12. Februar 2008, 09:52 Uhr

Hinter den Kulissen tobt Machtkampf

(ra) Mit dem Sonntag-29:32 beim VfLWaiblingen hat sich der TV 05 Mainzlar in der 2. Handball-Bundesliga Süd der Frauen endgültig aus dem Playoff-Rennen der Saison 2007/2008 verabschiedet. Besorgniserregender als der sportliche Abstieg des einstigen Tabellenzweiten seit dem 3. Dezember vergangenen Jahres, als sich das Team mit 14:2 Punkten in die Aufstiegsränge gespielt hatte, nach 1:11 Zählern in Serie aber nunmehr auf Rang sechs durchgereicht wurde, ist ein seit Wochen tobender Machtkampf hinter den Kulissen, der das Mainzlarer Zweitliga-Gebilde ins Wanken zu bringen droht.
12. Februar 2008, 09:52 Uhr
Da stimmte noch die Chemie: Monika Ludmilova und Dr. Jürgen Gerlach vor zwei Jahren im Zweitliga-Abstiegskampf. (Foto:Archiv)
(ra) Mit dem Sonntag-29:32 beim VfLWaiblingen hat sich der TV 05 Mainzlar in der 2. Handball-Bundesliga Süd der Frauen endgültig aus dem Playoff-Rennen der Saison 2007/2008 verabschiedet. Besorgniserregender als der sportliche Abstieg des einstigen Tabellenzweiten seit dem 3. Dezember vergangenen Jahres, als sich das Team mit 14:2 Punkten in die Aufstiegsränge gespielt hatte, nach 1:11 Zählern in Serie aber nunmehr auf Rang sechs durchgereicht wurde, ist ein seit Wochen tobender Machtkampf hinter den Kulissen, der das Mainzlarer Zweitliga-Gebilde ins Wanken zu bringen droht. Auf der einen Seite steht die aktuelle Mainzlarer Führung mit GmbH-Geschäftsführer Horst Münch und Trainer Dr. Jürgen Gerlach, auf der anderen die ehemalige TVM-Spielerin Monika Ludmilova und deren bislang für das Marketing zuständiger Lebensgefährte Dieter Mackenrodt.

Vorläufiger Höhepunkt der Auseinandersetzung, in deren Folge seit Monaten Anfeindungen, Diffamierungen, Intrigen und anonyme Anzeigen auf der Tagesordnung stehen sollen, war die Vertragsauflösung von Katerina Ruzickova am Freitag letzter Woche. Die tschechische Jung-Nationalspielerin, die Nichte von Monika Ludmilova, fühlte sich von Trainer Dr. Jürgen Gerlach ungerecht behandelt, nutzte eine Ausstiegsklausel in ihrem Vertrag und ist rechtzeitig zum Ende der Wechselfrist am 15. Februar am Wochenende zum Erstligisten Thüringer HCgewechselt. Zwei Wochen zuvor hatte Horst Münch als Geschäftsführer der Mainzlarer Handball-GmbH am Vorabend der Heimpartie gegen Spitzenreiter FAGöppingen Hallensprecher Dieter Mackenrodt ab- und diesen durch Dirk Vogel ersetzt. Die Querelen innerhalb und außerhalb der Mannschaft sollen nach einer Krisensitzung am 27. Dezember vergangenen Jahres mittlerweile Dimensionen erreicht haben, die auf der einen Seite einen im Dezember schon einmal gedanklich ins Spiel gebrachten Zweitliga-Rückzug zur Folge haben könnten, andererseits den Abschied weiterer Leistungsträgerinnen noch vor Ende der Wechselfrist am 15. Februar nicht unwahrscheinlich erscheinen lassen. Für diesen Donnerstag soll - so die AZ-Informationen - das Team erneut um ein Gespräch mit der Vereinsführung gebeten haben, wenn Vize-Präsident Reiner Mehler aus dem Skiurlaub zurückgekehrt ist.

Ludmilova: »Verunsicherung«

Darum geht es: Monika Ludmilova, Mainzlars »Miss Frauenhandball« und aktuelle Co-Trainerin der deutschen Juniorinnen-Nationalmannschaft, befürchtet eine »Übernahme« des TV05 Mainzlar durch Dr. Jürgen Gerlach. »Dr. Gerlach hat mittlerweile fast das gesamte Umfeld ausgetauscht und durch frühere Lützellindener Weggefährten ersetzt«, stellt die ehemalige tschechische Nationalspielerin fest und äußert ihre Bedenken darüber, dass die Kontrolle über die Bundesliga-Mannschaft erhalten bleibt. »Es finden schon lange keine kompletten Arbeitskreis- und Gesellschaftersitzungen mehr statt«, ergänzt Dieter Mackenrodt, der ebenso wie Ludmilova zu den TVM-Gesellschaftern gehört. Monika Ludmilova untermauert ihren Anschuldigungen damit, dass mit Hans-Werner Weil, Kerstin Grölz, Petra Feye, Sandra Pleines und eben Dieter Mackenrodt bereits einige Eckpfeiler des Mainzlarer Neubeginns in der Nach-Dugall/Bierau-Ära ausgeschieden seien, zu Beginn dieser Spielzeit die Trikotfarbe eigenmächtig geändert und überdies sogar der Schriftzug TV05 Mainzlar vom Spieldress verschwunden sei.

Auch nehme in der Mannschaft die Zahl der Spielerinnen zu, die »die Menschenführung von Jürgen Gerlach nicht mehr akzeptieren«. Im Team gäbe es tiefe Gräben. Es herrsche, so Ludmilova, »die totale Verunsicherung«. Die Spielerinnen wüssten nicht mehr weiter. Man müsse ihnen in und aus dieser Situation helfen. Die einstige Ausnahmehandballerin fordert deshalb den Verein und die Gesellschafter auf, zu reagieren und erwägt für sich selbst einen Vereinsaustritt, da der Konflikt zu eskalieren drohe und schon lange auch vor persönlichen Diffamierungen ihr und ihrer Familie gegenüber nicht mehr Halt mache. Monika Ludmilova möchte abschließend festgehalten wissen, dass es ihr bei ihrer Intervention allein um das Wohl und Wehe des TV 05 Mainzlar gehe und weder sie noch ihr Lebensgefährte Dieter Mackenrodt Trainer- oder Geschäftsführerposten beanspruchen würden. »Das liegt uns fern. Aber die Situation ist unerträglich geworden.«

Dr. Gerlach: Gezielte Intrigen

Für Mainzlars Trainer Dr. Jürgen Gerlach stellt sich die Situation vollkommen anders dar. Für ihn handelt es sich bei den Aussagen von Monika Ludmilova und Dieter Mackenrodt um gezielte Aktionen, erstens um seine Stellung zu unterminieren und zweitens um bewusst einen Keil in die Mannschaft zu treiben. »Ludmilova und Mackenrodt spinnen eine Intrige nach der anderen, mit dem Ziel, selbst in die Verantwortung zu kommen.« Seit einer Arbeitskreissitzung am 31. Oktober vergangenen Jahres, während der Ludmilova/Mackenrodt einen 20000-Euro-Sponsor in Aussicht gestellt hätten, wenn Dirk Leun neuer Trainer und Monika Ludmilova dessen Co-Trainerin bei den Staufenbergerinnen werden würden, sieht sich Dr. Gerlach als Mobbing-Opfer. Die Motivation von Ludmilova/Mackenrodt sei - so Gerlach - eindeutig, schon zu Beginn seines Engagements hätten beide kein Hehl daraus gemacht, dass sie selbst gerne die Chefrollen (»Mackenrodt als Geschäftsführer, Ludmilova als Trainerin«) übernommen hätten. »Im Grunde genommen hat unsere Führung zu spät eingegriffen«, erklärt Gerlach zur Mackenroth-Demission, »denn schon lange machen die beiden auch bewusst in der Mannschaft Stimmung gegen mich. « Den ihm vorgeworfenen Schwächen in der Menschenführung entgegnet Gerlach: »Wenn man derart von außen beeinflusst wird, kann man natürlich nicht mehr trennen zwischen subjektivem Empfinden und objektiver Wahrnehmung.« Natürlich gäbe es hinter vorgehaltener Hand Kritik gerade aus der Ecke, die bislang zu wenig Leistung gebracht und von der ein höherer Aufwand eingefordert werde. Für Dr. Gerlach ist klar: Monika Ludmilova und Dieter Mackenrodt geht es nicht um den TVMainzlar, »sie wollen hier allein das Ruder übernehmen.«

GmbH-Geschäftsführer Horst Münch, der vor zweieinhalb Jahren die Verantwortung übernahm, als der TVM vor dem Aus stand, rückt die Verhältnisse indes schnell zurecht. »Es ist richtig, dass es am 27. Dezember eine tiefgehende Aussprache gegeben hat, weil Unruhe in die Mannschaft getragen wurde und wir reagieren mussten. Dabei habe ich klipp und klar festgehalten, wer hier was zu sagen hat. Punkt. Es war ein gutes Gespräch, wir sind alle aufeinander zugegangen.« Eine Abmelde-Drohung der Mainzlarer Zweitliga-Mannschaft als Druckmittel von seiner Seite aus habe es nie gegeben, ebenso wenig sei die Person von Trainer Dr. Gerlach in Frage gestellt. »Ich habe Dr. Gerlach seinerzeit verpflichtet, halte diese Maßnahme noch heute für richtig und stehe voll hinter ihm.« Den Vorwurf, das Bundesliga-Gebilde TV05 Mainzlar nicht mehr unter Kontrolle zu haben, hält Münch für völlig aus der Luft gegriffen. »Der Arbeitskreis ist voll funktionsfähig. Wir stimmen uns gegenseitig ab und kontrollieren grundsätzlich alle Vorgänge.« Auch die GmbH arbeite kontinuierlich, »dafür muss man sich aber nicht jeden Tag treffen«. Wer die zuständigen Arbeitskreismitglieder Erhard Heßler, Karlfriedrich Zecher, Gerhard Schwalb und Hans-Erich Keil kenne, wisse, dass diese sehr sorgfältig und gewissenhaft arbeiteten. Außerdem führe die bisherige Finanz- und Personalpolitik die gesamte Argumentation der Kritiker ad absurdum: »Wir leben wirtschaftlich solide, ansonsten hätten wir die vom Trainer-Duo gewünschte Verstärkung nach der Koljanin-Verletzung doch realisiert. Die seinerzeit genannten Spielerinnen haben wir uns aber einfach nicht leisten können. Dr. Gerlach hat absolut nichts mit unseren Finanzen zu tun. Er hat gar keinen Einblick.«

Zu den Anfeindungen und Diffamierungen, die von Monika Ludmilova und Dieter Mackenrodt angesprochen wurden, äußerte sich Münch zurückhaltend: »Das ist nichts für die Öffentlichkeit. Ich für mich versuche Privates und Dienstliches immer zu trennen. Bei den beiden Personen ist das aber wohl etwas anderes.«

Weber: Kein Freizeitpark

Für Co-Trainer Eckhard Weber ist das Fass längst übergelaufen. »So kann es nicht weitergehen«, sind für ihn Konsequenzen nach der Blamage in Waiblingen (»Das war Arbeitsverweigerung«) in dieser Woche unausweichlich. Laut Weber werden er, Dr. Gerlach und Horst Münch seit Monaten persönlich verunglimpft. Weber spricht von immer wieder verfassten Schriftstücken mit haltlosen Beschuldigungen, die gegen das Führungsgremium in Umlauf gebracht werden. Weber erhebt den Vorwurf, dass Monika Ludmilova und Dieter Mackenrodt Spielerinnen wie Domenika Dolny, Anna Lisowska, Andrijana Atanasoska, Gina Duketis oder auch Nina Hess und Nicole Dauth gezielt infiltrieren. Mit dem Ergebnis, »dass das Klima vergiftet, das Team tief gespalten ist und wir mittlerweile wie ein Regionalligist auftreten«. Das müsse ein Ende haben, für ihn selbst sei »die Schmerzgrenze überschritten«, das könne man weder den Zuschauern noch den Sponsoren zumuten. In Richtung der sich leistungsmäßig verweigernden Akteurinnen, deren Namen er nicht verschweigt, redet Eckhard Weber Klartext: »Wir sind kein Studenten-Parlament und auch kein Freizeitpark. Wer bewusst nur die halbe Leistung bringt, muss die Folgen spüren.« Eckhard Weber weiß, was die Stunde geschlagen hat:»Hier wird gezielt gegen den Trainerstab und die Geschäftsführung intrigiert und gearbeitet. Das muss ein Ende haben. Noch in dieser Woche muss eine Entscheidung fallen. So oder so!«

Hess: Mündige Spielerin

Und die Spielerinnen? Bis auf Nina Hess in ihrer Funktion als Mannschaftsführerin wollen die anderen TVM-Handballerinnen bis Mitte der Woche erst eine gemeinsame Erklärung verfassen, um dann mit dieser an die Öffentlichkeit zu gehen. Für die 24-jährige Aufbauspielerin schienen die Brände vor der Waiblingen-Partie eigentlich gelöscht. Die Ex-Göppingerin bestätigte die Aussprache am 27. Dezember, klammerte auch die Probleme einiger Akteurinnen mit Dr. Gerlach (»Ich bin eine mündige Spielerin und lasse mir nicht alles gefallen«) nicht aus, gab sich aber zuversichtlich für den weiteren Saisonverlauf:»Wir wollen uns auf den Handball konzentrieren. Die 27 anderen Geschichten, die da noch erzählt werden, interessieren uns nicht. Wir wollen damit nichts zu tun haben, zumal niemand weiß, welche davon erfunden wurden.« Die Situation vor der Dezember-Aussprache schilderte Nina Hess aber etwas anders. Es sei schon so gewesen, dass einige unter Jürgen Gerlach nicht mehr spielen wollten, dessen autoritären Führungsstil kritisierten (»Jürgen weiß genau, mit wem er was machen kann«) und sich die Mannschaft mit diesen fünf, sechs Akteurinnen solidarisch gezeigt habe. Mit dem folgenden Machtwort von Geschäftsführer Horst Münch seien bei einigen schon unausweichlich Existenzängste geschürt worden. Sie persönlich werde immer ihren Mund auf machen, wenn sie es für notwendig erachte. »Schließlich bin ich bereits mit 16 von zu Hause ausgezogen und stehe seitdem auf eigenen Füßen.«

Mainzlar: Turbulente Tage

Da stehen dem Mainzlarer Bundesliga-Handball bis zum Heimspiel am Samstag gegen die TSG Ober-Eschbach turbulente Tage ins Haus. Auch wenn die betroffenen Parteien das Wort wechselseitig nicht in den Mund nehmen, ist die TVM-Führung (51 Prozent der GmbH-Anteile gehören dem Klub) gefordert, dieser mittlerweile unerträglichen Situation ein Ende zu bereiten.

Einwurf

Stimmt nur ein Teil der gegenseitig erhobenen Vorwürfe, so sind die Mainzlarer Verantwortlichen zum sofortigen Handeln gezwungen. Der entstandene Schaden ist ohnehin schon groß genug, sollen doch einige der Anschuldigungen tief in die Privatsphären gehen und mittlerweile lange existierende Freundschaften gefährden.

Da ist von anonymen Briefen an Staatsanwälte und Arbeitgeber die Rede, da werden Gerüchte über sexuelle Verhältnisse verbreitet, da soll ein »System aus Drohung und Repressalien« bestehen, da gibt es Betrugsvorwürfe, von einem »Klima der Angst« wird gesprochen.

Inwieweit für Letzteres Klärungsbedarf besteht, haben die Beteiligten für sich selbst zu entscheiden. Soll der mittelhessische Frauenhandball aber nicht endgültig von der Bundesliga-Landkarte verschwinden, müssen die Verhältnisse durch Verein und Gesellschafter eindeutig geklärt werden. Sofort!

Ralf Waldschmidt

 

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