htr_motorrueckblick-B_093_4c_2
+
Dicht an dicht stehen die Zuschauer bei der Rallye Lahn.

75 Jahre GAZ

Wehmütiger Blick zurück: Als Mittelhessen noch eine blühende Motorsportregion war

  • Ronny Herteux
    vonRonny Herteux
    schließen

Motorsport war in Mittelhessen ein Publikumsmagnet. Ein breites wie hochwertiges Spektrum hatten die Vereine im Angebot, überdies waren auch heimische Sportler weltweit aktiv und erfolgreich im Einsatz. Geblieben ist davon nur noch sehr wenig.

Motorsport in Mittelhessen, das war in früheren Jahren ein Fest für die ganze Familie, für die Clique. Frühmorgens wurden Campingstühle, der Fotoapparat und die Kühlbox eingepackt - und schon war der Sonntag gerettet. Denn beim MSC Beuern wurde die Crème de la Crème des internationalen Motocross-Sports auf dem Stirnbergring vorstellig: André Malherbe, Eric Goebers und Dave Thorpe bildeten seinerzeit ein legendäres Spitzentrio in der 500-ccm-Weltmeisterschaft und lockten über 15.000 Zuschauer in den kleinen Busecker Ortsteil. Motocross-Weltmeisterschaft war ein tagfüllendes Programm - heutzutage nicht mehr vorstell- und darstellbar. In einer Zeit, in der durch Reizüberflutung induzierte Konzentrationsschwächen ein persönliches Miteinander über Minuten oder gar Stunden hinweg offenbar immer seltener möglich machen.

Dutzende Helfer an den Renn-Wochenenden im Einsatz

Seinerzeit fertigte der aktive Zuschauer selbst Rundentabellen an, um den Überblick über das Renngeschehen zu behalten. Zwischenergebnisse ohne Transponder in Jetztzeit über Internet waren weder denk- noch vorstellbar. Die Zeiterfassung war Handarbeit - wem fällt da nicht sogleich der Name Harry Golemba ein -, und rund um die Veranstaltung war der ganze Verein vom Parkplatzeinweiser über den Streckenposten, das Bewirtungspersonal, Rennsekretäre bis hin zum Kassierer und Ehrengastbetreuer gefragt. Dabei steht natürlich der MSC Beuern symbolisch für das unglaublich große wie breite (einstige) Angebot der heimischen Region.

Publikumsmagnet: Motocross-Rennen auf dem Stirnbergring des MSC Beuern.

Motocross, dazu hatten auch der AMC Rodheim-Bieber, der AMC Langgöns oder der MSC Gießen und Wieseck traditionell über die Osterfeiertage geladen. Und meist waren viele motorsportferne Vereine aus dem Dorf in der Helferrolle beteiligt, während heutzutage mehr und mehr über fehlenden Nachwuchs und fehlendes Engagement geklagt wird.

Weltmeister Walter Röhrl als Vorausfahrer bei der Rallye Lahn als Publikumsmagnet

Mittelhessen war auch eine Rallye-Hochburg. Die Rallye Lahn lockte zur Abschluss-Wertungsprüfung ins Gießener Industriegebiet West unter Flutlicht Tausende Rallye-Anhänger, selbst Weltmeister Walter Röhrl ließ es sich nicht nehmen, im schnellen Vorauswagen bei den Fans Begeisterungsstürme hervorzurufen. Die Limes-Rallye, die Vogelsberg-Rallye, die Rallye Lahn-Dill, die Hinterland- und Vogelsberg-Rallye und nicht zuletzt die Hessen-Rallye, der Rallye-Central-Cup, der Lahn-Pokal und die Ori-75-Serie zeugen von einer breiten Vielfalt. Und selbst die Rallye Monte-Carlo machte Station in Hessen, damals, als noch Sternfahrten die Teilnehmer zum eigentlichen Startpunkt nach Südfrankreich führten - von Bad Homburg aus.

Aber auch die aktiven Rallyefahrer lieferten stets Gesprächsstoff, nicht nur für die Insiderszene. Michael Gerber, Erich, Stefan und Michael Uhl, Markus Moufang, Eberhard Kromm, Udo Schiffmann und Rainhard Hainbach - um nur einige Namen zu nennen. Wolfgang Inhester gewann 1980 als Beifahrer zusammen mit Achim Warmbold sogar die deutsche Meisterschaft.

Erinnerungen an die Helden vergangener Tage

Publikumsmagnete waren in früheren Jahren auch das Rallyecross in Stadtallendorf, die Grasbahnrennen beim MSC Angenrod, das Speedway-Wochenende in Homberg/Ohm oder das Dünsberg-Bergrennen zwischen Blasbach und Hohensolms.

Viele Erfolge haben die heimischen Motorsportler gefeiert, unvergessen der allzu früh verstorbene Stefan Bernhardt vom AMC Rodheim-Bieber, der als zweimaliger deutscher Enduro-Meister sowie zweifacher Mannschafts-Vizeweltmeister Herausragendes geleistet hatte. In seinem Sog fuhren auch Thomas Gerlach und Berndt Raabe einige Erfolge ein.

Beim Motocross fallen einem sofort die Namen Andreas Boller (AMC Langgöns), aber auch Markus Becker und Jens Hainbach (beide MSC Beuern) ein, die besonders in Jugendzeiten ihre Heimat bundesweit hervorragend vertraten. Oder das Seitenwagen-Duo Markus Hohler/Carsten Leib, das auch WM-Punkte mit nach Krofdorf-Gleiberg brachte. Apropos Weltmeisterschaft: In den 60er und 70er Jahren sicherten sich die Gespannfahrer Klaus Enders/Ralf Engelhardt aus Wetzlar mehrfach den WM-Titel auf Asphalt.

Prominente Gäste auf der Kartstrecke des KV Oppenrod

Motorsport in Mittelhessen, das war noch vor der Jahrtausendwende auch Verkehrserziehung für die Jüngsten im Tretcar- und Kart-Slalom-Pokal. Vom Kart ist es nicht weit zum KV Oppenrod, den Herbert Diehl von 1979 bis 2001 als Vorsitzender führte, wobei seine Werkstatt in früheren Jahren quasi ein Teil der Rennstrecke darstellte. Herbert Diehl selbst, Rolf Diehl und Hans Helmut Haas fuhren für den KV Oppenrod Erfolge ein, Thorsten Walz, Karsten Lehmann-Born, Dirk Friedrich und Thomas Rabe hatten ebenfalls die KVO-DNA in ihrem »Rennblut«. Rennfahrende Gäste in Oppenrod waren auch Michael und Ralf Schumacher, David Coulthard, Bernd Schneider, Timo Scheider und Pascal Wehrlein sowie »Schumi II«, also Mick Schumacher, der nun seinem Vater in die Formel 1 gefolgt ist.

1971 war ein junger Gießener zusammen mit seinem Bruder Georg in den Kart-Verein eingetreten, gewann in seinem zweiten Jahr bereits sieben Rennen und wurde 1980 Deutscher Kart-Meister. Die Rede ist natürlich von Stefan Bellof, den seine Karriere über Formel Ford, Formel Super V und Formel 3 bis in die Formel 2 und 1984 sogar in die Königsklasse führte. Und in diesem Jahr gewann der Gießener sogar die Langstrecken-WM, allerdings sollte nur ein Jahr später am 1. September 1985 ein Start beim 1000-km-Rennen Bellofs Leben jäh beenden: Der amtierende Weltmeister kollidierte beim Überholversuch in der Kurve Eau Rouge mit Jacky Ickx und prallte in die Leitplanken. Vermutlich war der 27-Jährige auf der Stelle tot und nicht wie offiziell mitgeteilt erst im Krankenhaus verstorben.

Unvergessen: Stefan Bellof 1984 beim Formel-1-Rennen in Monaco mit dem Tyrrell in den Häuserschluchten von Monte Carlo unterwegs.

Neben Stefan Bellof weitere Formel-1-Fahrer aus der Region

Der 1910 in Gießen geborene Karl Kling startete 1954 in der Formel 1 und war bei Mercedes Teamkollege des fünfmaligen Weltmeisters Juan Manuel Fangio. Legendär war sein Sieg bei der Carrera Panamericana 1952, einer 19 Stunden dauernden Fahrt durch Mexiko. Kling verstarb 2003.

Formel-1-Luft schnupperte auch Dieter Gass als Chief Race Engineer bei Toyota, später war er als Head of Audi Motorsport auch für die DTM-Performance bei Audi zuständig, sein Motorsportverständnis verdiente sich der Langgönser einst als Rennfahrer, unter anderem als R5-Cup-Pilot.

Und nicht zu vergessen der siebenfache Auto-Cross-Europameister Willi Rösel, der mit seinem Untersatz Marke Eigenbau auch im damaligen Ostblock viele Anhänger hatte.

Hatte der Motorsport einst einen festen Platz, ist er inzwischen an den Rand gedrängt und führt im Vergleich zu früher nur noch ein Schattendasein. Neue Wege ist u. .a. der AMC Rodheim-Bieber als Veranstalter von Mountainbike-Rennen gegangen, oder der MSC Horlofftal mit Oldtimer-Ausfahrten. Vielleicht weist auch die E-Mobilität in die derzeit eher ungewisse Zukunft des Motorsports.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare