19. April 2018, 07:00 Uhr

EC Bad Nauheim

Als der Sport nebensächlich wurde – 20. Todestag von Profi Mark Teevens

Die Playoff-Serie zwischen Bad Nauheim und Iserlohn sorgte für Emotionen, Hass und Prügeleien. All das war plötzlich nebensächlich, als Mark Teevens starb - exakt heute vor 20 Jahren.
19. April 2018, 07:00 Uhr
Marc Teevens starb am 19. April 1998 nach dem Playoff-Spiel des EC Bad Nauheim gegen den Iserlohner EC. (Foto: WZ-Archiv)

EC Bad Nauheim


Der 19. April 1998, ein Sonntag: Das Colonel-Knight-Stadion ist mit 5000 Zuschauern ausverkauft. Ein Hexenkessel. Mit keinem anderen Klub verbinden die Roten Teufel in dieser Zeit eine größere Rivalität als mit Iserlohn. In der Best-of-three-Serie in der damaligen 1. Eishockey-Liga Nord liegen die Hessen gegen die Sauerländer zurück. Das Saisonende droht. Spieler (beim Warmlaufen) und Trainer (in der Drittelpause) prügeln an diesem Abend aufeinander ein. Richard Ott, damals Ligenleiter, stellt sich ab dem zweiten Drittel demonstrativ zwischen beide Mannschaftsbänke, um weitere Eskalationen zu verhindern. Bad Nauheim gewinnt 4:1, erzwingt Spiel drei. Glücksgefühle. Feierlaune. Bis zur schockierenden Nachricht vom Tod von Mark Teevens, der wenige Minuten nach der Schlusssirene auf dem Stadion-Parkplatz zusammengebrochen war und an einer Lungenembolie verstarb.

Das war die schlimmste Erfahrung, die ich in meiner Zeit als Eishockey-Profi je gemacht hab

Marco Rentzsch

»Wir haben nur noch dagesessen und geheult. Das war die schlimmste Erfahrung, die ich in meiner Zeit als Eishockey-Profi je gemacht habe. Das hat gezeigt, wie nebensächlich der Sport, Rivalitäten und Playoffs doch eigentlich sind. Das hat alles überschattet«, erinnert sich Marco Rentzsch, der Kapitän der 98er-Mannschaft, an die Szenerie im damaligen Stadion-Restaurant, wo die Profis mit ihren Frauen und einigen Fans nach dem Spiel noch zusammengesessen hatten. Zunächst in Berlin und später dann in Bad Nauheim hatte der Ex-Nationalspieler mit Mark Teevens zusammengespielt. »Mark war ein sehr stiller Charakter. Ein Sportsmann durch und durch. Körperlich topfit. Beim Laufen immer vorne dabei.«

 

Geschäftsstellenmitarbeiterin Uschi Stiefel erinnert sich noch gut

Teevens war am 17. Juni 1966 in der kanadischen Hauptstadt Ottawa geboren worden und 1989 nach Deutschland gewechselt; nach Unna in die Oberliga. Den Stationen Heilbronn, Rosenheim und Berlin folgte der Wechsel nach Bad Nauheim. An diesem Halbfinal-Sonntag hatte der Außenstürmer pausieren müssen. Tage zuvor schon war Teamkollegen in der Kabine ein Bluterguss in der Kniekehle aufgefallen. Außergewöhnlich groß, außergewöhnlich blau. Der 31-Jährige verfolgte das Spiel aus den Büroräumen; zusammen mit Uschi Stiefel, die seinerzeit die Geschäftsstelle führte und bei deren Familie in Echzell er wohnte. Erst spät, Ende Januar, war Teevens aus Heilbronn nach Bad Nauheim gewechselt. Chicken Wings und eine Cola habe Teevens während des Spiels noch verzehrt, auffallend kalte Hände habe er gehabt, erinnert sich Stiefel noch heute. An der Kabinentür gratulierte er seinen Teamkollegen zum Sieg, scherzte, ging zum Auto und brach dort zusammen. Zuschauer fanden ihn. Teevens wurde reanimiert, verstarb aber wenige Minuten später. »Er hatte gerade noch bei uns gestanden und Witze gemacht – und dann das. Das konnte keiner glauben«, sagt Rentzsch heute.

Das waren die beiden schlimmsten Telefonate meines Lebens

Frank Carnevale

Frank Carnevale war damals Trainer der Roten Teufel. Er war im Dezember gekommen und hatte Teevens, der von 1994 bis 1997 in der DEL gespielt hatte, vier Wochen später von einem Wechsel aus Heilbronn in die Wetterau überzeugt. Carnevale überbrachte die traurige Nachricht der Familie. Telefonisch erreichte er zunächst den Vater, dem der Hörer aus den Händen glitt. Schwiegertochter Cynthia, Marks Frau, war just in diesen Stunden in einer Selbsthilfegruppe, um den Tod ihrer Eltern ein Jahr zuvor besser verarbeiten zu können. Stunden vergingen, ehe er die Witwe persönlich sprechen konnte. »Das waren die beiden schlimmsten Telefonate meines Lebens«, erinnert sich der Coach.

 

Spiel 3 in Iserlohn: eine Atmosphäre mit Seltenheitswert

Intern wurde längst diskutiert, ob man die Playoffs unter diesen Umständen überhaupt fortsetzen wolle. Keine 48 Stunden später war schließlich das alles entscheidende Spiel in Iserlohn angesetzt. Peter Konietzke-Legrand und Jakob Platzer, die damaligen EC-Vorstandsmitglieder, wollten die Entscheidung der Mannschaft überlassen.

Am Morgen danach berichtete Carnevale aus dem nächtlichen Übersee-Telefonat und von Cynthia Teevens, die ihren Wunsch äußerte, man möge die Saison zu Ende spielen; im Sinne ihres verstobenen Mannes. »Keiner wusste so recht, wie er damit umgehen würde, wenn das Spiel läuft. Aber wir hatten uns geschworen, den Tod nicht als Ausrede gelten zu lassen. Und Mark sollte ein Teil der Mannschaft sein«, sagt Rentzsch.

Die Eissporthalle am Seilersee war zwei Tage später mit 5000 Zuschauern pickepacke voll. »Ich kann mich an das Spiel nicht mehr erinnern. Die Stunden bis zum Spiel waren derart emotional. Ich habe einfach nur funktioniert«, sagt Carnevale heute. Zur Nationalhymne hatte Rentzsch das Trikot mit der Nummer 21 auf das Eis gelegt, später hing das Jersey an der Teambank. Die Stille während der Schweigeminute war von einer Intensität, wie sie selbst die frenetischsten Anfeuerungsrufe nicht sein können. Da waren auch dem eingefleischten IEC-Fans die Tränen in die Augen geschossen. Entsetzen und Fassungslosigkeit, aber auch Versöhnung und Besinnung prägten diese außergewöhnlichen 60 Minuten auf den Rängen, wo 4000 D-Mark für die Hinterbliebenen gesammelt wurden und der Umgang zwischen sportlicher Begeisterung und menschlicher Trauer schwer fiel. »Das Publikum hat Größe bewiesen. Das hatte Klasse und unser Herz tief berührt«, sagte Carnevale damals in der Pressekonferenz. Bad Nauheim gewann 5:2. »Für Mark haben wir Euch kämpfen sehen«, schallte es lautstark und irgendwie auch dankbar aus dem Gästeblock. Ein Gänsehautmoment; einer von vielen, die von diesen schweren Stunden des Bad Nauheimer Eishockey noch sehr lange in Erinnerung bleiben werden.

Info

Der Tod von Mark Teevens - ein Einzelfall?

Die sportmedizinische Betreuung von Profisportlern hat sich in den letzten zwei Jahrzehnten gravierend verändert. Die Berufsgenossenschaft schreibt - unter anderem in der Deutsche Eishockey-Liga 2 - vor Saisonstart neben orthopädischen auch internistische und kardiologische Untersuchungen vor, um beispielsweise Herzerkrankungen zu erkennen und Risiken zu minimieren. Das Zahl der »plötzlichen Herztode« hat auch deshalb in den letzten Jahren deutlich abgenommen. Die Sportler sind einerseits aufgeklärter, andererseits erhalten gefährdete Sportler vom Arzt keine Spielerlaubnis.
Der Fall Mark Teevens, der an den Folgen einer Lungenembolie verstarb, muss als Einzelfall betrachtet werden. »Das sich ein solcher Fall wiederholt, ist nicht auszuschließen. Da müssen allerdings schon sehr viele unglückliche Umstände zusammenkommen«, sagt Dr. Caroline Pak, heute Teamärztin beim EC Bad Nauheim. Marco Kettrukat, der neben dem Eishockey-Zweitligisten auch den Handball-Bundesligisten HSG Wetzlar medizinisch betreut, ergänzt: »Das Risikoprofil für Thrombose ist angesichts der langen Busfahrten präsent. Dennoch halte ich eine solchen Fall für eher unwahrscheinlich.«

Schlagworte in diesem Artikel

  • EC Bad Nauheim
  • Eishockey
  • Emotionen und Gemütszustände
  • Hass
  • Play-offs
  • Sportstadien
  • Stiefel
  • Michael Nickolaus
  • Lädt

    Schlagwort zu
    Meine Themen

    Sie haben bereits 15 Themen gewählt

    Sie folgen diesem
    Thema bereits

Klicken Sie auf ein Schlagwort, um es zu „Meine Themen” hinzuzufügen oder weitere Inhalte dazu zu sehen.


0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Kommentar schreiben - Ihre Meinung zum Thema ist gefragt


Kommentare werden erst nach einer Prüfung durch die Redaktion veröffentlicht. Bitte beachten Sie die Netiquette sowie die Hinweise nach dem Absenden Ihres Beitrags.


Überschrift
Meine Meinung





Sie haben noch kein Login? Jetzt kostenlos registrieren.

Registrieren Sie sich kostenlos um Ihren Kommentar abzuschließen:

Wir garantieren Ihnen, dass alle persönlichen Daten nur beim Verlag intern verwendet werden und nicht ohne Zustimmung an Dritte weitergegeben werden.


Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:
Wieviel ist 4 + 1: 




Sie sind bereits registriert? Zurück zum Login.