01. August 2017, 12:00 Uhr

Sporternährung

Herbergers Irrglaube und was Sportler brauchen

Wer unter Fußballtrainer Sepp Herberger spielte, der musste ohne Trinkpausen auskommen. Heute weiß man, dass dies für Sportler sehr wichtig ist. Genauso wie eine ausgewogene Ernährung.
01. August 2017, 12:00 Uhr
Der Stellenwert der Ernährung im Hochleistungssport ist in den vergangenen zwei Jahrzehnten kontinuierlich gestiegen. Da sich die Anzahl an Lebensmitteln deutlich erhöht hat, hat sich die Ernährung sportartenspezifisch ausdifferenziert. (Foto: Imago)

Wie so viele Fußballtrainer seiner Zeit unterlag der erste deutsche Weltmeistertrainer einem Irrglauben. Einem Irrglauben, der heutige Ernährungswissenschaftler schmunzeln lässt. Wie etwa Günter Wagner, der in den 1980er Jahren das heute im Campus der Sportklinik Bad Nauheim beheimatete Deutsche Institut für Sporternährung mitgründete. Was damals als Nische galt, ist längst ein etabliertes Feld. Unter der Leitung von Prof. Dr. Johannes M. Peil betreute das Institut bereits Weltstars wie Michael Schumacher und erfährt heute auch verstärkt Zuspruch von Breitensportlern. »Unser Ziel ist es, Themen des Essens und Trinkens im Sport breitenwirksam zu kommunizieren«, erläutert Wagner. Im Interview spricht der 60-Jährige über Veränderungen in der Sporternährung, Anliegen von Breitensportlern und einen gesellschaftlichen Wandel.

 

Früher gab es erfolgreiche Hochleistungssportler, die nicht auf ihre Ernährung achteten. Kann man mit einer solchen Lebensweise heute noch erfolgreich sein?

Günter Wagner: Im Dart ist das vielleicht noch möglich. In den Mannschaftssportarten und in der Leichtathletik ist das aber nicht mehr denkbar – zumindest in der Woche vor einem Wettkampf. Grundsätzlich ist es so, dass in den meisten Sportarten die Leistungspitze sehr eng zusammengerückt ist. Außerdem sind die Belastungen deutlich gestiegen. In der ersten Fußball-Bundesliga etwa betrug die durchschnittliche Laufleistung eines Spielers vor 20 Jahren zwischen vier und sechs Kilometern, heute sind es zwischen neun und elf Kilometern. Außerdem legen die Spieler durchschnittlich mehr Sprints zurück, die auch noch intensiver als früher sind. Da es in den vergangenen zwei Jahrzehnten im Profisport eine Leistungsexplosion gab, werden alle Bereiche ausgelotet, die Athleten dabei unterstützen könnten, dauerhaft den gestiegenen Anforderungen gerecht zu werden. Wichtig sind neben einer sportmedizinischen Betreuung durch Fachärzte der Orthopädie und Kardiologie auch Psychologen, Physiotherapeuten und Videoanalysten auch Ernährungswissenschaftler. Im Profifußball etwa gibt es heute kaum noch Vereine, die kein Ernährungsteam haben. Typen wie Mario Basler (wurde in seiner Karriere mit dem FC Bayern München zweimal deutscher Meister, Anm. d. Red.), die von Idealen deutlich abwichen, aber trotzdem ihre Leistung brachten, gibt es kaum noch.


Was sind die zentralen Veränderungen bezüglich der Sporternährung in den vergangenen zwei Jahrzehnten?

Wagner: Das Entscheidende ist, dass sich die Ernährung sportartenspezifisch ausdifferenziert hat. Das hängt auch damit zusammen, dass das Angebot an Lebensmitteln deutlich gestiegen ist und somit bestimmte leistungsfördernde Ziele auf sehr unterschiedlichen Wegen erreicht werden können. Grundsätzlich ist es heute wesentlich einfacher als vor 20 Jahren, durch Ernährung die Belastungen im Hochleistungssport zu meistern. In diesem Zusammenhang erzähle ich gerne das Beispiel von den Teilnehmern an Sechstagerennen (eine Veranstaltung im Bahnradsport, bei der über einen Zeitraum von sechs Tagen verschiedene Wettbewerbe zwischen Mannschaften aus zwei Fahrern stattfinden, Anm. d. Red.), die früher ganz viel Butter essen mussten, um ihrem Energieverbrauch zwischen 6000 und 8000 Kalorien pro Tag gerecht werden zu können. Heute gibt es viele Produkte, die den Körper mit Fett versorgen, aber auch noch andere wichtige Inhaltsstoffe beinhalten – wie etwa Vitamine, Mineralstoffe und sekundäre Pflanzenstoffe, die unter anderem in Obst und Gemüse drin sind. Deren Stellenwert hat sich in den vergangenen 20 Jahren deutlich erhöht.
 

Günter Wagner begründete nach seinem Studium an der Justus-Liebig-Universität Gießen in den 1980er Jahren das heute im Campus der Sportklinik Bad Nauheim beheimatete Deutsche Institut für Sporternährung mit. (Foto: pm)
Günter Wagner begründete nach seinem Studium an der Justus-Liebig-Universität Gießen in de...

Sollte sich ein jüngerer Sportler anders ernähren als ein älterer?

Wagner: Das Alter hat keinen wesentlichen Einfluss auf die Anforderungen an die Ernährung – zumindest nicht im Alter zwischen 20 und 40 Jahren. Gleichwohl kann sich ein Routinier nicht oder nicht mehr so viel Raubbau an seinem Körper leisten wie ein Jungspund. Der Tennisspieler Roger Federer hat in diesem Jahr auch deshalb Wimbledon gewonnen, weil er genau weiß, was er seinem Körper zuführen darf und was nicht. Das Bewusstsein eines Hochleistungssportlers für die Ernährung sollte sich im Laufe seiner Karriere schärfen, damit er auch noch im hohen Sportleralter Höchstleistungen vollbringen kann. Ältere Sportler brauchen etwa mehr Eiweiß als jüngere Sportler, wenn sie Muskeln aufbauen wollen. Auch der Stellenwert von sekundären Pflanzenstoffen nimmt mit zunehmendem Alter kontinuierlich zu. Sie schützen vor Radikalbelastungen, denen man sich im hohen Sportleralter nicht mehr ständig aussetzen sollte.


Die Belastungen in Mannschaftssportarten sind mitunter sehr verschieden. Ein Eishockeyspieler etwa muss in kurzen Zeiträumen seine Leistung bringen, während ein Ausdauersportler eher durchgehend gefordert ist. Was bedeutet dies im Hinblick auf eine optimale Ernährung?

Wagner: Anders als bei Ausdauersportarten, zu denen beispielsweise der Radsport, der Marathon oder der Triathlon gehören, arbeiten die Muskeln beim Eishockey aufgrund der Maximalbelastungen anaerob. Das bedeutet, dass die Energie aus dem Kohlenhydratspeicher der Muskulatur gewonnen wird – und das ohne Sauerstoffverbrennung. Verlängert werden kann die anaerobe Energiegewinnung durch eine hydrogencarbonatreiche Ernährung. Während eines Spiels helfen entsprechende Mineralwassersorten, ansonsten sollte man auf eine eiweißreiche Ernährung achten – mit rotem Fleisch, Fisch und Hülsenfrüchten. Es gibt einige Studien, die deutlich aufzeigen, dass Sportler, die Intervallbelastungen ausgesetzt sind, durch eine hydrogencarbonatreiche Ernährung ihre Leistungen signifikant erhöhen konnten. Zudem war ihr Verletzungsrisiko wesentlich geringer als bei Sportlern, die nicht darauf geachtet haben. Bei Mannschaftssportarten wie Fußball ist es vor allem wichtig, wenige Tage vor dem Wettkampf die Ernährung zu verändern und mehr Kohlenhydrate wie etwa Kartoffeln, Reis oder Nudeln zu sich zu nehmen. Hierzu gibt es neuere Studien aus der ersten und zweiten englischen Liga. Interessant ist, dass die Spieler, die am Tag vor dem Spiel kohlenhydratreich aßen, eine höhere Laufleistung hatten, mehr Sprints hinlegten und sich weniger Fouls leisteten. Insbesondere in der zweiten Halbzeit waren die Unterschiede zu Spielern, die sich kurz vor dem Wettkampf eiweißreich ernährt hatten, erheblich.


Wer sich vegan ernährt, der muss sich dessen bewusst sein, dass er einen schwierigen Weg einschlägt

Günter Wagner

 

Immer mehr Hochleistungssportler setzen auf eine vegane Ernährung. Können Sie dies aus ernährungswissenschaftlicher Perspektive befürworten?

Wagner: Wer sich vegan ernährt, der muss sich dessen bewusst sein, dass er einen schwierigen Weg einschlägt. Grundsätzlich kann man sich vegan ernähren und Hochleistungssport betreiben, sofern man unterschiedliche Nahrungsergänzungsmittel zu sich nimmt. Das unterstreichen auch Studien, die bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts durchgeführt wurden. Allerdings hat ein Veganer ein erhöhtes Risiko, ein Defizit an wichtigen Nährstoffen wie Eisen, Protein und Vitamin B12 aufzubauen. Das Vitamin B12 etwa ist sehr wichtig für das Nervensystem und beugt Ermüdungserscheinungen sowie Depressionen vor. Es ist vor allem in Fleisch enthalten, in pflanzlichen Lebensmitteln hingegen gar nicht. In Anbetracht dessen muss man schon sehr clever bei der Auswahl von Lebens- und Nahrungsergänzungsmitteln sein, um nicht unter Mangelerscheinungen zu leiden. Sportlich aktiven Kindern und Jugendlichen ist von einer veganen Ernährung in jedem Fall abzuraten. Denn Heranwachsende zwischen zehn und 20 Jahren haben ein sehr hohes Risiko hinsichtlich eines Nährstoffdefizits.


Ihr Institut widmet sich neben dem Leistungs- auch dem Breiten- und Gesundheitssport. Mit welchen Anliegen werden Sie konfrontiert?

Wagner: Wir beraten viele Menschen, die nach längerer Pause wieder ambitionierter Sport machen und auch an Wettkämpfen teilnehmen möchten. Unter Ihnen sind etwa Marathonläufer, die endlich einmal in unter vier Stunden ins Ziel kommen wollen. Es kommen aber auch Tennisspieler zu uns, die nach mehreren vergeblichen Anläufen die Vereinsmeisterschaft gewinnen wollen. Wir betreuen aber auch Menschen, die keine größeren sportlichen Ziele haben, sondern vorwiegend Fettpölsterchen wegbekommen möchten. Gerade im Breiten- und Gesundheitssport nimmt der Stellenwert der Ernährung kontinuierlich zu. Das Sortiment der Getränkemärkte spiegelt diese Entwicklung ganz gut wider. Dort gibt es mittlerweile unzählige Mineralwassersorten und Sportgetränke. Die würde es nicht geben, wenn keine Nachfrage in weiten Teilen der Gesellschaft existieren würde.


In unserer Gesellschaft ist es derzeit en vogue, ein gesundes Leben zu führen. Handelt es sich Ihrer Meinung nach um einen Trend oder um einen tiefgreifenden gesellschaftlichen Wandel?

Wagner: Ich bin der Überzeugung, dass wir uns in einem gesellschaftlichen Wandel befinden – nicht nur in Deutschland. Ich habe den Eindruck, dass es vielen Menschen nicht mehr ausreicht, wenn ein Lebensmittel schmeckt und satt macht. Es soll vermehrt auch einen Beitrag zur Fitness leisten. Dass sich das Bewusstsein verändert hat, spüre ich auch in meinem Umfeld. Früher war es ein Zeichen von Wohlstand, wenn es am Sonntag und im Idealfall auch noch unter der Woche einen Braten gab. Diese Fresswelle ist mittlerweile vorbei, heute werden Lebensmittel nach anderen Kriterien ausgewählt. Es kommt etwa verstärkt darauf an, dass die Abwechslung stimmt.

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