06. Dezember 2009, 22:24 Uhr

Sperrzone beginnt an Neun-Meter-Linie

Zurücklehnen, zuschauen, genießen. Hatte bislang THW Kiel die Rittal-Arena stets bis auf den letzten Platz gefüllt und in Wetzlar seine Werbebroschüre abgegeben, so liegen seit Samstagabend nachhaltig auch die Hamburger Prospekte im Mittelhessischen. Mit dem spielerisch leichten 35:24 (17:10) in der Buderusstadt haben die Norddeutschen nur eindrucksvoll ihre Anwartschaft auf die Meisterschaft unterstrichen.
06. Dezember 2009, 22:24 Uhr
SCHWERER STAND: Timo Salzer (Mitte) konnte machen, was er wollte, die HSV-Abwehr mit Matthias Flohr (7) und Igor Vori (9) hatte den Wetzlarer Angriff stets unter Kontrolle. (Foto: Vogler)

Zurücklehnen, zuschauen, genießen. Hatte bislang THW Kiel die Rittal-Arena stets bis auf den letzten Platz gefüllt und in Wetzlar seine Werbebroschüre abgegeben, so liegen seit Samstagabend nachhaltig auch die Hamburger Prospekte im Mittelhessischen. Mit dem spielerisch leichten 35:24 (17:10) in der Buderusstadt haben die Norddeutschen nicht nur eindrucksvoll ihre Anwartschaft auf die Meisterschaft unterstrichen, sondern auch der Saison-Rekordkulisse von 4000 Zuschauern eine hochklassige Entlohnung für ihr Eintrittsgeld beschert.

Auch wenn HSV-Trainer Martin Schwalb »niemals das Gefühl hatte, das Ding schon sicher zu Hause zu haben«, so gab es spätestens nach dem traumhaften Zusammenspiel der kroatischen Neuzugänge Domagoj Duvnjak und Igor Vori zum 16:8 der Hamburger in der 25. Minute keinen Zweifel mehr an deren Erfolg. Der Tabellenzweite hatte sich damit gar ein wenig in die Herzen der mittelhessischen Handball-Kenner gespielt, die zwar eine stimmungsvolle Kulisse boten, aber in Anbetracht der spielerischen Dominanz der Elbestädter die Arena zu keinem Zeitpunkt zu einem Hexenkessel werden ließen.

»Genau das wollten wir vermeiden«, freute sich Hamburgs Torsten Jansen über den eigenen »konzentrierten und konsequenten Auftritt von Anfang an«. Der Nationallinksaußen selbst hatte viele gute Szenen, über die sich gleichfalls Bundestrainer Heiner Brand gefreut haben dürfte. Für die Deutschland-Anhänger im Wetzlarer Block hätte es aber gerade am Samstag etwas weniger sein können. So aber verwandelte »Toto« Jansen seine Gegenstöße zum 8:6 (14.), 10:7 (15.) und 13:7 (20.) bombensicher. Die EM im Januar kann kommen.

Die Hamburger Vorführung war in der Tat atemberaubend und ließ für HSG-Geschäftsführer Axel Geerken den großen Kieler Titelrivalen »in einer anderen Liga« spielen. Die 3:2:1-Deckung mit dem 2,03-m-Riesen Igor Vori auf der Spitze, dessen adlerhafte Spannweite die Offensivräume für Wetzlar merklich einengte, verlegte über die stets nach vorn rückenden Torsten Jansen und Mattthias Flohr den Kreis für die Gastgeber praktisch an die Neun-Meter-Linie. Alles dahinter war Sperrzone. Sebastian Weber konnte keine einzige Toraktion setzen, die Wetzlarer Flügelspieler kamen selten in die Lage, über Einläufer etwas auszurichten, wobei Avishay Smoler auf rechts auch zu sehr überdrehte.

Im Schnitt benötigten die Timo Salzer und Co. bis zum 15:25 in der 45. Minute drei Minuten für einen Treffer. Erst in der Schlussviertelstunde verschob sich diese Relation leicht. Was aber nicht verwundern durfte, fehlten mit Giorgos Chalkidis, Gregor Werum und Kevin Schmidt doch weiter drei wichtige Akteure, zudem wurde Sven-Sören Christophersen vorsichtshalber überwiegend nur in der Abwehr eingesetzt und war Alois Mraz noch nicht 100-prozentig fit. Der 31-jährige Tscheche hatte es in der Deckung nach Markus Ahlm vor Wochenfrist in Kiel diesmal mit Igor Vori und damit nacheinander zwei der derzeit weltbesten Kreisläufer zu tun.

Die Hamburger zeigten »von Beginn an Präsenz« (Trainer Schwalb). Igor Vori stellte am Kreis für seine Rückraumschützen eine Sperre besser als die andere, weshalb HSG-Trainer Michael Roth nach den regelmäßigen Einschlägen von Blazenko Lackovic (Halblinks) oder Marcin Lijewski (Halbrechts) bis zur 25. Minute seine allein gelassenen Torhüter Nikolai Weber und Vladan Krasavac schon hin und her gewechselt hatte.

Die Vielfalt und Unberechenbarkeit des Hamburger Angriffs dokumentierte der aktuelle Bundesliga-Torschützenkönig Hans Lindberg, der auf der kompletten rechten Seite wirbelte, ebenso das starke und nahezu fehlerfreie Spielmacher-Duo Guillaume Gille und Domagoj Duvnjak. Weshalb sich HSV-Trainer Martin Schwalb den Luxus leisten konnte, Pascal Hens, Krzystof Lijewski und Stefan Schröder erst in den Schlussminuten auf das Parkett zu schicken. Als sich Pascal Hens nach 54 Minuten der Trainingsjacke entledigte, führte Hamburg beim 31:21 weiter mit zehn Treffern. Zuvor hatten die Hamburger vor allem in Unterzahl mit einer 4:0-Tore-Bilanz (!) ihrer Klasse Ausdruck verlieren. Das war nachhaltig.

In der Rolle des Lehrlings musste sich eine deutlich weiterentwickelte HSG Wetzlar dennoch zu keinem Zeitpunkt fühlen. Nikolai Weber parierte gegen Lindberg (2) und Flohr drei Siebenmeter (!) in Folge, obwohl er erst in der 24. Minute erstmals die Hand an einen Ball bekommen hatte. Michael Allendorf zeigte vom Punkt keine Schwächen und verwandelte alle fünf Strafwürfe. Timo Salzer ließ bei einigen Einzelaktionen erkennen, dass er mittlerweile auch über jene individuelle Klasse verfügt, um in der Spitze »mitreden« zu können. Petar Djordjic schrieb sich als Christophersen-Ersatz mit seinen satten Abschlüssen von Halblinks erneut in die Notizbücher anderer Bundesligisten ein. Ralf Waldschmidt

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