14. August 2015, 10:33 Uhr

Dag Heydecker will die Region emotionalisieren

(mn) Dag Heydecker fühlt sich »vom Glück geküsst.« Im Mai 2008 hatte der Steinfurther einen Vertrag beim Fußball-Bundesligisten FSV Mainz 05 unterschrieben. Der 54-Jährige verantwortet als Geschäftsführer die Bereiche Marketing, Vertrieb, Ticketing und CSR (soziale Gesellschaftsverantwortung) bei den Rheinhessen.
14. August 2015, 10:33 Uhr
Ein Wetterauer in der Fußball-Bundesliga: Dag Heydecker aus Steinfurth ist seit 2008 in leitender Position beim FSV Mainz 05 tätig. (Foto: Imago)

Vor dem Start der Saison 2015/16 haben wir den ehemaligen Redakteur dieser Zeitung in der Coface-Arena besucht.

Den Kontakt in die Heimat hat Heydecker nie abreißen lassen. Im Gespräch kommt er schnell auf die Entwicklung beim Eishockey-Zweitligisten EC Bad Nauheim und die lokale Fußball-Szene, speziell den SV Steinfurth, zu sprechen. Immer wieder begleiten Kinder aus der Wetterau die Profi-Kicker beim Einlauf in das Mainzer Stadion. Im Jahr 1998 hatte Heydecker als Geschäftsführer die Bereiche Marketing und Öffentlichkeitsarbeit beim Eishockey-Klub Adler Mannheim übernommen. Ab dem Jahr 2000 begleitete er parallel dazu auch die TSG Hoffenheim im Fußball als Geschäftsführer. Mit Baubeginn der SAP-Arena 2004 konzentrierte sich Heydecker auf die Vermarktung der Mannheimer Multifunktionsarena, ehe er vom Mainzer Manager Christian Heidel Anfang 2008 zu den Nullfünfern gelotst wurde. Im »Hasekaste«, dem Fan-Treff am Stadion, spricht Dag Heydecker über . . .

. . . die Bundesliga als Mehr-Klassen-Gesellschaft: »Eine Mehr-Klassen-Gesellschaft gibt es in jedem Fall. Vorne der FC Bayern, der sicher zu den Top-Drei-Klubs der Welt zählt, und dann kommt erstmal sehr, sehr lange nichts. Es folgt Dortmund, das durch seine sensationelle Arbeit in der Ära von Jürgen Klopp dort steht, wo es heute steht, und die teils fremdfinanzierten Klubs wie Wolfsburg und Leverkusen. Zu meiner persönlichen Freude zählt auch Gladbach zu dieser Gruppe. Schließlich kommt die breite Mittelschicht, für die zwischen Platz sechs und Abstiegskampf alles drin ist – und zu der auch der 1. FSV Mainz 05 gehört. Auch wenn ich den VfL Wolfsburg auf Grund des Einflusses von VW eher kritisch sehe, müssen wir am Ende der Spannung wegen froh sein, dass ein solches Team in der Lage sein kann, den Bayern Paroli zu bieten. Persönlich hoffe ich zudem, dass Mönchengladbach für die ausgezeichnete Arbeit der letzten Jahre belohnt wird. Schade, dass solche sympathischen Vereine wie Paderborn und Freiburg wieder in die 2. Liga abgestiegen sind.«

. . . die Transfererlöse der Nullfünfer, die in diesem Sommer mit Okazaki (zu Leicester) und Geis (zu Schalke 04) rund 20 Millionen Euro eingenommen haben: »Ein Klub wie Mainz ist extrem abhängig von Transfererlösen. Christian Heidel ist der dienstälteste Manager der Liga, und er hat ein unglaubliches Netzwerk. Davon profitieren wir in hohem Maße. Wir sehen uns zudem als Ausbildungsverein. Wir haben und bauen Schritt für Schritt unsere Infrastruktur aus. Wir sind mit der U23 in die 3. Liga aufgestiegen und haben den Klassenerhalt geschafft. Hier werden die Talente gefordert und können den Sprung nach oben schaffen. Das ist unser Kapital, das ist unsere Zukunft.«

. . . den Gewinn aus Transfererlösen: »Wir reinvestieren prinzipiell in die Infrastruktur. Wir bauen einen weiteren Trainingsplatz, wir stecken Teile des Geldes in den Nachwuchs und in die Mannschaft. Vertragsverlängerungen beispielsweise mit Julian Baumgartlinger über vier Jahre oder auch Yunus Malli über drei Jahre, wie in diesem Sommer geschehen, das wäre früher in Mainz überhaupt nicht möglich gewesen. Beide waren nach der letzten Saison ablösefrei, hatten prima Angebote und bleiben dennoch in Mainz. Beide sind wichtige Eckpfeiler im zentralen Bereich. Hätten wir für Baumgartlinger und Malli neue und gleichwertige Spieler verpflichtet, wäre das sicherlich sehr teuer geworden.«

. . . das Saisonziel: »Ein Verein wie Mainz 05 muss in erster Linie immer bestrebt sein, die Klasse zu halten. In sechs Bundesliga-Spielzeiten hat die Mannschaft nie auf einem Abstiegsplatz gestanden. Wir wollen uns für die achte Bundesliga-Saison in Folge qualifizieren und haben ein junges, schnelles Team, das dazu in der Lage ist. Ich bin sehr zuversichtlich, wir haben einen guten Mix und spielen sehr attraktiv.«

. . . den kürzlich abgeschlossenen Vermarktungsvertrag mit der weltweit agierenden Agentur Infront, der Mainz 05 laut »Bild«-Zeitung 260 Millionen in den nächsten zehn Jahren garantiert: »Zahlen kommentieren wir nie. Aber es ist richtig, dass uns der langfristige Vertrag mit Infront Planungssicherheit gibt. Wir möchten vor allem vom internationalen Netzwerk der Agentur profitieren. Wir behalten aber alle Rechte im Verein, das war uns sehr wichtig.«

. . . die Erwartungshaltung nach sechs Bundesliga-Spielzeiten: »Seit Martin Schmidt die Mannschaft übernommen hat, übrigens mit einem Heimsieg gegen Eintracht Frankfurt, ist wieder eine großartige Aufbruchstimmung zu spüren. Martin ist authentisch, ein cooler Typ, völlig geerdet und absolut sympathisch. Das kommt beim Publikum super an. Zur Saisoneröffnung hatten wir 20 000 Menschen auf dem Domplatz – ein toller Tag mitten in der Stadt. Gleichwohl kämpfen wir natürlich um jeden Fan, schließlich haben wir mit Kaiserslautern und Frankfurt zwei Nachbarn, die aufgrund ihrer Historie ein großes Potenzial haben. Jetzt kommt noch Darmstadt 98 hinzu, es wird nicht einfacher.«

. . . die Philosophie des FSV Mainz 05: »Wir sind in allen Bereichen nachhaltig aufgestellt und ziehen unsere Linie konsequent durch – von den Kleinsten bis hin zu den Profis. Die U 17 spielt in der Bundesliga vorne mit, die U 19 ebenfalls, und unsere U 23 spielt in der 3. Liga. Das ist eine bemerkenswerte Entwicklung. Umschaltspiel, Tempo, Pressing – das ist das Fundament unserer Spielphilosophie.«

. . . die Trainer-Talentschmiede Mainz 05: »Kasper Hjulmand war sicherlich einen Versuch wert. Er ist ein anerkannter Trainer, ihm fehlte eben auch ein bisschen Glück. Das brauchst du in diesem Geschäft. Mit Martin Schmidt vertrauen wir wie schon bei Jürgen Klopp und Thomas Tuchel auf einen Mann aus den eigenen Reihen. Christian Heidel hat den Mut, Novizen ins kalte Wasser zu werfen.«

. . . das Benefizspiel in Framersheim: »Das hat mich persönlich sehr beeindruckt. Der Ort hat ja nur 1600 Einwohner, aber es kamen an diesem Abend über 4000 Menschen zum Sportplatz. Framersheim liegt in Rheinhessen, 40 Kilometer südlich vom Main. Ein Tornado hatte im Juli innerhalb von Minuten zahlreiche Häuser beschädigt. Glücklicherweise wurde niemand ernsthaft verletzt. Wir haben dort vier Tage später gespielt, spontan und mit der kompletten Truppe. Ich glaube, es endete 27:1, aber das Resultat war natürlich nebensächlich. Die Einnahmen gingen komplett an die Betroffenen.«

. . . die Partnerschulen von Mainz 05: »Wir haben jetzt 30 Partnerschulen in der Region, mit denen wir kooperieren. Wir platzieren dort Themen wie Drogen- und Gewaltprävention, Integration, Gesundheit und so weiter. Das macht riesigen Spaß, und die Jugendlichen sind dankbar, wenn wir mit unseren Profis für Abwechslung sorgen.«

. . . das Fußballwunder von Darmstadt: »Ich bin in Darmstadt geboren und deshalb freut mich diese unglaubliche Geschichte umso mehr. Mit dieser Mannschaft zweimal in Folge aufzusteigen, das ist eine absolute Sensation. Zu Dimo Wache [einst Mainz, heute Torwart-Trainer in Darmstadt; Anm. d. Redaktion] habe ich im Frühjahr noch gesagt: Wenn Ihr in diesem Jahr nicht aufsteigt, dann steigt Ihr im nächsten Jahr ab. Diese Truppe hatte ja bei weitem nicht die Qualität wie Leipzig, Lautern oder Karlsruhe, das war eigentlich ein Abstiegskandidat. Aber diese unglaubliche Moral, diese mannschaftliche Geschlossenheit, das hat Berge versetzt. Mich freut es sehr für die 98er. Die Stadt muss nun etwas für das wirklich marode Stadion tun. Die Bundesliga tut den Lilien gut – ganz egal, wie das am Ende ausgeht.«

. . . den asiatischen Markt: »Ein schönes Thema (lacht), ich werde immer wieder damit konfrontiert. Es ist sehr schwer, sich in diesen Märkten zu platzieren, und das hat verschiedene Gründe. Wir haben beispielsweise mit Koo und Park zwei koreanische Nationalspieler, in Korea aber ist Baseball die dominante Sportart. Die Chinesen wiederum sind sicherlich sehr euphorisch in Sachen Fußball, wollen sich aber am liebsten mit dem Meister oder einem Top-Klub identifizieren. Die Chinesen lieben Bayern München, das kommt nicht von ungefähr. Erfolg macht halt sexy. Es mag etwas provinziell klingen, aber für uns beginnt die Internationalisierung in Wiesbaden (lacht). Wir müssen die Menschen und damit auch die Partner in der Region emotionalisieren und binden. Dennoch behalten wir Asien im Auge. Wir haben kürzlich in Singapur und Peking Fußballschulen organisiert, aber – wie erwähnt – wir sind nicht der FC Bayern, der sehr strategisch und hochprofessionell in Shanghai und in New York Büros eröffnet.«

. . . die exorbitanten TV-Gelder im englischen Fußball: »Dort ist man der Bundesliga, was die TV-Gelder angeht, rund 20 Jahre voraus. Schon in den achtziger Jahren haben die Engländer Spieler wie Gary Lineker als Botschafter nach Asien geschickt. Speziell in den einstigen englischen Kolonien hat diese Pionierarbeit gefruchtet und beschert der Premier League dort eine große Beliebtheit. Pay-TV wird in England auch traditionell anders gelebt. Zum einen gibt es dort rund sieben Millionen Abonnenten, also doppelt so viele wie in Deutschland. Das Splitten des Spieltags ist dort akzeptiert, es wird auch montags gespielt. Daher werden viele Spiele der Premier League live übertragen und bringen hohe Einnahmen. Allerdings sind die Eintrittspreise dort sehr hoch, und die Stimmung in unseren Stadien ist wesentlich besser.«

. . . den 100 Millionen-Spieler Thomas Müller (Manchester United soll diese Summe geboten haben): »Wenn man solche Summen wie im Fall von Thomas Müller oder Angel Di Maria hört, fragt man sich, wie weit sich die Spirale noch drehen lässt. Ich kann mich noch erinnern, welch ein Aufschrei durch Fußball-Deutschland gegangen ist, als Jupp Kapellmann 1973 von Köln nach München gewechselt ist – für 800 000 Mark (!). Das Geld zirkuliert auf den Märkten, und die direkte Einflussnahme von privaten Investoren nimmt zu. Ich finde diese Entwicklung schade, aber das ist nun mal die Realität.«

. . . über das enttäuschende Abschneiden der deutschen U-Nationalmannschaften bei den Europameisterschaften: »War das wirklich so enttäuschend? Für die U 21 war möglicherweise mehr drin. Allerdings wurde die Mannschaft auch im Vorfeld hochgejubelt, wurde über die Medien unnötiger Druck aufgebaut. Die Jungs wurden ja schon vorher als Europameister gefeiert. Bei der U 19 habe ich – aus der Distanz und auch nur als Zuschauer am Fernseher – ein bisschen den absoluten Willen und die Mentalität vermisst. Ich denke, hier wird Sportdirektor Hansi Flick auch den Hebel ansetzen. Aber wir müssen generell davon ausgehen, dass auch in anderen Ländern eine hervorragende Nachwuchsarbeit geleistet wird.«

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