22. August 2018, 16:00 Uhr

Segelkunstfliegen

Darum liebt der Bad Nauheimer Doppelweltmeister Moritz Kirchberg das Segelkunstfliegen

Er ist Doppel-Weltmeister im Segelkunstfliegen - und gerade einmal 20 Jahre alt. Der Bad Nauheimer Moritz Kirchberg überrascht - auch, wenn er zurück in der Heimat über seinen Lieblingssport spricht.
22. August 2018, 16:00 Uhr
Der Doppelweltmeister und sein Flugzeug: Moritz Kirchberg und seine Swift S-1 auf dem Flugplatz Ober-Mörlen. Der 20-Jährige absolviert ein duales Studium der Luft- und Raumfahrttechnik mit einer Ausbildung zum Verkehrspiloten. (Foto: Nici Merz)

Es ist ein herrlicher Spätsommernachmittag, Moritz Kirchberg kommt gut gelaunt aus dem Vereinsheim des Aero-Clubs Bad Nauheim auf dem Ober-Mörler Flugplatz, das Polohemd der Nationalmannschaft übergestreift, die Fliegerbrille auf: Vor wenigen Tagen hat er bei der WM der Segelkunstflieger in Tschechien zweimal Gold und einmal Bronze geholt. Viel lieber als über Erfolg spricht er über den Sport, den er so sehr liebt – und seine Begeisterung fürs Fliegen, die in der Geschichte seiner Familie liegt.

Segelfliegen heißt auch Camping, erklärt der Bad Nauheimer Moritz Kirchberg hier WZ-Volontär Philipp Keßler. (Foto: nic)
Segelfliegen heißt auch Camping, erklärt der Bad Nauheimer Moritz Kirchberg hier WZ-Volont...

»Mein Vater und meine Mutter haben beide Segelkunstflug gemacht, beide sind bzw. waren Fluglehrer. So bin ich auf dem Flugplatz aufgewachsen und es war eigentlich keine wirkliche Frage, ob ich damit anfange«, erzählt der 20-Jährige. Bereits im Alter von zwei Jahren ist er das erste Mal geflogen, am 1. Oktober 2011 war es dann endlich soweit: der erste Alleinflug. »Das vergisst man nicht. Das war so ein geiles Gefühl, als ich mich nach dem Start ausgeklinkt und nach hinten geschaut habe und dort niemand mehr saß.«

 

Segelkunstflug-Weltmeister Moritz Kirchberg: Mit 14 Jahren bereits alle im Flugzeug

Fliegen kann man jedoch nicht einfach so. Es bedarf eines Segelflugscheins und 120 Starts bzw. 40 Flugstunden, ehe der Segelkunstflugschein gemacht werden kann, der wiederum aus 20 Starts oder fünf Stunden Kunstflug besteht. Mindestalter: 14 Jahre, ab 16 Jahren gibt es die Lizenz, drei Jahre später folgte für Kichberg die erste Weltmeisterschaft. »Das ist schon etwas surreal, dass man noch vier Jahre warten muss, bis man Autofahren darf, aber ansonsten mit einem 90 000-Euro-Flugzeug unterwegs ist«, sagt Kirchberg und lacht.

Ich mag das Spielen mit der Physik, mit den Grenzen des Flugzeugs und meinen eigenen, während es auf die Perfektion ankommt, die Leistung in einem einzigen Moment abzurufen

Moritz Kirchberg

Gemeinsam mit sechs anderen Personen teilt er sich die Inhaberschaft »seiner« Swift S-1, einem speziellen Flugzeug fürs Segelkunstfliegen. Preis des guten Stücks: einstmals 60 000 Mark, heute rund 120 000 Euro. Zum Fliegen wird es mithilfe eines Motorflugzeugs auf die entsprechende Höhe geschleppt, dann beginnt der Wettkampf in der Box, einem festgelegten Bereich, in dem die Athleten je nach Disziplin eine selbst erdachte oder vorgegebene Abfolge von Elementen fliegen müssen. Am Boden stehen Wertungsrichter, bei Fehlern gibt es Punktabzug. Im 22-köpfigen WM-Feld der Unlimited-Klasse, in der nur die Physik den Athleten und ihren Maschinen Grenzen setzt, wurde Kirchberg in Tschechien im Einzel nach fünf Wettkampfflügen Dritter, gewann aber gemeinsam mit den vier anderen Deutschen Gold im Team sowie Gold in der Unbekannten Kür, einer Übung, bei der vorgebene Elemente von den Piloten selbst am Himmel in eine möglichst ideale Reihenfolge gebracht werden müssen. Trotzdem sagt Kirchberg: »Segelkunstfliegen ist ein Teamsport. Ich brauche mindestens zwei, besser vier Leute, um das Flugzeug aufzubauen, und einen Piloten, der mich schleppt.«

 

Segelkunstfliegen: Die Sache mit der Höhenangst

Der Witz bei der Sache: Kirchberg, der Übungen in mehr als 1000 Metern über dem Boden fliegt, hat Höhenangst. »Beim Fliegen bin ich angeschnallt und habe die Kontrolle darüber. Aber ich habe einen schlechten Gleichgewichtssinn und kann zum Beispiel nicht auf eine Leiter steigen.« Geld verdient Kirchberg mit der Fliegerei übrigens nicht: Stattdessen fallen jedes Jahr rund 2000 Euro an Unterhaltungskosten an. Um das zu finanzieren, fliegt die Haltergemeinschaft bei Airshows mit. »Bei mir steht der Verein und zwei bis drei Sponsoren dahinter, mehr nicht«, erklärt Kirchberg. Auch gesundheitlich ist sein Sport nicht ganz ohne: Bis zum neunfachen des Körpergewichts wirkt auf die Athleten ein – wie bei einem Kampfjetpiloten. »Das Blut drückt aus oder in den Kopf, das Sichtfeld engt sich ein, das Gehör lässt nach, dann wird es schwarz und wenige Sekunden danach wäre man ohnmächtig. Aber ich kann es selbst kontrollieren – und dass es mal dunkel wird, ist ganz normal. Das tut auch nicht weh«, sagt Kirchberg.

Geht doch mal etwas schief, gibt es einen Fallschirm für den Notfall. Letztlich überwiege für ihn aber die Faszination des Sports: »Ich mag das Spielen mit der Physik, mit den Grenzen des Flugzeugs und meinen eigenen, während es auf die Perfektion ankommt, die Leistung in einem einzigen Moment abzurufen.«

Info

Tag der offenen Tür mit dem Weltmeister

Der Aero-Club Bad Nauheim hat am kommenden Wochenende Tag der offenen Tür auf dem Ober-Mörler Flugplatz. Am Samstag und Sonntag gibt es ab 10 Uhr die Möglichkeit, die Wetterau bei einem Rundflug mit einem Sportflugzeug oder einem historischen Doppeldecker aus der Luft zu erleben. Am Samstagabend gibt es von 19 Uhr bis 23 Uhr Unterhaltung mit Livemusik und eine Nachtflugshow mit Feuerwerk. Am Sonntag um 14 Uhr beginnt die große Flugshow mit Oldtimer-Segel- und Motorflugzeugen, modernen Kunstflugzeugen und Reiseflugzeugen – mit dabei auch Weltmeister Moritz Kirchberg, der wie die anderen Vereinsmitglieder für Gespräche zur Verfügung steht. Der Eintritt ist frei.

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