05. Februar 2010, 23:02 Uhr

»Bin noch nicht wieder der Alte«

Zwei Monate ist er im Krankenhaus und in der Reha in Braunfels gewesen. Nun hat Rainer Dotzauer als Sportlicher Leiter der HSG Wetzlar seine Arbeit wieder aufgenommen. AZ-Redakteur Ralf Waldschmidt sprach mit dem 62-Jährigen über seinen nach 1997 zweiten erlittenen Schlaganfall, über acht ereignisreiche Wochen beim Handball-Bundesligisten sowie über seine persönliche und die Zukunft des Klubs.
05. Februar 2010, 23:02 Uhr
Rainer Dotzauer: »Ich werde dafür kämpfen, wieder der Alte zu werden.«

Zwei Monate ist er im Krankenhaus und in der Reha in Braunfels gewesen. Nun hat Rainer Dotzauer als Sportlicher Leiter der HSG Wetzlar seine Arbeit wieder aufgenommen. AZ-Redakteur Ralf Waldschmidt sprach mit dem 62-Jährigen über seinen nach 1997 zweiten erlittenen Schlaganfall, über acht ereignisreiche Wochen beim Handball-Bundesligisten sowie über seine persönliche und die Zukunft des Klubs.

Selten hat die verpönteste aller Journalisten-Fragen besser gepasst als jetzt: Wie geht es Ihnen?

Rainer Dotzauer: »Es geht mir von Tag zu Tag besser. Die Reha ist beendet. Seit Dienstag bin ich wieder am Schreibtisch. Die Ärzte hätten mich zwar gerne länger behalten, aber die Reise nach Wien zur EM war lange geplant und hat mir gutgetan. Man versucht mich nun, motorisch auf den Stand von vor 13 Jahren zu bringen, vor allem die Hand wieder beweglicher zu machen. Ich bin noch nicht wieder der Alte, aber auf den Weg dahin. Und ich werde dafür kämpfen, dass es so wieder wird.«

Hat sich Ihr neuerlicher Schlaganfall in irgendeiner Art und Weise angekündigt. Wie gehen Sie nach der Reha mit der gesundheitlichen Beeinträchtigung um?

Rainer Dotzauer: »Nein. Bei mir wurde ständig der Blutdruck überwacht. Ich hatte keinen Stress, keine besondere Aufregung, es gab keine Anzeichen. Das Problem - so sagen die Ärzte - war wohl das Medikament Marcumar, das ich seit acht Jahren einnehme und das mir nie Sorgen bereitete. Ich kann nur meiner Hausärztin Frau Dr. Wille danken, die von Münchholzhausen aus in wenigen Minuten bei mir war und die Situation sofort erkannt und entsprechend gehandelt hat. Ich weiß nicht, was ohne ihr schnelles Eingreifen heute mit mir wäre. Das ganze ist ja frühmorgens passiert, um halb sieben. Ich bin aufgestanden, da war mir etwas schwindelig, und im Bad bin ich dann umgekippt.«

Wie lautet der Rat der Ärzte?

Rainer Dotzauer: »Mir steht noch ein kleiner operativer Eingriff bevor, zu dem mir Prof. Dr. Seckewitz, der Mannschaftsarzt des TV Großwallstadt, geraten hat. Bei ihm waren auch schon Kurt Klühspies, Michael Roth oder Louis Rack in Behandlung. Das muss von einem Spezialisten in Leipzig, Bad Nauheim oder Frankfurt gemacht werden. Da muss man nur noch sehen, wo er vorgenommen wird. Natürlich sagen sie Ärzte, dass ich künftig kürzertreten soll.«

Sie hatten ohnehin angekündigt, im Sommer das operative Geschäft anderen zu überlassen. Hat sich an diesem Vorhaben etwas geändert?

Rainer Dotzauer: »Daran hat sich nichts geändert. Es bleibt dabei, was ich vor der Runde angekündigt habe. Die jüngste Entwicklung hat - so paradox es klingt - ja schon einmal eingefordert, dass es auch ohne mich gehen muss.«

Es ist viel passiert in ihrer Abwesenheit. Als sie in den Krankenstand gingen, hatte die HSG 12:10 Punkte auf dem Konto, seither gab es 1:13 Zähler in Folge. Wo liegen die Gründe?

Rainer Dotzauer: »Ich weiß es nicht. Wir hatten eine gute Termingestaltung, die Ergebnisse stimmten zunächst, die Mannschaft wirkte stabil. Ich lasse es nicht gelten, die angespannte wirtschaftliche Situation als Ausrede anzuführen, da hatten wir schon weit Schlimmeres. Enttäuschend waren die Spiele in Balingen, in Düsseldorf und gegen Dormagen. Zum Glück habe ich die nicht gesehen. Sicher war der Druck da, dazu gab es Angebote für Christophersen, Salzer und Allendorf. Das darf aber kein Alibi für so einen Einbruch sein. Ich selbst hatte nicht mit ihm gerechnet. Vier Punkte mehr, und wir stünden jetzt irgendwo auf Platz zehn oder elf.«

Hätte es mit einem aktiv ins Tagesgeschäft eingebundenen Rainer Dotzauer die Abgänge von Sven-Sören Christophersen, Petar Djordjic, Avishay Smoler und Axel Geerken gegeben?

Rainer Dotzauer: »Wenn es um Spieler wie Christophersen geht, einen Nationalspieler, und dieser selbst glaubt, er ist so weit für andere, für höhere Aufgaben, dann ist er von uns nicht zu halten. Da haben wir keine Chance. Für Smoler gilt das Gleiche.«

Kann man etwas über die Hintergründe erfahren?

Rainer Dotzauer: »Wir waren uns mit Sven-Sören Christophersen fast schon einig. Dann kam die EM-Absage von Pascal Hens und damit die sofort nach oben schießende Wertsteigerung von Sven-Sören als Nationalspieler und definitiver EM-Fahrer. Die Karten wurden wieder neu gemischt, die besseren hatten dann halt die Füchse. Zumal ›Smöre‹ gesehen hat, dass wir finanziell bereits am Limit waren.«

In der Vergangenheit haben sie es immer geschafft, wichtige Spieler oder Persönlichkeiten über ihre aktive Zeit hinaus an die HSG zu binden. Beispielsweise »Wolle« Klimpke, Chalepo, Sighvatsson, und dadurch eine hohe Identifikation geschaffen. War das bei Zoran Djordjic nicht möglich?

Rainer Dotzauer: »Auch hier ist es so gekommen, wie es gekommen ist. Das ist halt die Entwicklung. Die Zeiten haben sich geändert. Unser Ziel muss es sein, mit 300 000 Euro weniger Etat eine in etwa gleich starke Mannschaft zu bekommen. Das wird schwer genug. Wenn sich bei uns Spieler wie Kaufmann, Christophersen, Alvanos, Karipidis oder Smoler entwickelt haben, ist die Sache für uns in der Regel vorbei. Das ist die Realität.«

Die größere Professionalität hat also auch ihre Kehrseiten?

Rainer Dotzauer: »Genauso ist es. Horst Bredemeier hat erst kürzlich zu mir gesagt, für uns ist bald kein Platz mehr. Ich hoffe aber, wir können es noch ein oder zwei Jahre so halten. Dazu möchte ich mein Scherflein noch beitragen.«

In diesem Geschäft muss man auch ungewöhnliche Wege gehen. Gerade die HSG!

Rainer Dotzauer: »Gerade im Fall Djordjic war das aber etwas Besonders. Zoran hat immer gesagt, er ist kein Co-Trainer. Und ihn als Chefcoach bei uns zu engagieren, war mir ein zu großes Risiko.«

Inwieweit waren sie am Wechsel Schnobrich/Geerken beteiligt. Wie ist er über die Bühne gegangen?

Rainer Dotzauer: »Da muss ich einmal mit ein paar Gerüchten aufräumen. Das eine hat mit dem anderen im Prinzip gar nichts zu tun. Axel hat eine Neuorientierung gesucht, von Gummersbach eine Chance geboten bekommen und diese dann auch genutzt. Ganz einfach. Das hat mit Kiel im letzten Frühjahr angefangen und ist mit Gummersbach jetzt in Erfüllung gegangen. Der eine ist wegen dem anderen weder gekommen bzw. noch umgekehrt ausgebootet worden. Das zu behaupten, wäre gegenüber Sascha Schnobrich und gegenüber Axel Geerken unfair.«

Für einen Moment - auch aufgrund der klubseitigen Nachrichtensperre - sah es Anfang Dezember wie bei der Meuterei auf der Bounty aus: Dotzauer/Geerken weg, Schnobrich/Reimann da.

Rainer Dotzauer: »Absolut nicht. Das ist nicht zutreffend und ein falsches Bild. Sascha Schnobrich und Hardo Reimann stehen jetzt stärker in der Veranwortung und ich werde allein noch für das Sportliche zuständig sein. Es ist ein Miteinander, kein Gegeneinander. Wir müssen nach vorne schauen.«

Andere Frage: Vor einem bzw. vor einem halben Jahr hieß es von Klubseite, die Finanzen im Griff zu haben. Wie ist es zur Schieflage gekommen bzw. wie ist die aktuelle Situation? Es war ja klar, dass die hohe Mudrow-Abfindung den aktuellen Etat beeinflussen und die Liquidität beinträchtigen würde?

Rainer Dotzauer: »Die Abfindung hat das erste große Loch gerissen. Dazu muss ich aber sagen, dass sie sich im Nachhinein rechnet, denn ohne Volker Mudrow - was immer auch danach passiert ist - wären wir abgestiegen Davon bin ich überzeugt. Aber der Trainer Volker Mudrow war für uns vom Volumen her einfach eine Nummer zu groß. Ein Verein wie Lemgo, der fünf oder sechs Millionen als Etat zur Verfügung hat, muss sich nicht solche Gedanken machen wie wir. Die aktuelle Situation ist so, dass wir - wie ich schon angedeutet habe - beim Abspecken sind. In der Größenordnung 300 000 Euro.«

Welche Möglichkeiten gibt es da?

Rainer Dotzauer: »Die meisten Vereine müssen für ihren Bundesliga-Standort nichts zahlen. Da müssen wir mit der Stadt sprechen, auch wenn ich festhalten will, dass wir von dieser Seite immer jedmögliche Unterstützung bekommen haben. Wir müssen für die Arena zahlen und gehen von daher pro Jahr mit 50 000 Euro Minus aus der Saison. Das können wir nicht mehr auffangen, auch mit personellen Entscheidungen nicht mehr. Nach dem WM-Titelgewinn sind wir der Fehleinschätzung aufgesessen, dass es mit Handball imer weiter nach oben geht. Da wurden Verträge gemacht, die nicht gut für uns waren. Dann ist die Wirtschaftskrise gekommen. Da werden Schwimmbäder geschlossen, da werden Sporthallen dicht gemacht - und im Gegensatz zu Nettelstedt oder Melsungen aber haben wir keinen Mäzen hinter uns.«

Das bedeutet?

Rainer Dotzauer: »Wir müssen jetzt einen Neuanfang starten. Und zwar mit dem Personal, das wir jetzt aufgestellt haben. Also mit Sascha Schnobrich, der für die Finanzen zuständig ist, und einem aktiven Aufsichtsratsvorsitzenden Hardo Reimann. Wenn wir uns in der Bundesliga halten können, müssen wir hochzufrieden sein. Wir sind immerhin schon zwölf Jahre dabei. Da sollten wir immer schön die Ohren anlegen.«

Unseren Informationen zur folge hat Wetzlar Petar Djordjic in Flensburg angeboten. Nicht umgekehrt.

Rainer Dotzauer: »Djordjic ist eine ganz eigene Geschichte. Fest steht, dass sie, Zoran und Petar, hier unzufrieden waren. Fest steht, dass auch ich nicht immer zufrieden war, so wie er eingesetzt worden war. Fest steht, dass Michael Roth Grund hatte, mit ihm unzufrieden zu sein. Er muss nun halt sein Glück mal woanders versuchen. Das darf man alles nicht so eng sehen, zumal sich frühzeitig eine Möglichkeit mit Steffen Fäth abgezeichnet hat. Die Kontakte bestehen ja nicht erst seit gestern. «

Sehen Sie sportlich Gefahren für den Rest der Saison. Was ist, wenn die Partie gegen Minden am 20. Februar verloren geht?

Rainer Dotzauer: »Wir brauchen die Form der frühen Vorrunde, um auch dieses Jahr wieder den Klassenerhalt zu schaffen. Und wir haben es noch nicht geschafft. Das sehen einige zwar anders, aber so einfach wird das nicht. Minden wird schon ein Schlüsselspiel. Die Bedeutung der Partie gegen Minden wird von allen runtergespielt. Nicht von mir, für mich ist sie lebenswichtig! Sonst geht die Kritik sofort wieder los - und wenn man die Partien betrachtet, die danach kommen...«

Wird der Klassenerhalt geschafft, steht der Klub erstmals seit Längerem wieder vor einem größeren personellen Umbruch. Ist ihnen bange davor?

Rainer Dotzauer: »Keineswegs. Wir wissen, wie wir aufgestellt sind, und wir werden entsprechend unserer Möglichkeiten handeln.«

Sie waren schon wieder bei der EM in Wien. Gab es dort erste Kontakte zu vermeintlichen Neuzugängen?

Rainer Dotzauer: »Da gab es schon einige Kandidaten. Ganz sicher. Aber keine, die für uns infrage kommen, weil wir sie ohnehin nicht bezahlen können.«

Aber die Spielervermittler und -berater waren doch sicher zuhauf vor Ort!

Rainer Dotzauer: »Die waren natürlich da und wir haben auch schon Gespräche geführt, für die Positionen, auf denen wir Veränderungen benötigen. Wir kennen unsere Schwachpunkte. Von daher ist es manchmal auch nützlich, das Verträge ganz normal auslaufen. Denn die Preise gehen derzeit nach unten, was vor drei Jahren noch ganz anders war.«

Beenden sie mit Blick auf die Zukunft bitte folgenden Satzanfang: Wetten, dass....

Rainer Dotzauer: »... die HSG in zwei Jahren mit einem seriösen Etat weiter in der Bundesliga spielt.«

»Ja, ich weiß. Vereinhalb statt fünf Stunden täglich.« (Ehefrau Uschi auf die Bestätigung ihres Mannes, dem Rat der Ärzte zu folgen und künftig kürzerzutreten).

Schlagworte in diesem Artikel

  • Apoplexie
  • Axel Geerken
  • HSG D/M Wetzlar
  • Krankenhäuser
  • Michael Roth
  • Pascal Hens
  • Sportliche Leiter
  • Sven-Sören Christophersen
  • TV Großwallstadt
  • Lädt

    Schlagwort zu
    Meine Themen

    Sie haben bereits 15 Themen gewählt

    Sie folgen diesem
    Thema bereits

Klicken Sie auf ein Schlagwort, um es zu „Meine Themen” hinzuzufügen oder weitere Inhalte dazu zu sehen.


0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Kommentar schreiben - Ihre Meinung zum Thema ist gefragt


Kommentare werden erst nach einer Prüfung durch die Redaktion veröffentlicht. Bitte beachten Sie die Netiquette sowie die Hinweise nach dem Absenden Ihres Beitrags.


Überschrift
Meine Meinung





Sie haben noch kein Login? Jetzt kostenlos registrieren.

Registrieren Sie sich kostenlos um Ihren Kommentar abzuschließen:

Wir garantieren Ihnen, dass alle persönlichen Daten nur beim Verlag intern verwendet werden und nicht ohne Zustimmung an Dritte weitergegeben werden.


Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:
Wieviel ist 10 x 2: 




Sie sind bereits registriert? Zurück zum Login.