstsein unfassbar.

Anna Sidorenko, 15, TC Rot-Weiß Gießen

Haben Sie Verständnis für die Erwartungen Ihrer Eltern gehabt?

Ich glaube, dass die Eltern meines Vaters (Alexander Sidorenko war kasachischer Basketball-Nationalspieler und lief für Zweitligist Bender Baskets Grünberg auf, Anm. d. Red.) nicht die Zeit hatten, ihn bei seiner Karriere zu unterstützen - er wollte das Gegenteil sein, aber er hat es übertrieben. Ich war ihnen nie böse, aber es hat mich verletzt. Sich jede Woche im Auto anzuhören, dass ich schlecht gespielt habe - und das, seit ich als Kind Tennis spiele. Das schädigt das Selbstbewusstsein unfassbar. Aber ich war immer selbstbewusst. Ich habe dadurch bloß die Leidenschaft am Tennis verloren. Meine Eltern haben das eingesehen und ich empfinde es als Stärke das einzusehen. Ich denke, ich habe das Ganze zum Teil jetzt verarbeitet.

Ich könnte diesen Sport niemals so machen, wären meine Eltern nicht.

Anna Sidorenko, 15, TC Rot-Weiß Gießen

Wie treten Sie aus dem Schatten heraus und vertreten Ihre Interessen?

Ich will bitte nicht, dass hier ein falscher Eindruck entsteht. Ich bin meinen Eltern dankbar - ich könnte diesen Sport niemals so machen, wären meine Eltern nicht. Dass sie 70 Euro für zwei Trainerstunden bezahlen, dass ich nach Offenbach zum Verband fahre, dass meine Schläger, meine Tasche, meine Schuhe, meine komplette Kleidung bezahlt werden, dass mein Gym bezahlt wird. Was meine Eltern für Kosten auf sich nehmen...deswegen haben sie vermutlich auch den Druck ausgeübt, weil sie gedacht haben: Wir investieren so viel in dich und du kannst nicht mal gewinnen. Aber wie gesagt: Das hat sich geändert und darüber bin ich sehr froh.

Anna Sidorenko sagt: „Eltern können auch zu entspannt sein. Ein bisschen schubsen und motivieren tut schon gut.“

Ihr Jugendtrainer David Billek sagt: »Es ist wichtig, dass Eltern die Schwankungen von Jugendlichen ausgleichen und sie dazu überreden, weiter zu machen.« Inwiefern empfinden Sie es auf der anderen Seite als hilfreich?

Eltern können auch zu entspannt sein. Ich glaube, es ist gut, wenn Eltern die Mitte finden. Du brauchst im Tennis einfach eine gewisse Unterstützung. Und du kannst nicht von einer Zehnjährigen erwarten, dass sie täglich laufen geht und freiwillig eineinhalb Stunden ins Training geht. Ein bisschen motivieren und schubsen tut schon gut.

Wie denken Sie heute, im Sommer 2021, über Tennis?

Tennis ist so ein großer Teil von mir. Seitdem ich fünf Jahre alt bin, ist Tennis an meiner Seite - so lange an meiner Seite steht nur eine einzige Freundin und meine Familie. Wenn mir jemand sagt: Lass das Training doch mal ausfallen, das ist doch nur ein bisschen Tennistraining, dann weiß ich sofort, dass diese Person mich nicht kennt. Dann platzt mir schon der Kragen. Ich reiße mir jeden Tag den Arsch auf, gehe müde ins Bett, habe Schmerzen - und dann sagt mir jemand: Das ist doch nur Tennistraining.

Du solltest immer ein Ziel haben, um zu wissen, worauf du hinarbeitest.

Anna Sidorenko, 15, TC Rot-Weiß Gießen

Haben Sie sich nach dieser fordernden Zeit Ziele gesetzt oder genießen Sie nun einfach das Spielen?

Du solltest immer ein Ziel haben, um zu wissen, worauf du hinarbeitest. Mein Ziel ist ein Stipendium am College in den USA - dafür hänge ich mich auch in der Schule rein. Es gibt einige College-Spieler, die Profis geworden sind. Kurzfristig geht es darum, dass ich richtig spielen will, dass ich sicherer auf dem Platz werde und mein Spiel finde. Dann werden Rangliste und Siege von alleine kommen.

Abraham Ibrahim war einst die 301 im ITF-Ranking und ist Vereinstrainer in Gießen.

Wer werden in den nächsten Jahren Ihre wichtigsten Begleiter sein?

Abraham (Ibrahim, Trainer, ehemalige 301 im ITF-Ranking, Anm. d. Red.) kennt diese Welt und hat an ihr geschnuppert. Meine Eltern werden immer meine Begleiter sein. Und mit Michael Carow kann ich immer über alles reden. Ich habe von ihm so viel gelernt, für das Tennis und für das Leben. Das hilft mir jetzt sehr.

Ich arbeite viel mit der Wim-Hof-Atmung - damit verbinde ich meine Meditationen.

Anna Sidorenko, 15, TC Rot-Weiß Gießen

Was haben Sie von ihm gelernt?

Michael hat mich zum Beispiel darauf gebracht, zu meditieren. Ich arbeite viel mit der Wim-Hof-Atmung - damit verbinde ich meine Meditationen, mache Yoga. Ich habe letztes Jahr das klare Bild vor Augen gehabt, dass ich wieder schmerzfrei spiele. Ich hatte das Gefühl, dass es die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass ich wieder spiele, wenn ich daran glaube. Und ich kann mich fokussieren - hier zum Beispiel auf das Zwitschern der Vögel, darauf, dass Aisana (Kojonazarova, Anm. d. Red.) gerade den Ball aufhebt. (lacht)

Anna Sidorenko meditiert regelmäßig: „Ich finde dadurch meist meine innere Ruhe.“

Wie hilft Ihnen die Meditation noch?

Ich finde dadurch meistens meine innere Ruhe, vor allem nach einem langen Tag. Mich wühlen Sachen schnell auf. Mein Körper ist oft müde, mein Kopf nicht - es hilft mir, das in Einklang zu bringen.

Sie wirken für Ihr Alter sehr reflektiert.

Das liegt auch an meiner Schwester Alice, die sieben Jahre älter ist als ich. Vor allem durch sie habe ich gelernt, weiterzudenken. Sie weiß absolut alles über mich und ich weiß: Meine Schwester wird immer die Person sein, die mich versteht.

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