22. November 2012, 18:33 Uhr

Die »Hacker« aus Wetzlar

(ra) Der Siegtreffer 1:08 Minuten vor Schluss von Kari Kristjan Kirstjansson, dem Kreisläufer. Der Tumult auf dem Parkett, der nach dem Abpfiff die Heißsporne Michael Müller und Silvio Heinevetter aneinandergeraten ließ, nachdem sie sich schon während der packenden Partie heftige Wortgefechte geliefert hatten.
22. November 2012, 18:33 Uhr

Die neuerlich erfolgreiche Attacke der Mittelhessen auf das Bundesliga-Establishement. Der 28:27 (15:13)-Erfolg der HSG Wetzlar bei den Füchsen Berlin war am Donnerstag noch vor 7 Uhr in der Früh sogar Thema im ARD-/ZDF-Frühstücksfernsehen und beschäftigt mittlerweile die ganze Liga.

19:7 Punkte, Platz drei nach 13 Spieltagen - Siege in Balingen, in Magdeburg, in Göppingen und in Berlin: Die Wetzlarer Erstliga-Handballer dürfen sich derzeit wie Computer-Hacker fühlen, die nach 14 Spielzeiten Existenzkampf den Bundesliga-Server manipuliert und sich Zugriff auf die Datenbank des Erfolges verschafft zu haben scheinen. Großwallstadt, Gummersbach und Lemgo in der Abstiegszone, Magdeburg und Göppingen im Mittelmaß, Wetzlar auf einem Champions-League-Platz - verkehrte Handball-Welt.

Natürlich rufen Heimsiege über den HSV Hamburg und Teilerfolge über die SG Flensburg/Handewitt die IT-Spezialisten und Virenschützer der Liga auf den Plan. Die Nortons und McAfees finden aber weder Virenangriffe noch Systemfehler vor, sind eher schon zur feindlichen Übernahme (Müller/Müller) bereit.

Auch wenn sich die Berliner B.Z. und der Tagesspiegel am Tag danach boulevardesk in großen Lettern und mit dramatischen Aufnahmen auf die Wildwestszenen nach dem Abpfiff konzentrierten und weniger die Klarheiten im Spiel suchten, so waren es auch vor 6500 Zuschauern in der Max-Schmeling-Halle wieder die handballspezifischen Details, die die HSG Wetzlar den nächsten großen Triumph dieser Saison feiern ließen.

Fannar Fridgeirsson bot 35 Minuten lang eine herausragende Leistung auf der Mitte, nachdem Adnan Harmandic schon nach neun Minuten beim Stande von 5:5 vom Feld musste, da er einen Schlag ins Gesicht bekommen hatte. Als der Bosnier in der 45. Minute zurückkehrte, begann die große Zeit im Zwei-gegen-Zwei zusammen mit Kreisläufer Kari Kristjan Kristjansson. Der Isländer warf vom 24:21 in der 48. Minute bis zum erwähnten 28:27-Siegtreffer die letzten fünf Tore der Wetzlarer auf Vorarbeit von Harmandic. Trainer Wandschneider: »Das war klasse. Das hat der Berliner Innenblock nicht lösen können.«

Darüber hinaus war Steffen Fäth mental in der Lage, immer wieder »dorthin zu gehen, wo es wehtut« (Wandschneider), und als Alois Mraz den Deckungsverbund der HSG soweit organisiert hatte, dass dieser auch Berlins Mittelmann Bartlomiej Jazska (»er versuchte ständig, den zweiten Mann zu binden«) in den Griff bekam, gerieten die Grün-Weißen nach dem 11:12 in der 22. Minute eben durch Jaszka nicht mehr in Rückstand.

Ein weiterer, nicht unbedeutender Faktor war, dass sich die Müller und Co. weder von den 6500 emotional Geladenen auf den Rängen noch von einem ständig theatralisierenden Silvio Heinevetter oder einem stichelnden Füchse-Trainer Dagur Sigurdsson aus der Balance bringen ließen. Dort wo die Grün-Wießen vor einem Jahr noch stiften gegangen und eingeknickt wären, ließen sie sich diesmal mit breiter Brust und noch breiterem Kreuz nichts gefallen.

Wenn die Berliner nach Antworten für die Niederlage suchten, mussten sie die richtigen Fragen stellen. Weshalb blieben Weltstars wie Spoljaric, Lund oder Romero so blass? Wieso konnte in der Endphase das Kleingruppen-Problem Kristjansson/Harmandic nicht gelöst werden? Warum wurde das konzentrationsraubende Gestikulieren, Diskutieren und Provozieren nicht schon im Keim erstickt?

Den Wetzlarern konnte das nur recht sein. Dass sich der aktuelle Tabellendritte keinen illegalen Server- Zugang zur Spitzengruppe verschafft hat, hat mittlerweile auch Bundestrainer Martin Heuberger registriert und nach Michael Müller und Tobias Reichmann auch Steffen Fäth zur A-Nationalmannschaft eingeladen. Für HSG-Coach Kai Wandschneider und sein Trainerteam eine nachhaltige Bestätigung ihrer Arbeit, die schon heute Vormittag wieder mit der Mannschaft fortgesetzt wird. Der Donnerstag war trainingsfrei, ab heute gilt es sich schon wieder auf das Heimspiel nächsten Freitag gegen Tusem Essen zu fokussieren. Gelle ihr Berliner!

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