08. September 2018, 12:31 Uhr

Jake Hirst

Jake Hirst im großen Interview: Ein Bad Nauheimer als Shootingstar bei Kickers Offenbach

Jake Hirst hat einen Lauf: Der Bad Nauheimer hat mit 22 Jahren den Sprung aus der Fußball-Kreisoberliga gewagt und bei Kickers Offenbach eingeschlagen wie eine Bombe. Das große Interview.
08. September 2018, 12:31 Uhr
So lieben ihn die Fans der Offenbacher Kickers: Jake Hirst, hier beim 7:0 gegen den FSV Frankfurt. Dort erzielte der Bad Nauheimer seine Regionalliga-Treffer vier und fünf – in nur vier Partien. (Foto: Hübner)

Eine Fußball-Karriere hatte Jake Hirst längst abgehakt. Tennis wollte er stattdessen spielen, in der Hessenliga, und kicken für den Türkischen SV Bad Nauheim, mit dem er in der vergangenen Saison in die Gruppenliga aufgestiegen war. Das passte zeitlich perfekt zu seinen Aufgaben in der Tennisschule seines Vaters im Sportpark Bad Nauheim. Doch dann warf ein Anruf alles über den Haufen. Der 22-Jährige überzeugte bei Kickers Offenbach in einem Probetraining und ist nun Shootingstar der Regionalliga – denn er trifft im Schnitt alle 59 Minuten. Ein Interview über den richtigen Moment, eine fehlende Zukunftsvision – und das richtige Training in der Jugend.

Jake Hirst, wie oft müssen Sie sich momentan zwicken, um zu merken, dass die vergangenen vier Wochen Realität waren.

In seiner »zweiten Heimat«, dem Sportpark Bad Nauheim, verbringt Jake Hirst immer noch Zeit in der Tennisschule seines Vaters, auch wenn er als Profifußballer inzwischen einen anderen Weg als ursprünglich geplant  eingeschlagen hat – hier im Gespräch mit WZ-Redakteur Michael Nickolaus (r.) und WZ-Volontär Philipp Keßler (l.). (Foto: Nici Merz)
In seiner »zweiten Heimat«, dem Sportpark Bad Nauheim, verbringt Jake Hirst immer noch Zei...

Jake Hirst: Das realisiert man schon. Ich habe von vorneherein gesagt, dass ich keine Vision habe, was passieren soll oder auch nicht passieren darf. Ich gehe einfach raus, gebe mein Bestes und schaue dann, was daraus wird. Dass es jetzt so gekommen ist, ist einfach nur perfekt. Das ist schön. Das muss ich versuchen, für mich mitzunehmen.

Der OFC-Fanblock hat am Wochenende nicht zum ersten Mal »Jake Hirst on fire« in Anlehnung an »Will Griggs on fire« gesungen. Wie nehmen Sie das wahr?

Hirst: Ich versuche, es als Motivation mitzunehmen. Jeder weiß, wenn man in Offenbach als Mannschaft alles gibt und gut spielt, dann stehen die Fans immer hinter einem und dann ist man eigentlich immer in Überzahl. Das zu erleben, ist umso schöner.

Ich glaube, wenn man die Chance hat, in Offenbach bei so einem Traditionsverein Regionalliga zu spielen, dann muss man nicht lange überlegen

Jake Hirst

Der Weg in den Profifußball war eigentlich durch Ihr Engagement bei Eintracht Frankfurt, der TSG Wieseck und dem FSV Frankfurt vorgezeichnet, dennoch ist es anders gekommen und Sie haben erst mit 22 Jahren den Sprung aus der Kreisoberliga in die Regionalliga geschafft. Warum?

Hirst: Das lag einzig und allein an meiner Verletzung. Ich hatte durch einen Wachstumsschub in der Jugend Morbus Osgood-Schlatter. Das ist eine Reizung am Ansatz der Patellasehne im Übergang zum Schienbein. Man hat mir damals gesagt, dass ich bei der Eintracht hätte bleiben können, wenn ich das nicht gehabt hätte. Das wäre mein erstes Jahr in der Jugend-Regionalliga gewesen. Im Endeffekt war es auch korrekt, denn ich habe das ja ein halbes Jahr mitgemacht. Fast überall wurde auf Kunstrasen gespielt, und da konnte ich nach einer Viertelstunde keinen Schritt mehr machen. Im Nachhinein war also alles okay so. Dann habe ich ein halbes Jahr gar nichts gemacht, und es hat sich von selbst eingependelt.

Im Mai hatten Sie sich eigentlich auf Hessenliga-Tennis fokussiert. Wie kam es zum plötzlichen Umschwung Richtung OFC?

Hirst: Ich habe von vorneherein gesagt, dass ich mich auf Tennis konzentrieren möchte. Aber ich glaube, wenn man die Chance hat, in Offenbach bei so einem Traditionsverein Regionalliga zu spielen, dann muss man nicht lange überlegen – zumindest dann nicht, wenn man den Sport liebt und letztlich dafür lebt.

War die Einladung zum Probetraining in Offenbach eine Überraschung für Sie?

Hirst: In gewisser Weise natürlich schon, weil ich nicht damit gerechnet habe, dass ich aus der Kreisoberliga noch einmal die Chance bekomme, in der Regionalliga mitzuspielen. Meine Berater haben guten Kontakt zu Trainer Daniel Steuernagel und dann kam auf einmal der Anruf, ob ich nicht einmal eine Woche mittrainieren wollte.

Sie sind jetzt knapp acht Wochen in Offenbach: Wo lag die schwerste Umstellung?

Hirst: Auf dem Platz, ganz eindeutig. Die ersten paar Wochen hat mir jeden Tag alles wehgetan. Aber der Körper gewöhnt sich daran. Nach meinem ersten Spiel über 90 Minuten gegen Hoffenheim war es die folgenden drei, vier Tage körperlich sehr hart, aber auch das wird von Spiel zu Spiel besser. Interviews und solche Dinge nebenher kommen dann einfach von selbst dazu.

Die Jungs nehmen nämlich im Training keine Rücksicht. Das war am Anfang schwer, aber jetzt geht es

Jake Hirst

Was sind die größten Unterschiede auf dem Platz?

Hirst: Taktisch gesehen habe ich von früher glücklicherweise eine gute Ausbildung. Das verlernt man nicht. Man muss aber wieder reinkommen. Das dauert ein paar Wochen, aber jetzt wird es langsam einfacher. Sonst ist es natürlich das Körperliche. Man hat als Stürmer weniger Zeit, weniger Platz und muss seinen Körper klüger einsetzen, das Spiel schneller lesen und sich schneller entscheiden. Aber wenn man das jeden Tag trainiert, kommt man auch da wieder rein. Die Jungs nehmen nämlich im Training keine Rücksicht. Das war am Anfang schwer, aber jetzt geht es. Wenn ich die Zeit beim FSV Frankfurt oder der Eintracht nicht gehabt hätte, hätte ich das aber definitiv nicht geschafft. Da wäre die Lücke zu groß gewesen.

War die Schwächephase der Mannschaft Ihre Chance, ins Team zu rutschen?

Hirst: Das kann ich nicht beurteilen. Das muss der Trainer sagen. Meine Aufgabe ist einfach nur, im Training zu beweisen, dass ich auf dem Niveau bin, dort mitzuspielen. Von daher hätte ich früher oder später meine Chance bekommen. Aber vielleicht war ich drei Wochen vorher auch einfach noch nicht auf diesem Niveau.

Kam es überraschend, dass die erste Chance für einen Einsatz so schnell kam?

Hirst: Ich habe im Training gemerkt, dass es immer besser lief, von daher wusste ich, dass ich früher oder später meine Chance bekommen werde. Man hat ja als Spieler auch ein Gefühl, was dann am Wochenende passiert. Von daher kam es nicht so überraschend.

Wie ist das Leben als Profifußballer?

Hirst: Das ist auf jeden Fall körperlich anstrengend. Man muss immer zusehen, dass man gut regeneriert und fit ist, wenn es darauf ankommt. Wir haben ein- oder zweimal Training, danach noch einen Termin beim Physiotherapeuten. Da ist man schon mal im Schnitt fünf bis sechs Stunden für eine Einheit unterwegs, bei zwei auch länger.

Von Popularität alleine kann ich mir nichts kaufen

Jake Hirst

Wie groß ist der Anteil von Trainer Daniel Steuernagel an Ihrer Entwicklung?

Hirst: Wenn der Trainer nicht auf junge Spieler setzen würde, dann hätte ich vermutlich die Chance, dorthin zu gehen, erst gar nicht bekommen. Wir haben generell eine sehr junge Mannschaft, und er gibt uns viele Details mit. So können wir sehr viel von ihm lernen. Wenn wir das gut aufnehmen, können wir uns auch gut weiterentwickeln.

Macht sich Ihre neue Popularität inzwischen bemerkbar?

Hirst: Ja, natürlich hier und da. Aber ich bin eher der Typ, der versucht, so etwas auszublenden und sein Ding zu machen. Denn von Popularität alleine kann ich mir nichts kaufen. Ich gucke mir deshalb auch die Presse nicht an – egal, ob es gut oder schlecht läuft. Man muss immer schauen, dass man am nächsten Wochenende Leistung bringt.

Wo soll es für Sie persönlich und den Klub in dieser Saison noch hingehen?

Hirst: Wichtig ist erst einmal, von Woche zu Woche Leistung zu bringen, und dann werden wir sehen, wo wir damit am Ende herauskommen. Ich persönlich will mich jetzt ein paar Jahre voll auf den Fußball konzentrieren und sehen, wo mich der Weg hinführt. Es kommt, wie es kommt.

Info

Nach nur wenigen Wochen: Vertragsverlängerung im Gespräch

Der Engländer Jake Hirst ist in Bad Nauheim aufgewachsen. Er lernte das Fußballspielen beim SV Schwalheim und der Spvgg. 08 Bad Nauheim, ehe es ihn in die Jugend des FSV Frankfurt, von Eintracht Frankfurt und der TSG Wieseck verschlug. Aufgrund einer Wachstumsstörung musste er lange pausieren, spielte schließlich im Seniorenbereich für die TSG Ober-Wöllstadt und den Türkischen SV Bad Nauheim. OFC-Geschäftsführer Christopher Fiori verkündete am Freitag, dass man versuche, den nur bis 2019 laufenden Kontrakt um zwei Jahre zu verlängern.

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