01. November 2016, 23:23 Uhr

Anett Sattler: »Wichtig ist, zuhören zu können«

(ra) Sie ist seit Jahren neben Kultfigur Stefan Kretzschmar das Handball-Gesicht von SPORT 1. Im Interview mit dieser Zeitung klärt sich, weshalb Anett Sattler trotz ihrer nur 1,58 m Körpergröße mit den Sportassen der Nation auf Augenhöhe ist.
01. November 2016, 23:23 Uhr
Anett Sattler, das Handball-Gesicht von SPORT 1. (Foto: pm)

Es ist gar nicht so einfach, ein Interview mit einer Fernsehfrau zu führen, der über Jahre hinweg eigentlich schon alle elementaren Fragen zu ihrer Tätigkeit gestellt worden sind. Wenn es dann aber doch gelingt, das eine oder andere (Quoten )Thema anzusprechen, mit welchem der 33-jährige Blondschopf noch nicht allzu oft in Berührung gekommen ist, freut man sich als Print-Kollege ebenso wie die SPORT 1-Moderatorin über ein gelungenes Interview.

Anett Sattler hat selbst Handball gespielt, bei dem Verein, dem SV Lok Rangsdorf im Brandenburgischen, in dem Europameister Tobias Reichmann groß geworden ist und den sie selbst für kurze Zeit beim Nachwuchs trainiert hat. Im Beruf verfügt sie bildlich gesprochen über eine ebensolche Sprungkraft wie sie einst als Spielerin erforderlich war, um ihre fehlende Körpergröße zu kompensieren. Das muss sie heute als TV-Frau wahrlich nicht mehr, die Kompetenz von Anett Sattler und ihrem Team ist unstrittig. Beim Boxen, beim Fußball – vor allem aber beim Handball.

Auch heute Abend wird die frühere Rechtsaußen- und Rückraumspielerin wieder zum SPORT 1-Team gehören, das live aus Wetzlar in die deutschen Wohnzimmer das EM-Qualifikationsspiel Deutschland gegen Portugal transportiert (18.45 Uhr). Die 4400 Zuschauer in der Rittal-Arena werden die markante Kurzhaar-Blondine bei der Moderation und beim Interview erleben und sich sagen: »Die kenne ich doch!« Keine Frage, Anett Sattler ist als SPORT 1-Reporterin nicht das, aber ganz sicher ein Gesicht des deutschen Handballs geworden.

***

Wie sind Sie zu Ihrem Sport gekommen?

Sattler: Das war der klassische Weg. Ich bin im Kindergarten angesprochen worden, wie meine Freundinnen auch. Die sind dann hin und ich mit ihnen. Ich habe sofort Spaß an der Sache gefunden, vor allem am Miteinander. Freundschaften und Sport miteinander zu verbinden, fand ich von Anfang an toll. Mit vier Jahren war das, beim SV Lok Rangsdorf.

Woraus hat sich dann der Berufswunsch entwickelt?

Sattler: »Ich habe mich dann ja später über die Jahre auf allen Spielfeldern, die man sich so vorstellen kann, bewegt. Ob als Spielerin, als Trainerin, als Schiedsrichterin, als Kampfrichterin, als Jugendsprecherin, als Organisatorin – das war genau und früh mein Ding. Deshalb wollte ich nach dem Abitur unbedingt etwas mit Sport machen, das war klar. Durch meine Pressearbeit für den Verein und zahlreiche Praktika in meiner Schulzeit hatte ich ja schon Kontakt mit den Medien gehabt. An einem Montagabend nach dem Training kam dann eher zufällig der Kontakt zum Leiter der DSF-Außenstelle Berlin zustande. Mein Trainer wusste von meinem Journalistenwunsch und hat mich auf ihn aufmerksam gemacht. Ich habe Eik Galley auf ein Praktikum angesprochen und er hat mir nur entgegnet, ich solle ihn mal anrufen. Gesagt, getan – da war ich! In den Winterferien der 13. Klasse für zwei Wochen und dann noch einmal nach meinem Abitur für zwei Monate.

Das lief ja relativ reibungslos.

Sattler: Als Studentin habe ich 2003 gleich meinen ersten Vertrag als freie Mitarbeiterin bekommen. Ich mochte das von Beginn an, diese Livesendung-Atmosphäre, diese Hektik, das von 0 auf 100 kommen. Nach einem Interview mit Tim Wiese im Frühjahr 2009 wurde der damalige Projektmanager Boxen auf mich aufmerksam und gab mir die Möglichkeit, mich zum ersten Mal vor der Kamera bei einer Live-Übertragung zu beweisen. Danach hatte man mich dann für solche Aufgaben auf dem Zettel. Als das DSF seinerzeit nur drei Monate später umfangreiche Handball-Rechte bekam, war ich von Beginn an bei dem Projekt dabei. Eine glückliche Fügung für mich. Ich habe fortan meine Leidenschaft für den Handball mit der Arbeit als Journalistin verbinden können. Das war einfach großartig.

Was würden Sie jungen Menschen empfehlen, die den gleichen Berufsweg einschlagen wollen?

Sattler: Ich werde wirklich oft gefragt. Ich lade die Jungs und Mädchen dann auch mal zu einer unserer Live-Sendungen ein und lasse sie über meine Schultern schauen und das Geschäft etwas kennenlernen. Wichtig ist, das sage ich gleich klar und deutlich, dass man bereit ist, all die Nebengeräusche mitzunehmen, die der Beruf mit sich bringt. Immer wenn die Freunde feiern oder Party machen, ist man für den Job unterwegs. Man hat wenig Privatleben. Auch ist es wichtig, so früh wie möglich Praxiserfahrung zu sammeln, um herauszufinden, ob man für so etwas überhaupt geschaffen ist. Vor oder hinter der Kamera oder eher im Online- oder Printbereich.

Was benötigt man für den Job, bei dem man eigentlich ständig unter Strom und in Alarmbereitschaft ist – wie Sie es einmal selbst ausgedrückt haben?

Sattler: Begeisterung für den Sport, für die Sache an sich. Man muss wissen, dass man dazu da ist, den Sport mit viel Engagement zum Publikum zu transportieren. Das muss eine Herzensangelegenheit sein.

Stichwort Handball und SPORT 1: Wie sieht so ein Spieltag für Sie als Moderatorin/Interviewerin aus. Vorbereitung, Ablauf, Dauer?

Sattler: An- und Abfahrt zum Termin erfolgen individuell. Das macht jeder so, wie er es für richtig hält. Da wird auch mal übernachtet, wenn es erforderlich ist. Das Team trifft sich in der Regel zwei Stunden vor Sendebeginn. Am Mittwoch beim Länderspiel in Wetzlar also schon gegen 16 Uhr, da wir ja bereits um 18 Uhr das DHB-Pokal-Viertelfinale live auslosen. Da wird der Ablauf besprochen, die Technik überprüft, die Moderatoren- und Kommentatorenplätze eingerichtet und sich mit dem Experten abgesprochen. Meist ist es Stefan Kretzschmar, in Wetzlar wird es diesmal Daniel Stephan sein. Eine halbe Stunde nach Spielschluss sind dann auch die letzten Interviews, die wir ja auch für unsere Online-Plattform produzieren, im Kasten. Dann ist Feierabend.

Wer entscheidet, wer von den Akteuren nach dem Spiel vor die Kamera kommt?

Sattler: Das ist von Fall zu Fall verschieden. Mal der Verantwortliche für die Sendung, mal ich. Sind wir einmal nicht einer Meinung, einigen wir uns aber immer recht schnell. Das läuft reibungslos ab.

Würde es Sie reizen, eine Partie live als Reporterin zu kommentieren?

Sattler: Ja. Aber ich habe einen Höllenrespekt vor der Leistung, 60 Minuten und mehr ein Spiel zu kommentieren und jede Situation richtig zu bewerten. Aber darüber nachgedacht habe ich schon einige Male.

Im Fußball wie beim Handball stehen Frauen in der Mehrzahl als Moderatorin oder Feldreporterin parat. Die Kommentatoren-Quote sieht anders aus.

Sattler: Und wenn man es dann macht, bricht – wie im Sommer bei der Fußball-EM – über eine Claudia Neumann gleich ein ungerechtfertigter Shitstorm aus. Ich denke, das ist ein Thema für die Zukunft. Aber kein einfaches. Leider.

Das Mittwoch-Länderspiel in Wetzlar ist nicht irgendeins, es ist ein EM-Qualifikationsspiel. Ist da die Anspannung noch immer eine andere?

Sattler: Selbstverständlich. Immer dort, wo Ergebnisse längere Konsequenzen haben, ist es besonders prickelnd. Die Aufgabe beim Nationalteam mag ich sehr, ich denke, als deutscher Sender kann man da bei aller Professionalität auch etwas Emotionen für das eigene Team einbringen. Das halte ich für legitim. Man muss sich da nicht verstellen.

Spürt man als Medienfrau, die den Handball schon so lange begleitet, dass da wieder eine besondere Generation heranwächst? Hat das den Umgang miteinander verändert?

Sattler: Bundestrainer Sigurdsson hat viele Talente erkannt, die selbst einige unserer Experten so nicht auf dem Schirm hatten. Er hat einen sehr guten Blick dafür. Es ist einfach klasse, wie sich das Team in den letzten anderthalb Jahren entwickelt hat, auch der Teamgeist. Das bekommt man natürlich mit und spürt das auch. Dann wird alles viel positiver. Ich habe es auch schon anders erlebt. Der Umgang miteinander ist aber schon immer respektvoll.

Wen würden Sie auf jeden Fall aufstellen, wenn Sie Bundestrainerin wären?

Sattler: Puuh. Schwere Frage. Die Stärke der Mannschaft macht ja eigentlich aus, dass es keinen Überflieger gibt, das – wie bei der Europameisterschaft gesehen – jeder ein Teil vom Ganzen ist. Wenn ich einen Spieler nehmen würde, dann auf jeden Fall Steffen Weinhold, wenn er nicht verletzt ist, weil er ein unermüdlicher Antreiber ist. Der tut jeder Mannschaft gut.

Woher haben Sie Ihren Pfiff, mit dem sie so locker-unbekümmert in die Moderation gehen oder beim Interview Ihre Fragen stellen?

Sattler: Man merkt schnell, welche Fragen funktionieren. Man hat aber, wie jeder andere auch, nicht immer nur gute Tage. Wichtig ist vor allem, zuhören und dadurch entsprechend reagieren zu können. Außerdem kennen mich die Jungs mittlerweile, da gibt es auch eine gesunde Vertrauensbasis, die den Einstieg erleichtert.

Wie halten Sie sich selbst so fit?

Sattler: Da ich ja noch die SPORT 1-Außenredaktion in Berlin leite, als Freiberuflerin für Event-Moderationen von Firmen und Organisatoren gebucht werde und Geschäftsführerin einer Medienproduktionsfirma bin, ist das zuletzt – zugegeben – etwas weniger geworden. Früher bin ich drei-, viermal die Woche ins Fitness, das schaffe ich derzeit nicht, da muss ich mir vielleicht die eine oder andere Auszeit wieder gönnen. Andererseits hilft die Vielfalt meiner Arbeit den Blick auf andere Dinge – einmal weg vom Sport – zu richten. Das ist auch wertvoll.

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