19. November 2015, 22:03 Uhr

Rückkehr der HSG Wetzlar zur Normalität

(ra) Die Erfolgsserie ist gerissen. Die HSG Wetzlar kann nach der 26:30-Niederlage vom Mittwoch gegen Meister THW Kiel zur Bundesliga-Normalität zurückkehren – und das ist vielleicht auch ganz gut so.
19. November 2015, 22:03 Uhr
Maximilian Holst und Steffen Fäth können wiederholt die Entscheidung der Schiedsrichters nicht nachvolziehen. (Foto: Vogler)

We nn es an diesem für Wetzlar so großen Handballabend eine Chance gegeben hatte, nach der SG Flensburg/Handewitt und dem SC Magdeburg auch den Abonnementmeister von der Förde mit einer Niederlage nach Hause zu schicken, dann war dies in der Phase zwischen der zehnten und 15. Minute. Das HSG-Team von Trainer Kai Wandschneider lag 4:6 in Rückstand (10.), nutzte nach der Roten Karte gegen Kiels Rene Toft Hansen den kurzzeitigen THW-Schock zum 6:6-Ausgleich (Ferraz, 12.) und schlug zwei Minuten später mit dem 8:6 (wieder Ferraz) weiteres Kapital daraus. Danach ließen Carlos Prieto und Guillaume Joli in kürzester Zeit aber zwei 1000-prozentige Gegenstoßchancen liegen, sodass statt einer durchaus möglichen und die 4400 Zuschauer euphorisierenden 11:7-Führung Niclas Ekberg für den THW zum 9:9 (17.) ausgleichen konnte. Auch für Kreisläufer Sebastian Weber war dies der Knackpunkt der Partie: »Wenn wir die beiden Gegenstöße mitgenommen hätten, wäre es vielleicht ein anderes Spiel geworden. Um Kiel heute zu schlagen, haben wir es aber einfach nicht gut genug gemacht.« Warum?

Die Analyse: Wetzlar hatte enorme Probleme mit der 3:2:1-Abwehr der Kieler. Über die lange Wegstrecke von 60 Minuten fehlten personell einfach die Optionen, um das Erfolg versprechend zu lösen. Individuell und als Team reichte die HSG nur ganz selten an die bisherigen Saisonleistungen heran. Vor allem die eigene Deckung offenbarte gegen die Halben Christian Dissinger und Steffen Weinhold, die zusammen 15 Treffer erzielten, große Schwächen.

Aber auch den THW Kiel hat man im vergangenen Jahrzehnt selten so schwach in der Rittal-Arena erlebt. 30 Minuten lang kein Aktionstempo im Positionsangriff, körperlich und brachial zwar anwesend, aber wo war die spielerische Klasse früherer Tage? Kein Esprit, keine Ideen, wenig Passhärte und -geschwindigkeit. Erst mit der Hereinnahme von Steffen Weinhold für Standhandballer Marko Vujin auf Halbrechts kam nach dem Wechsel der entscheidende und siegbringende Schwung ins Kieler Angriffsspiel. Weinhold ist eben einer der weltbesten Eins-gegen-eins-Linkshänder.

Faktor X: »Unsere Mannschaft tut mir heute leid«, war das kurze, verbitterte Statement von Wetzlars Geschäftsführer Björn Seipp und konnte unausgesprochen ebenso interpretiert werden wie die Aussage »einige technische Fehler waren anderen Umständen geschuldet gewesen« von Kapitän Steffen Fäth. Die Grün-Weißen kämpfen 60 Minuten auch gegen ein Schiedsrichtergespann, gegenüber dem selbst Sport 1-Experte Stefan Kretzschmar während der Live-Übertragung einige kritische Töne anschlug. Für die Wetzlarer Moral waren es ein paar Nadelstiche zu viel, die bei folgenloser Kieler Abwehr durch den Kreis, ständiger aktiver Einflussnahme von THW-Coach Gislason auf das Spiel oder fragwürdigen Zeitstrafen (z. B. gegen Klesniks) gesetzt wurden. Ein grün-weißes Gen hatten Baumgart/Wild ganz sicher nicht. Es wäre sicher spannend, die offizielle Schiedsrichterbewertung mal in die Hände zu bekommen. Auch die vom Match vor wenigen Wochen bei den Rhein-Neckar Löwen…

Stimmen: Wetzlars Nationaltorhüter Andreas Wolff, trotz neun parierter Würfe in Abschnitt eins mit Höhen und Tiefen, zeigte sich gewohnt ehrgeizig und selbstkritisch: »Für unsere Verhältnisse hatten wir eine richtig schlechte Deckung. Wir dürfen nicht zweimal aus einem eigenen Gegenstoß ein Gegenstoßgegentor bekommen. Wir haben eigentlich nie Zugriff auf das Spiel gefunden. Ich weiß gar nicht, weshalb wir dennoch so lang dran waren.« Kiels Meistercoach Alfreds Gislason hatte seine Sieggaranten schnell ausgemacht: »Dissinger und Weinhold haben überragend gespielt. Mit Weinhold im Angriff haben wir viel mehr Bewegung ins Spiel bekommen.«

Perspektive: THW Kiel wird es schwer haben, in dieser Verfassung national und international in dieser Saison um Titel zu spielen. Am Kreis ist man international nur durchschnittlich besetzt – und das Tempospiel über die erste und zweite Welle allein werden es auf höherem Niveau nicht richten.

Bei Wetzlar muss vom Torhüter bis zum Kreisläufer wirklich alles stimmen, um sich unter den Top Ten der Bundesliga behaupten zu können. Dies wird bei zunehmendem Kräfteverschleiß im Saisonverlauf immer schwieriger und war am Mittwoch schon deutlich erkennbar. 19:9 Punkte sind auch weiterhin ein super Handball-Standing für Wetzlar. Aber es ist gut, dass das 26:30 gegen Kiel die Region wieder ein Stück weit zur Bundesliga-Normalität hat zurückkehren lassen. Das schützt vor irreal übersteigerten Erwartungen schon nächsten Freitag im Heimspiel gegen den erneut im finanziellen Chaos zu versinken drohenden HSV Hamburg.

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