13. Dezember 2013, 21:08 Uhr

»Schade, dass wir keine Anerkennungskultur haben«

Ein Interview mit der früheren Lützellindener Meistertorhüterin Sandra Polchow, der neuen Frauenbeauftragten des Deutschen Handball-Bundes.
13. Dezember 2013, 21:08 Uhr
Sandra Polchow

Die freien Wochenenden sind für Sandra Polchow selten geworden. Seit das Präsidium des Deutschen Handball-Bundes die ehemalige Nationalkeeperin Anfang November zur neuen Frauenbeauftragten des DHB ernannt hat, ist die 38-Jährige noch häufiger unterwegs als sonst. »Ich wusste, was mich erwartet«, sagt die gebürtige Berlinerin, die nach Stationen in der Sportwissenschaft mittlerweile für die Stadt München als »Koordinatorin Leistungssport« tätig ist. An der Spitze der Frauenkommission will sie »bewegt bewegen« und Frauen und Mädchen Wege aufzeigen, sich in ihrem geliebten Sport zu engagieren – auch über die Sportlerlaufbahn hinaus. Die duale Karriereplanung liegt der 43-maligen Nationalspielerin dabei besonders am Herzen.

***

Angefangen hat alles damit, dass Sie von der Frauenkommission um eine Beratung gebeten wurden. Jetzt stehen Sie an der Spitze. Was werden Ihre Aufgaben sein?

Polchow: »Ja. Da ging es um die wissenschaftliche Planung eines Schiedsrichterinnen-Kongresses für 2015. Das Projekt werden wir jetzt gemeinsam umsetzen. Es fehlen Frauen an der Pfeife! Seit zwei Wochen steht das Kernteam der Frauenkommission. Wir wollen Begonnenes fortsetzen, aber auch Neues anpacken. Es geht im Grunde immer darum, die Beteiligung von Frauen und Mädchen im Handball zu erhöhen. Dafür müssen zuerst Möglichkeiten geschaffen werden, dass sich mehr Frauen in Funktionen beteiligen – sowohl im Ehren- als auch im Hauptamt, als Trainerin, Schiedsrichterin oder auch auf Verbandsebene. Es geht auch drum, sich als Verband strategische Ziele zu setzen.«

Besonders die duale Karriereplanung liegt Ihnen am Herzen.

Polchow: »Richtig. Es ist schade, dass wir da keine Annerkennungskultur haben, mit der es gelingt, Leistungshandballerinnen auch nach ihrer Karriere verstärkt in Funktion zu bringen. Sie kehren wegen der schwierigen Vereinbarkeit von Leistungssport, Beruf und Familienplanung dann dem Handball den Rücken. Da geht uns viel Erfahrungswissen verloren. Im ersten Schritt geht es um Informationen und Kommunikation zu bestehenden Unterstützungsmöglichkeiten. Hier sehe ich eine enge Vernetzung zum Ressort Leistungssport von Bob Hanning und zu Maik Nowak. Aktuell nutzen wir Handballerinnen noch viel zu selten die Angebote der Stiftung Deutsche Sporthilfe und der Olympiastützpunkte. Das gilt auch für Ehemalige. Teilweise wissen Spielerinnen gar nichts von diesen Angeboten. Inzwischen ist das Angebot so vielfältig. Da sollten wir dran partizipieren, um so auch ehemalige Nationalspielerinnen für den Handball zurückzugewinnen.

Warum ist es wichtig, eine Frauenbeauftragte zu haben?

Polchow: »Leider ist es ja immer noch so, dass es in Führungsebenen zu wenig Frauen gibt. Ziel ist es, die Beteiligung von Frauen zu erhöhen, möglichst ohne Quote. Es ist auch eine Forderung des DOSB, den Frauenanteil zu erhöhen. In der Wirtschaft hat man erkannt, dass Unternehmen mit paritätisch besetzten Führungsgremien am erfolgreichsten sind. Wenn wir erfolgreicher sein wollen, müssen wir neben Fachkompetenz auch auf eine gute Mischung achten. Die fehlt aus Geschlechterperspektive bislang noch. Ich freue mich sehr, dass mit Anja Matthies nun eine ehemalige Weggefährtin Vizepräsidentin Recht im DHB ist. Ein wichtiges Zeichen! Unsere Bevölkerung wird kulturell immer bunter und weiblicher. Das sollte sich auch bei uns widerspiegeln. In Ballungszentren haben wir die Möglichkeit, Mädchen mit ganz unterschiedlichen kulturellen Hintergründen anzusprechen. Dazu brauchen wir aber Menschen, die das Gespür dafür haben und neue Wege gehen. Da geht es um Diversity und Integration ganz unterschiedlicher Zielgruppen, auch für den Handballsport. Das schaffen wir nur, wenn wir uns als Organisation öffnen und selber Veränderungsprozessen aussetzen.«

2017 steht die Frauen-WM in Deutschland an. Gilt jetzt wieder: Wenn nicht jetzt, wann dann?

Polchow: »Ja genau. Damit sind große Hoffnungen verbunden. Wir sehen das in einem Zeitraum bis 2020 – mit der WM 2015 in Dänemark, Olympia 2016 in Rio, der Frauen-WM 2017 in Deutschland und 2019 der Männer-WM in Dänemark und Deutschland. 2017 ist unser großer Meilenstein. Da gilt es, frühzeitig Projekte anzuschieben. Auch die Vereinsbasis sollte vorbereitet sein, mit Trainerinnen und Vorbildern, um interessierten Neulingen, die Bock auf Handball haben auch gute Angebote machen zu können.«

Der Fußball hat es 2011 vorgemacht.

Polchow: »Ja, das stimmt. Nicht zuletzt durch Vorbilder wie Fatmire Bajramaj. Wer kannte Steffi Jones vor der Frauenfußball-WM? Wenige. Der DFB hat die WM genutzt, um eine nachhaltige Struktur zu schaffen. Wie gelingt uns das? Das ist eine spannende Aufgabe. Wir haben gut ausgebildete Frauen, die aus dem Handball kommen, Welthandballerin waren, Rekordnationalspielerin und noch weitere. Die gilt es für das WM-Projekt zu gewinnen. Wir brauchen auch Frauen und Mädchen, die Lust haben, Mannschaften zu trainieren! Die gibt es, aber wir müssen sie auf ihrem Weg unterstützen.«

Derzeit läuft die Frauen-WM in Serbien an. Was trauen Sie der deutschen Mannschaft zu?

Polchow: »Ein Erfolg ist das Erreichen der selbst gesetzten Ziele. Das Erreichen der Hauptrunde. Klar! Es geht überall darum, an den Aufgaben zu wachsen, die eigenen Ziele zu erreichen, zu kämpfen und sich gut zu präsentieren.«

Werden Sie die Spiele verfolgen?

Polchow: »Klar! Und ich drücke feste die Daumen. Mit einigen hab ich ja noch zusammengespielt. Ich freue mich sehr, dass Sport1 überträgt. Ich finde, wir sollten auch anstreben, für den Frauenhandball mehr Öffentlichkeit zu generieren. Es sollte doch möglich sein, in Absprache mit der Liga einmal im Monat ein attraktives Spiel im TV zu zeigen, oder? Vielleicht kann ja auch die WM ein Türöffner sein? Aber das ist nicht mein Aufgabengebiet, sondern nur ein persönlicher Wunsch.« Marc Schäfer

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