46ers bieten Meister lange Zeit Paroli

Mehr Energie und eine intensive Verteidigung der Zone hatte Gießens Trainer Vladimir Bogojevic von seinem Team nach der ernüchternden Niederlage in Quakenbrück gefordert. Die Spieler scheinen den Appell ihres Coaches verstanden zu haben. Lange Zeit durften die abstiegsbedrohten LTi 46ers am 29. Bundesliga-Spieltag von der Sensation träumen - einem Sieg beim Deutschen Meister in Oldenburg. Aber letztlich setzte sich Oldenburg mit 58:48 (33:23) durch.

Den ersten Abschnitt begannen die Mittelhessen deutlich couragierter als die favorisierten Oldenburger. Der Meister ließ in der Defensive die Intensität, in der Offensive die Treffsicherheit vermissen. Immer wieder bekamen die aufopferungsvoll kämpfenden Gießener im entscheidenden Moment noch eine störende Hand an den Ball. Im Gegenzug hätten sie bei einer konsequenteren Ausnutzung ihrer Chancen zur ersten kurzen Pause sogar um einiges deutlicher als mit 15:14 führen können. Überzeugend in dieser Phase war vor allem Kevin Johnson. Er war nach wenigen Minuten für den schnell mit zwei Fouls belasteten Jannik Freese ins Spiel gekommen und zeigte mit einigen trockenen Würfen gleich mal, dass die Hessen sich nicht mit der Rolle des Sparringspartners zufrieden geben wollten, sondern den vierten Auswärtssieg der Saison anstrebten.

Die gute Leistung der Gießener fand im zweiten Viertel zunächst ihre Fortsetzung, auch wenn die Oldenburger nun um einiges aggressiver zu Werke gingen. Ein spielerischer Unterschied zwischen dem Meisterschaftsaspiranten und den gegen den Abstieg kämpfenden "Langen von der Lahn" war in keiner Minute der Begegnung erkennbar. So gelang es den Niedersachsen erst zum Ende dieses über weite Strecken ausgeglichen verlaufenen Spielabschnitts, sich dank des sicheren Dreierschützen Joshua Carter ein wenig abzusetzen. Beim Halbzeitstand von 33:23 für Oldenburg wurden die Seiten gewechselt. Die mitgereisten Fans der Gießener waren weiterhin guter Dinge und unterstützten ihre Mannschaft lautstark.

Die 46ers mussten übrigens wie erwartet ohne ihren sich mit muskulären Problemen plagenden Center Elvir Ovcina auskommen. Der bosnische Topscorer hätte liebend gern gegen seinen früheren Verein gespielt, bei dem er zwischen 2001 und 2004 aktiv war, nahm aber doch in Zivil auf der Bank Platz. "Er wird in den kommenden Spielen für uns zu wichtig sein, als dass wir hier etwas riskieren wollten", sagte Gießens Trainer Vladimir Bogojevic nach dem Ende der Partie. Die Frage, ob mit einem gesunden Ovcina sogar mehr möglich gewesen wäre, bleibt hypothetisch.

Bogojevic jedenfalls gewann dem Fehlen des Centers sogar eine positive Seite ab: "Vielleicht hat uns das ein bisschen enger zusammenrücken lassen."

Auch ohne die zuletzt so starke Neuverpflichtung kamen die Gießener wesentlich wacher und zielstrebiger als ihr Kontrahent aus der Kabine. Der Trainer schien in seiner Halbzeitansprache die richtigen Worte gefunden zu haben. Der Rückstand zur Pause jedenfalls war schnell aufgeholt. Nach einem spektakulären 14:2-Lauf übernahmen die durch den bärenstarken und zum Schluss mit 16 Punkten erfolgreichen Lorenzo Williams angetriebenen 46ers zwischenzeitlich wieder die Führung (37:35). Den zuvor sieben Mal in Folge ungeschlagenen Oldenburgern dagegen fiel erstaunlich wenig ein. Spielmacher Jason Gardner war völlig aus dem Spiel genommen, Rickey Paulding konnte ebenfalls kaum entscheidende Akzente setzen. So war es allein dem agilen Je’Kel Foster zu verdanken, dass der Meister beim letzten Zwischenstopp knapp mit 42:39 in Führung lag. Für die Gießener war noch alles drin.

Wer geglaubt hatte, sie würden im finalen Viertel einbrechen, sah sich getäuscht. Im Gegenteil: Beide Teams begegneten sich weiterhin auf Augenhöhe. Dabei blieben gelungene Offensivaktionen Mangelware. Harte Defensivarbeit stand bei diesem zähen Ringen im Vordergrund. Quälend lange fünf Minuten lang ging auf beiden Seiten kein Ball durch die Reuse. Die 46ers hielten die gefürchteten Oldenburger Distanzschützen weiter unter Kontrolle und ließen bei insgesamt 30 Versuchen von jenseits der Dreierlinie nur sieben Treffer zu. So lagen sie eine Minute vor der Schlusssirene lediglich mit drei Punkten zurück - und durften noch immer von einer Überraschung träumen. Dass es am Ende nicht ganz zum großen Coup reichte, lag in erster Linie an der Routine des Meisters, der zwei frühe Ballverluste der Gießener provozierte. Hinzu kamen ein unsportliches Foul des etwas zu ungestümen Maurice Jeffers und Jason Gardner, der dann doch noch einen Dreier versenkte. Als die Spielzeit abgelaufen war, stand es 58:48 für die Oldenburger. Sie nahmen damit in einem der punkteärmsten Spiele des Jahres Revanche für die 73:78-Niederlage im Hinspiel.

Bogojevic zeigte sich nach dem Spielschluss gut gelaunt und ärgerte sich allein über Gardners späten Treffer: "Er hätte natürlich nicht mehr so frei zum Wurf kommen dürfen, da fehlte es uns an Cleverness." Grundsätzlich war der Trainer mit der Defensivleistung seiner Schützlinge aber zufrieden. "Wenn man gegen den Champion in dessen Halle weniger als 60 Punkte zulässt, dann hat man wohl vieles richtig gemacht." Offensiv hingegen, so räumte er ein, gebe es Nachholbedarf: "Es ist schwer, gegen die sehr gute Oldenburger Verteidigung zu treffen, aber mehr als 48 Punkte sollten schon herausspringen, wenn man von hier etwas mitnehmen will." Erfreut zeigte sich Bogojevic, dass sein Team endlich einmal energischer zum Korb gezogen sei. "Allerdings wurden wir dafür nicht belohnt." Gießens Spieler durften lediglich zweimal zu Freiwürfen antreten, die Oldenburger wurden zu 20 Versuchen die Linie gebeten.

Unter dem Strich bleibt nach dem 46ers-Auftritt die Erkenntnis, bei einer mutigen und auf die Defensive ausgerichteten Spielweise durchaus mit den Ligagrößen mithalten zu können. Das Gastspiel beim Meister dürfte also trotz der unglücklichen Niederlage einen Schub für die letzten Saisonspiele geben. Claus Spitzer-Ewersmann

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