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Achterbahnfahrt der Gefühle

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Von: red Redaktion

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Wetzlars neues Gesicht im Tor: Gennadiy Komok fokussiert sich auf den Siebenmeter von Magdeburgs Omar Ingi Magnusson. Insgesamt hält er im letzten Bundesliga-Spiel gegen Magnusson zwei von drei Strafwürfen. © Oliver Vogler

(jl). Gennadiy Komok erlebt aktuell eine Achterbahn der Gefühle. Vor dem Krieg in seiner Heimat Ukraine ist der Handball-Nationaltorhüter geflüchtet, jetzt spielt der 34-Jährige bis Ende Juni 2022 für die HSG Wetzlar und erlebt einen besonderen Start in die Bundesliga.

Nachdem Wetzlar letzte Woche den Transfer des Torhüters vom ukrainischen Spitzenclub HC Motor Saporoschje bekannt gab, begann der Arbeitstag für den zweifachen Familienvater am Sonntag im Topspiel gegen Tabellenführer SC Magdeburg zunächst auf der Bank der HSG - mit der Nummer 55 auf dem Rücken. Diese trägt Komok auch bei seinem ukrainischen Club Motor Saporoschje als auch der Nationalmannschaft. »Meine Lieblingsnummer ist die Nummer Fünf, also bringt eine doppelte Fünf auch besonders viel Glück«, erklärt der 34-Jährige.

Schon nach fünf Spielminuten pfiffen die Unparteiischen Siebenmeter für die Gäste und Komok betrat unter dem Jubel der über 4000 HSG-Fans die Platte. Der Torhüter ist für seine Siebenmeterparaden bekannt. In der Champions League hielt er im September 2021 sechsmal gegen Vive Kielce. Diese Qualitäten zeigte er auch gegen Magdeburgs Torjäger Omar Ingi Magnusson und entschärfte den Wurf mit dem rechten Bein. Auch den nächsten Siebenmeter der Magdeburger parierte Komok. Seinen sportlichen Einstand für die Grün-Weißen honorierten die Zuschauer mit tosendem Applaus. Im zweiten Durchgang löste Komok Till Klimpke zeitweise zwischen den Pfosten ab, konnte die HSG-Niederlage gegen das Topteam der Liga aber auch nicht verhindern.

Im europäischen Spitzenhandball ist der Ukrainer kein Unbekannter. Seit 2015 läuft er für den HC Motor Saporoschje auf, gewann dabei zwölf Meistertitel und holte sechs Pokalsiege. Auch auf internationalem Parkett zeigte er regelmäßig gute Leistungen in der Champions-League, so auch Anfang Dezember, als er die Angreifer der SG Flensburg-Handewitt mit einer Quote von 42 Prozent gehaltener Bälle zur Verzweiflung trieb.

Als sein Team am 24. Februar vom Champions-League-Spiel beim polnischen Klub Vive Kielce zurückkehrte, wurde der Flughafen in Saporischschja plötzlich gesperrt. Der beginnende Krieg zwang Komok, seine Heimat zu verlassen, gemeinsam mit der ukrainischen Nationalmannschaft und seiner Familie gelang ihm der Weg über Ungarn und Österreich nach Großwallstadt. Komoks Eltern befinden sich noch in der sechstgrößten Stadt der Ukraine. »Ich mache mir große Sorgen um die Menschen, die noch da sind. Es ist der Horror«, so der Torhüter.

In Großwallstadt absolvierte die ukrainische Nationalmannschaft dank eines Sondererlasses des Sportministeriums ein Trainingslager und trat in mehreren Benefizspielen an. Unter anderem am 1. April in der Sporthalle Dutenhofen im »Handballspiel für den Frieden« gegen die HSG Wetzlar. Dabei machte der 34-Jährige auf sich aufmerksam und die Verantwortlichen der Domstädter verpflichteten den Torhüter kurzfristig, unter anderem weil sich Wetzlars eigentlicher Gespannpartner von Till Klimpke, Anadin Suljakovic schwer am Knie verletzte und durch den kurzfristigen Wechselwunsch von Kreisläufer Tomislav Kusan nach Katar finanzielle Mittel für den Transfer frei wurden.

Seit vergangenem Donnerstag ist Komok nunmehr mit seiner Frau Katerina, seiner neunjährigen Tochter Kseniia und seinem fünfjährigem Sohn Kyrylo in Mittelhessen. Dabei verständigt er sich mit seinen neuen Mannschaftskameraden noch mit »Händen und Füßen« und Übersetzungsapps. Torwarttrainer Jasmin Camdzic spricht einige Worte russisch, wodurch die Verständigung vereinfacht wird. Till Klimpke freut sich über die zukünftige Zusammenarbeit: »Gennadiy hat viel Erfahrung und in der Champions League gespielt. Ich kann mir noch mehr von ihm abgucken als er von mir. Er hat sich super eingelebt und ist ein Top-Mann.«

Familie Komok hat inzwischen eine Wohnung in der Wetzlarer Altstadt bezogen und freut sich auf etwas Normalität, während die Gedanken im Heimatland sind.

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