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Abschluss hat faden Beigeschmack

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Von: Frank Drill

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Das war’s: Die Schach-Saison 2019/2020 ist am Wochenende beendet worden. SYMBOLFOTO: IMAGO © Imago Sportfotodienst GmbH

(fjd). Nach knapp 18-monatiger Unterbrechung kam die Anfang März 2020 unterbrochene Schach-Punktrunde der überregionalen hessischen Spielklassen zu ihrem Abschluss. Die beiden noch fehlenden Spieltage wurden am ersten September-Wochenende in Form einer Doppelrunde ausgetragen, wobei das Wort »ausgetragen« in Klammern gesetzt werden sollte.

Addiert man alle 70 angesetzten Paarungen zwischen Hessenliga, den Verbandsligen und den vier Landesklassen zusammen, so fand lediglich in 27 Fällen tatsächlich ein Wettkampf statt, was einer Quote von 38,5 Prozent entspricht. Hingegen kam es in 39 »Begegnungen« zu keiner samt nachfolgender Wertung »8:0 kampflos«, in vier weiteren Fällen wurde ein 4:4-Unentschieden entweder bereits im Vorfeld vereinbart oder die Partien nach wenigen Alibizügen kollektiv für Remis erklärt.

Rückwirkend betrachtet wäre das sportliche Ergebnis bei Wertung der mit Stand März 2020 abgebrochenen Saison vermutlich korrekter ausgefallen. Stattdessen rutschten in einigen Fällen Mannschaften auf einen direkten Abstiegsplatz, deren direkte Konkurrenten in den Genuss von 16 Brettpunkten und vier Mannschaftspunkten kamen, ohne dafür einen Bauern am Brett auch nur berühren zu müssen. Einziger Trost dürfte sein, dass die Ermittlung der jeweiligen Meister und Aufsteiger sportlich korrekt vonstattenging.

Hessenliga: SK 1858 Gießen - SV Griesheim II 8:0 kampflos: Der südhessische Vertreter hatte bereits zuvor seinen Rückzug aus der Hessenliga angekündigt und plant, die Mannschaft komplett aufzulösen.

Hessenliga: SK Bad Homburg - SK 1858 Gießen 4:4: Um Meisterschaft und Oberliga-Aufstieg unter Dach und Fach zu bringen, benötigte der Spitzenreiter aus der Kurstadt ein 4:4 gegen den Ligafünften SK Gießen, musste dafür aber härter arbeiten als ihm lieb war. Zu Wettkampfbeginn deutete wenig auf eine Gegenwehr der Mittelhessen hin, die nicht nur das zweite Brett kampflos abgaben (Peter Rudolph war beruflich verhindert), sondern darüber hinaus auch an gleich vier Brettern Kurzremisen vereinbarten (3:2). Gekämpft wurde demzufolge nur an den Brettern 5-7, wo sich Gießen gegen die bereits in Feierlaune befindlichen Bad Homburger Kontrahenten Stellungsvorteile erarbeiten konnte.

Holger Burkhardt (Brett 7) nutzte gegen Ramat Faqirys Alt-Benoni (1. d4 c5 2. d5 e5 usw.) in der betonierten Stellung den Raumvorteil zu einem Doppelangriff auf Turm und Läufer und gab im weiteren Verlauf die eroberte Qualität zugunsten eines technisch gewonnenen Endspiels zurück. Nachdem sich alle Dauerschach-Hoffnungen zerschlagen hatten, musste der afghanische Spieler die Waffen strecken.

Brettnachbar Thomas Sunder hatte bereits zuvor durch feine Manöver ein günstiges Doppelturmendspiel mit beiderseits einer Leichtfigur erzwungen. Widerpart Ralf Nagelsdiek, dessen Springer auf der Grundreihe gefesselt war, blieb bei reduziertem Material nahezu bewegungsunfähig, sodass der Freibauer des Gießeners Siebenmeilenstiefel bekam (3:4).

Nun war plötzlich Bad Homburg unter Zugzwang und musste die letzte Partie zwischen Jens Bahlo (Gießen) und Richard Kaiser unbedingt gewinnen. Letztgenannter hatte aus der Pirc-Verteidigung heraus seine Schwerfiguren auf der offenen c-Linie platziert und die Kontrolle des Damenflügels zu einem Figurengewinn genutzt. In der Zeitnotphase kam der Gießener jedoch am Königsflügel zu starkem Gegenspiel, sodass Kaiser einen ganzen Turm ins Geschäft stecken musste, um den Kollaps zu verhindern. In schwer einzuschätzender Position beging Bahlo dann im 55. Zug den entscheidenden Fehler, wodurch der Nachziehende per Qualitäts-Scheinopfer auf f3 Material erbeuten konnte (4:4).

Biebertal feiert Liga-Erhalt

Verbandsliga Nord: In Hessens zweithöchster Spielklasse geriet die Ansetzung der beiden finalen Runden zur totalen Farce. Sieben von zehn Begegnungen wurden kampflos entschieden. Einzig der SK Niederbrechen und der SV Oberursel II, die um den zweiten Tabellenplatz buhlten, zeigten ernsthaftes Interesse an der Durchführung. Der aufgrund seines Fünf-Punkte-Vorsprungs bereits als Meister feststehende Spitzenreiter Sfr. Emstal/Wolfhagen (zuvor 14:0 Punkte) ließ sich ebenso wenig am Schachbrett blicken wie Schlusslicht SC Gelnhausen (zuvor 1:11 Punkte).

Somit hätte es der beiden kampflosen 8:0-Erfolge der Biebertaler Schachfreunde (zuvor 2:12 Punkte), die somit den vorletzten Tabellenplatz verteidigten, gar nicht mehr bedurft. Da Hessenliga-Absteiger SV Griesheim II auf seinen Verbandsliga-Tabellenplatz verzichtet hatte, bedeutet der neunte Platz für Biebertal sogar den direkten Klassenerhalt.

Wieseck sorgt für Überraschung

Landesklasse West: Auch hier fand im Grunde kein Wettbewerb mehr statt, obwohl vor der finalen Doppelrunde sowohl die Aufstiegs- als auch die Abstiegsfrage noch völlig ungeklärt war. Meister SV Wiesbaden II schenkte am Samstag die vermeintliche Top-Begegnung beim einzigen Verfolger SSG Hungen/Lich (zuvor 11:3 Punkte) ungeniert ab - im Wissen, dass die Sonntagspartie gegen den Lokalrivalen FC Bierstadt aufgrund des Nichtantretens von Bierstadt ebenfalls nicht stattfinden wird. Zu den wenigen zur Austragung gekommenen Wettkämpfen gehörte das Mittelhessen-Derby zwischen den Wiesecker Schachfreunden und der SSG Hungen/Lich, welches die Gießener etwas überraschend mit 5:3 für sich entschieden und sich somit in der Abschlusstabelle auf Rang fünf verbesserten. Absteigen müssen die beiden Neulinge Rochade Diez und der FC Bierstadt und der SK Marburg III (da die der Landesklasse West zugeordneten Sfr. Erbach das Relegationsspiel der Verbandsliga Süd beim SK Gernsheim II mit 3,5:4,5 verloren hatten und damit in der Verbandsliga Süd Letzter wurden).

TuS Dotzheim II - Sfr. Wieseck 4:4: Da beiden noch jeweils ein Mannschaftspunkt zum sicheren Klassenerhalt genügte und Wieseck zudem Kraft für die Sonntagspartie gegen die SSG Hungen/Lich sparen wollte, wurden nach einer knappen Stunde alle noch laufenden Partien kollektiv Remis gegeben.

Sfr. Wieseck - SSG Hungen/Lich 5:3 : Die SSG, die bis auf Oldie Gerhard Orwatsch in voller Kapelle angetreten war, lehnte - mit dem Selbstbewusstsein der neuerlichen Vizemeisterschaft ausgestattet - ein friedliches 4:4 ab. Umso überraschender, dass es gegen einen ohne die Stammkräfte Heinrich Repp, Markus Schachl und Klaus Henzelmann stark ersatzgeschwächten Wiesecker Achter wie schon in der Vorsaison nichts zu holen gab. Als matchentscheidend erwies sich der Partieausgang am achten Brett, wo Wiesecks Roland Krahnke im Dreispringerspiel gegen den scharf attackierenden Hungener Nachwuchsspieler Silas Hölß zunächst keine gute Aufstellung fand und infolge eines Einschlags auf dem Feld f2 um einen Bauern erleichtert wurde. Statt sich mit dem kleinen Materialübergewicht zufriedenzugeben und die Stellung zu beruhigen, goss der Hungener mit der Wegnahme eines zweiten Bauern unnötig Öl ins Feuer. Widerpart Krahnke ließ sich nicht zweimal bitten, verdoppelte seine Türme auf der dadurch geöffneten h-Linie, was in der Folge in einen Figurengewinn gipfelte. Ein Vorteil, den der Wiesecker im Endspiel mit Turm, Läufer und einem Bauern gegen Turm plus zwei Bauern durch präzises Spiel zum vollen Punkt verwertete.

Vorausgegangen waren drei schnelle Punkteteilungen an den Wiesecker Weißbrettern zwei, vier und sechs, während sich Steffen Reichmann als Nachziehender gegen den Hungener Positionsspieler Christoph Soppa etwas strecken musste, um aus dem Leningrad-Holländer heraus im späten Mittelspiel das Remis zu erzwingen. Ersatzmann Kurt Möller war es vorbehalten, mit den schwarzen Steinen die Hausherren mit 3:2 in Führung zu bringen. Hungens Marco Hofmann hatte etwas überoptimistisch einen Offizier gegen zwei Bauern ins Geschäft gesteckt, der angedachte Angriff blieb allerdings im Ansatz stecken. Routinier Kurt Möller transferierte den Vorteil der Mehrfigur in ein elementar gewonnenes Bauernendspiel mit Mehrbauer.

Einzig das Spitzenbrett wurde zur Beute des Tabellenzweiten, wo Hungens Fide-Meister Gerd Euler im offenen Paulsen-Sizilianer am Damenflügel starkes Druckspiel entfaltete, sodass Widerpart Andreas Muth notgedrungen einen Zentralbauern opferte, um zumindest kurzzeitig etwas Luft zu schnappen. Euler blieb davon unbeeindruckt, überführte vielmehr seine schweren Bataillone einige Felder weiter rechts zum Königsflügel, wo er einen unparierbaren Mattangriff inszenierte (3:3).

Als dann Brett sieben zugunsten Wiesecks kippte war die Überraschung perfekt. Den Endstand zum 5:3 besorgte Helmut Waldrich, dessen Turmendspiel mit Mehrbauern zunächst in der Remisbreite schien, ehe sich Hungens Manuel Hölß den eigenen König abklemmen ließ und Waldrichs Freibauer somit zur Umwandlung kam.

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