14. Januar 2019, 16:00 Uhr

Landessportbund

Landessportbund-Chef im Interview: Von Herausforderungen, Chancen und Zielen

Dr. Rolf Müller ist Präsident des Landessportbundes Hessen. Im Interview spricht der 71-Jährige über die Bedeutung des Ehrenamts, Verfassungsänderungen, E-Sport und den »hessischen Weg«.
14. Januar 2019, 16:00 Uhr
Der Präsident des Landessportbundes Hessen: Rolf Müller steht der Dachorganisation von rund 7700 Sportvereinen seit 1997 vor. (Foto: Hartenfelser)

Der Landessportbund Hessen vertritt als Dachorganisation etwa 7700 Sportvereine. Längst gehen die Aufgaben über die Organisation des Sportbetriebs hinaus. Der Sportbund nimmt sich den gesellschaftlichen Herausforderungen an, kümmert sich auch im Integration und Inklusion. An der Spitze steht Dr. Rolf Müller. – Ein Interview.

Bei der Landtagswahl Ende Oktober wurde auch über Verfassungsänderungen abgestimmt, die den Sport betreffen. Mit fast 88 Prozent Zustimmung wird der Sport als Staatsziel neu definiert. Statt »Der Sport genießt den Schutz und die Pflege...« heißt es jetzt »Der Sport genießt den Schutz und die Förderung des Staates, der Gemeinden und Gemeindeverbände«. Was macht die Wortwahl für einen Unterschied?

Dr. Rolf Müller: Zunächst muss man sagen, dass wir sehr stolz waren, als der Sport 2002 in die Verfassung aufgenommen wurde. Wir haben uns davon auch gewisse materielle Auswirkungen erhofft. Nachträglich muss man sagen, dass das ein bisschen naiv war. Die Frage, ob Sportförderung in der Verfassung steht oder nicht, ist zwar ein gewisses emotionales und psychologisches Element für Entscheidungsträger – vor allen Dingen in den Kommunen. Aber zu glauben, wir stehen in der Verfassung und deswegen wird jede Förderung des Sports wie Manna vom Himmel fallen, ist falsch. Trotzdem ist es schön, wenn eine Verfassung heraushebt, dass Sportförderung besonders unterstützenswert ist.

Noch mehr Hessen, nämlich 89 Prozent, stimmten für die Förderung des Ehrenamts als Staatsziel zur Aufnahme in die Verfassung. Warum ist das so wichtig?

Müller: Ehrenamt geht ja über den Sportbereich hinaus. Das Ehrenamt betrifft erstens sehr viel mehr Leute als Sportförderung und ist zum zweiten ein Lebensprinzip. Was würde man ohne Ehrenamt machen? Dann müsste der Staat das alles übernehmen. Und das ist dann weniger spontan, weniger freiheitlich und oft auch teurer. Deswegen ist das Ehrenamt eigentlich der Oberbegriff zur Sportförderung. Wir gehören auch zum Ehrenamt, und deswegen halte ich es ganz wichtig, dass das in die Verfassung aufgenommen wurde.

Wir sind kein Konkurrenzunternehmen zu der Leistungssportreform auf Bundesebene, sondern ihr Unterbau

Rolf Müller

Welche Schwerpunkte sollten aus Sicht des Sports als erstes auf der Agenda stehen, wenn die neue Landesregierung ihre Arbeit aufnimmt?

Müller: Das ist zum einen der Aspekt Schule und Sport: Wir wollen, dass alle drei Sportstunden, die in der Stundentafel stehen, auch gegeben werden. Noch besser wäre aus unserer Sicht eine tägliche Sportstunde an Grundschulen, wie es sie dank unseres Modellprojekts bereits in zwölf hessischen Schulen gibt. Dann legen wir sehr viel Wert auf den sogenannten hessischen Weg, das ist unser Unterbau zur Leistungssportreform. Zudem ist uns die Weiterführung des Programms Sport und Flüchtlinge sehr wichtig, das das Land ja schon mit rund 2,4 Millionen Euro unterstützt hat.

Was ist mit finanziellen Mitteln?

Müller: Natürlich gehört eine bessere finanzielle Ausstattung aus den Lotto-Mitteln zu den grundlegenden Forderungen, die wir ganz gerne gleich in den Koalitionsvereinbarungen untergebracht hätten. Angesichts der zusätzlichen Aufgaben, die wir übernehmen – etwa in den Bereichen Integration, Inklusion, Kooperation mit Schulen, Sport und Gesundheit, Sport und Flüchtlinge – und natürlich angesichts der Preissteigerungen hoffen wir, dass wir möglicherweise fünf Millionen mehr bekommen. Also statt der bisher im hessischen Glücksspielgesetz festgeschriebenen 20,1 künftig 25 Millionen Euro.

Sie haben gerade schon die Leistungssportreform erwähnt, die der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) im Frühjahr auf den Weg gebracht hat. Warum braucht es trotzdem einen »hessischen Weg« bei der Förderung von Spitzensport?

Müller: Der hessische Weg ist wichtig, weil die Leistungssportreform auf Bundesebene eigentlich erst bei den Bundeskaderathleten einsetzt. Aber die wachsen ja nicht auf Bäumen oder fallen vom Himmel. Junge Athletinnen und Athleten müssen im Verein oder in den Schulen gesichtet werden. Dazu haben wir gemeinsam mit dem Kultusministerium das Landesprogramm »Talentsuche/Talentförderung«. Es soll dazu beitragen, Kindern den Einstieg in leistungssportliches Training zu erleichtern und dieses pädagogisch verantwortungsbewusst zu gestalten. Dafür müssen Schulen, Fachverbänden und Vereine zusammenarbeiten. Später kommen die jungen Athleten in die D- oder C-Kader, das sind Landeskader, in denen sie aufgebaut werden. Hier wollen wir die betroffenen Vereine unterstützen. Und erst wenn die Athletinnen und Athleten in den Bundeskader kommen, greift die Spitzensportförderung. Wir sind also kein Konkurrenzunternehmen zu der Leistungssportreform auf Bundesebene, sondern ihr Unterbau.

Mit einer Zentralisierung hätte es nie einen Fabian Hambüchen als Olympiasieger gegeben, nur zum Beispiel

Rolf Müller

Also ist Ihre Philosophie: Ich stelle den jungen Athleten in den Mittelpunkt und fördere ihn da, wo er sich am wohlsten fühlt und also auch die bestmöglichen Voraussetzungen hat, eine gute Leistung zu bringen? Anders als das Programm auf Bundesebene, bei dem die Zentralisierung für viel Kritik sorgt.

Müller: Ja, mit einer Zentralisierung hätte es nie einen Fabian Hambüchen als Olympiasieger gegeben, nur zum Beispiel. Auch die Spitzensportler brauchen ihr Nest. Man muss aber sehen: Unsere Leistungssportreform betrifft sehr viel jüngere Sportler. Das sind junge Athleten, zum Teil Kinder. Und die kann ich nicht einfach aus ihrem Umfeld herausreißen – sowohl familiär als auch schulisch. Deswegen haben wir in der Tat einen anderen Ansatz.

Zurzeit wird heftig über das Thema E-Sport diskutiert. Manche Vereine begreifen die Aufnahme des organisierten Videospiel-Wettkampfes als Chance, junge Mitglieder zu gewinnen, andere lehnen E-Sport kategorisch ab. Wie steht der Landessportbund Hessen zu dem Thema?

Müller: Ich persönlich halte die Frage, ist das jetzt Sport oder nicht, für die falsche. Für mich ist wichtig: Passen die in das Wertesystem des organisierten Sports und passen die in die Organisationsstruktur? Und da muss man differenzieren. Das heißt: All diese Spiele, bei denen auf andere geschossen wird, zählen nach unserem Wertesystem nicht zum E-Sport, weil dort Menschenwürde und Unversehrtheit des Menschen keine Rolle spielen. Aber es gibt ja auch e-Tennis oder e-Fußball, warum soll man die nicht aufnehmen? Wir als Landessportbund differenzieren zwischen E-Gaming und dem digitalen Sport, also Sportarten, die am Computer gespielt werden.

Unter dem Bewegungsaspekt darf man es doch sowieso nicht sehen, sonst hätten zum Beispiel Schachspieler auch keine Berechtigung, dem DOSB anzugehören.

Müller: Ich halte dieses mühsame Auseinanderklabustern, ob das jetzt Sport ist oder nicht, für völlig falsch. Es geht nur darum, ob der E-Sport in unser Wertesystem passt. Werden da die Menschen geachtet? Gibt es da Fairness? Und so weiter. Von daher glaube ich, dass Sportspiele, Sportarten digital ausgeübt, ein Teil der zukünftigen Sportentwicklung sein werden.

Wenn man auf alten Strukturen besteht, dann wird es mit der Vorstandsarbeit sehr schwer

Rolf Müller

Könnte ein Aspekt nicht auch sein, dass man jungen Leuten über den e-Sport einen Zugang zu den Vereinen schafft, wenn man sie akzeptiert und aufnimmt?

Müller: Computer gehören heutzutage zu der Erfahrungswelt der Kinder und Jugendlichen. Mein Enkel zum Beispiel treibt Sport, aber wenn er nicht trainiert, dann sitzt er auch ziemlich lange am Computer und spielt. Und da muss man versuchen, die Kinder und Jugendlichen abzuholen und vielleicht auch zurück in die sportliche Betätigungswelt zu führen. Und es gibt schon einige Vereine in Hessen, die das tun.

Ist Nachwuchsgewinnung, gerade was das Engagement in Vereinen betrifft, immer noch eine der größten Herausforderungen?

Müller: Prinzipiell ja. Ich behaupte aber, richtige Ansprache, Vorbild zu sein, sind wichtige Elemente, wenn es darum geht, Vorstände zu besetzen. Und: Die digitale Welt ermöglicht uns bei der Vorstandsarbeit heute sehr viel mehr Flexibilität als früher.

Also geht es heutzutage eher darum, dass die Vereine umdenken? Muss man ihnen sagen, macht Euch mal über eure Vorstandsstruktur Gedanken, weil man vielleicht nicht mehr so viele Mitglieder im Vorstand braucht, sondern lieber kompetente Fachleute in Projektarbeit einbinden sollte?

Müller: Richtig. Genau das ist der Weg. Wenn sich Leute heute auf jahrzehntelange Vorstandsarbeit festlegen sollen, dann winken sie ab. Aber punktuell und unter Ausnutzung der Technik können wir sie gewinnen. Wenn man auf alten Strukturen besteht, dann wird es mit der Vorstandsarbeit sehr schwer.

Welche drei Dinge möchten Sie auf jeden Fall noch in Ihrer Amtszeit erledigt haben?

Müller: Das Erste ist, die Halle, die wir vom Landessportbund in Frankfurt gerade bauen, ohne Unfall in Funktion zu bringen. Diese Halle bringt Vereine, Verbände und alle, die sie nutzen, unheimlich voran. Das Zweite: Wege zu finden, wie man Vereinsvorstandsarbeit erleichtern und erneuern kann. Nicht, dass wir irgendwann mal da stehen, wie es bei vielen Gesangsvereinen oder anderen Vereinen schon ist: dass wir zwar eine Dachorganisation haben, aber viele Vereine keinen Vorstand mehr. Das halte ich für eine ganz wichtige Sache. Und das Dritte: Dass es uns gelingt, das Ehrenamt nicht nur als ein abstraktes Staatsziel zu sehen. Wer sich schon nicht selbst engagiert, sollte wenigstens die Leistungen von Ehrenamtlern anerkennen.

Das Interview führte Kerstin Schellhaas.

Rolf Müller im Portrait

Rolf Müller kommt aus Gelnhausen. Der 71-Jährige steht seit 1997 an der Spitze des Landessportbundes Hessen. Davor gehörte der ehemalige Studienrat seit 1994 dem Präsidium als Vizepräsident an. Müller ist Mitglied der CDU, war zweieinhalb Jahre lang Regierungssprecher unter Ministerpräsident Wallmann und bis 2014 Abgeordneter des Hessischen Landtags.

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