46ers verspielen einen 18-Punkte-Vorsprung

Gerald Wasshuber blickte ungläubig in Richtung Anzeigetafel. Der Co-Trainer der LTi Gießen 46ers konnte und wollte es einfach nicht fassen, was ihm da in großen roten Zahlen entgegensprang. Die 89:93-Niederlage im Kellerduell gegen die Giants Düsseldorf hätte nicht sein brauchen.

Die "Giganten" lagen nach einem Dreier von Johannes Lischka in der 14. Minute bei der 40:22-Führung der Gießener schon am Boden, doch eine fast fünfminütige Feldkorbflaute und der daraus resultierende 15:3-Lauf der Düsseldorfer brachte sie wieder zurück ins Spiel, das von diesem Zeitpunkt an ein offener Schlagabtausch war. Für die 46ers blieb der erhoffte Befreiungsschlag vor 3270 erwartungsfrohen Zuschauern in der Osthalle aus, die Negativserie, die augenblicklich auf sieben Niederlagen in Folge angewachsen ist, wurde nicht gestoppt. Der mittelhessische Erstligist bleibt auf dem vorletzten Tabellenplatz der Basketball-Bundesliga kleben und hat nun noch 13 Spiele Zeit, um den drohenden Abstieg zu vermeiden.

Letztlich waren zwei Dinge entscheidend, warum das so dringend benötigte Erfolgserlebnis nicht realisiert wurde: die Anzahl der Turnovers und die über die gesamte Partie hinweg gesehene Abwehrleistung. Die 46ers leisteten sich 16 Ballverluste, der Tabellen-15. vom Rhein nur fünf. Und in der über das ganze Spiel praktizierten Mann-gegen-Mann-Verteidigung sahen die Gießener meist die Hacken ihrer Gegenspieler. Vor allem der quirlige Bobby Walker und der ebenfalls mit einem schnellen ersten Schritt ausgestattete Marc Carter bewiesen ihre Klasse im Eins-gegen-Eins.

Doch nicht nur in diesem Bereich waren sie ihren Gegenübern im Vorteil - auch von der Dreipunktelinie trafen sie fast nach Belieben. So schenkte Carter den 46ers vier von sechs Dreiern ein, und Walker setzte mit fünf von sieben noch einen drauf. Da zudem der nicht als Distanzschütze geltende Zack Whiting (2/2) ebenfalls Gefallen am Wurf jenseits der 6,25-m-Linie gefunden hatte, sich Brendan Winters, Brant Bailey und Jonathan Cox (jeweils ein Treffer) ihm anschlossen, waren die Giants beim Wurf aus weiter Entfernung breit aufgestellt und brachten die 46ers damit gehörig in die Bredouille. Die Gießener Guards mit Maurice Jeffers, Lorenzo Williams, Max Weber und der bei seinem Debüt im Angriff eine tolle Vorstellung abliefernde Osvaldo Jeanty schafften es nicht, den Backcourt zu kontrollieren. Sie ließen ihren Widersachern zu viel Platz beim Wurf, waren in ihrem Defenseverhalten nicht aggressiv genug.

"Wenn ein Gegner fast so viele Dreier wie Zweier trifft, dann kann man so ein Spiel noch verlieren. Ich verstecke mich nicht gerne hinter Statistiken, aber bei Düsseldorf sind auch Spieler (gemeint sind Whiting und Carter) auf starke Dreierquoten gekommen, die in dieser Saison bis dato etwas mehr als 20 Prozent ihrer Dreier getroffen hatten. Darauf kann man sich nur schwer vorbereiten", konstatierte 46ers-Headcoach Vladimir Bogojevic. Eine Veränderung in der Defense vorzunehmen, sei für ihn bei den starken und wurfgefährlichen Eins-gegen-Eins-Spielern nicht in Frage gekommen. Eine Druck ausübende 3-2-Zone wäre zumindest ein probates Mittel gewesen, um die Giants vor eine neue Aufgabe zu stellen und die "Schützen" in andere Positionen zu zwingen.

Dabei fing alles so gut an. Nach Anlaufschwierigkeiten kamen die 46ers im Angriff schnell in Tritt, spielten schnell nach vorne und trafen hochprozentig - allen voran Williams, Jeffers und Elvir Ovcina, der in seinem Heimdebüt seine Klasse unter dem Korb bewies. Über die Stationen 19:9 (7., Ovcina-Freiwürfe) und 24:12 (Jeanty-Dreier) besiegelte der "Mann für den letzten Wurf", Williams, die komfortable 30:17-Führung. Jeanty legte im zweiten Viertel gleich nach und erzielte fünf Punkte in Folge, eine gewisse Sorglosigkeit machte sich auf dem Feld und auf den Rängen breit.

Doch nach einer Auszeit von Giants-Coach Achim Kuczmann (22:40, 15.) starteten die Gäste aus der Karnevalshochburg bis zum Viertelende einen Zwischenspurt, der die 46ers ins Grübeln brachte und den Düsseldorfern enormen Auftrieb gab. In dieser wichtigen Phase hatte man das Gefühl, dass die mit Stevan Tapuskovic, Weber, Joe Werner, Jeanty und Ovcina ungewöhnlich besetzte Formation nicht unbedingt harmonierte.

Mit der Startaufstellung Ovcina, Jeffers, Williams, Johnson und Weber ging es nach dem 48:37-Halbzeitstand in den dritten Abschnitt. Großartige Verbesserung trat aber nicht ein. Die 46ers wirkten überheblich, verließen sich zu sehr auf ihre Angriffsqualitäten und vergaßen dabei, Carter und Walker, die einen Dreier nach dem anderen einstreuten, zu verteidigen. Innerhalb von sechs Minuten kippte die Partie, beim 57:59-Rückstand war Bogojevic gut vier Minuten vor dem Viertelende gezwungen, eine Auszeit zu nehmen, die zur Folge hatte, dass sein Team mit 66:65 in den finalen Durchgang starten konnte. Der entwickelte sich zu einer reinen Nervensache. Zwar verlor der zeitweise neben sich stehende Weber - und an dem Bogojevic zu lange festhielt - zweimal den Ball, doch seine Nebenleute bügelten die Fehler wieder aus und blieben nach einem Tip-Dunk von Johnson dran (75:76, 35.

). Die von Düsseldorf in die Waagschale geworfene Zone verursachte bei den 46ers ein Durcheinander. Es war kein klares System gegen die Ball-Raum-Verteidigung zu erkennen. Getroffene Dreier von Ovcina und Jeanty hielten die Mittelhessen im Spiel (81:83, 38., 84:85, 39., 89:91, 40.), die aber insgesamt zu wenig Druck in der Defense aufbauten, um die nun verstärkt den Korb attackierenden Walker und Co. ernsthaft zu gefährden. Bezeichnend dafür war, dass "Mo" Jeffers bei einer Einsatzzeit von über 36 Minuten sein erstes Foul kurz vor dem Schlusspfiff beging.

"Wir müssen uns durch eine gute Arbeit im Training wieder aufbauen. Wir brauchen dringend ein Erfolgserlebnis. Das Potenzial steckt in der Truppe. Wir sind in der Lage, eine Serie zu starten", versprühte Bogojevic Zwecksoptimismus. Am Freitag gastieren die 46ers in Bremerhaven, beim Rangzweiten. Vielleicht schaut dann Co-Trainer Wasshuber wieder ganz ungläubig in Richtung Anzeigetafel, aber mit dem besseren Ende für die LTi Gießen 46ers. Wolfgang Gärtner

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